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In Wien begegnet uns der Tod auf Schritt und Tritt. Wo sonst bitteschön
gibts schon ein Bestattungsmuseum? Wo sonst ein "Wiener Lied vom Tod" als
Handyklingelton? Georg Kreislers "Danse macabre" ein bittersüßes
Todesgedicht aus 1975 in violetter, Bennscher Farbe gemalt, aber eben
wienerischer, gründlicher, bösartiger, hat sich mir bei aller "Wien-lustigkeiten"
schwer auf die Zunge gelegt, mich röchelnd gemacht, fast "todessehnsüchtig"
nach Nekropolita Vienna.

Der
Tod Mozarts nach zehn Jahren Aufenthalt in Wien, im Jahre 1791, wo das Genie
als Müllsack in ein Wiener Massengrab der Armen geworfen wurde, blendet ein,
wie wenig Tod sein kann, wenn das Leben so stark und groß war.
Gedanken an den Tod, das sei ein Trost, ist immer auch Gedenken an die
letzte große Transzendenz des Einzelnen ins Reich kathedraler-
geistigseelischer Ordnungen, den Übergang ins Ganze. Also Reden über Tod ist
Leben, eben eine Etage höher. Der Wiener sagt: "wands Leben wüsd, muasst
übers Sterbn redn."
"Es
lebe der
Zentralfriedhof, und alle seine Toten", auch ein Wiener Lied,
von Wolfgang Ambros, zeigt uns sehr deutlich, auf zweierlei Weise, des
Wieners Einstellung zum Tod. Erstens: Er soll leben! und Zweitens: Er ist
mitten in Wien, beinahe so groß wie eine mitteldeutsche Kleinstadt wie
Schwäbisch Gmünd, und er besitzt, last not least, rund 50 Walcker-Orgeln
des Typ "A". Eine Art einmanualige Serienorgel also, bei der ähnlich der
Truhenorgel, die Windlade in Bodennähe platziert ist.
Diese
Orgeln, in den 60er Jahren gebaut, haben heute, wie jüngst in Ebay
geschehen, den doppelten Preis ihres ursprünglichen Herstellerpreises. Aber
heutzutage werden hier nur noch elektronische Kisten gekauft, die, wie man
weiß, nach 5 bis 10 Jahren durch neues Elektroakustika ersetzt werden. Denn
"Truhenorgeln" oder vergleichbare Instrumente aus einer
Pfeifenorgelwerkstatt kann sich das Unternehmen "Zentralfriedhof" nicht mehr
leisten: "Marktwirtschaftlicher Tod, der du so effizient sein willst,
kannst nicht a bisserl billiga san?" Oder man sieht: hier die
Symbolisierung "Leben" im lebendigen Pfeifenklang, dort der "Tod" im
elektroakustischen Sinuston der uns schon von den Intensivstationen her
bekannt ist. Der Dauerton ist hier das "Ende", das "Aus", der Tod eben, bei
der Pfeifenorgel ist es Stimme Gottes, Leben. Auch dieses duale Tasten
zwischen
Tartaros und Elysion haben
wir versucht mit der Formel AC-DC einzufangen, und in Wien gefunden. Wo
sonst, als in dieser Stadt brach der Graben mehr auf zwischen Kultur und
Zivilisation, zwischen Nord und Süd, zwischen Abend- und Morgenland.
Keiner der Kritiker jener Serieninstrumente, die lächerliche 50 Jahre mit
ein oder zwei Ausreinigungen überstehen, kann diese Situation befürworten.
Was fehlt sind eben preisgünstige Pfeifenorgeln, die bei unserer "technisch"
gehaltenen Qualitätsvorstellung nicht mehr in dieser Form produziert werden
können.
In
der
St.Peterskirche (1702-1713) mitten in Wien hat Michael Walcker-Mayer
mit dem getreuen
Wilhelm Reichhold die romantisch angetörnte Kauffmann-Orgel
hergerichtet. Das Kegelladen-Werk steht hinter einem bewegten Barockprospekt
und weiß den elliptischen Raum mit seinen gewaltigen Wandpfeilern gut zu
füllen. Während dem abendlichem Konzert am Samstag, den 25.11.06, bei der
uns Zsuzsanna Haidjdú aus Ungarn mit einer grandiosen "Sonata
Eroica" von Joseph Jongen beglückte, empfand ich die gewaltige
Macht des berruecca (portug.) barrucco (span.)
baroque (franz.)
- also des barocken Raumes in seiner ganzen
Beschwingtheit der dargebotenen Orgel-Musik - ach so angemessen. Die in
Marmor plastizierte Musik und jener Puls von der Westempore ins Unendliche,
ins Raumlose, Zeitlose, als vordringender Wille, der zu Stein wird und damit
ein Ganzes wird, mit dem Raum kopuliert, bewegt hier an diesem Ort ungleich
mehr, weil es ein mehrdimensionales Fest wird. Architektur und Musik die
sich vereinen. Die Anbetung des "ewigen Raumes", die sich niedergeschlagen
hat vom Pyramidenbau über griechische Tempel, Gotik, Renaissance bis zuletzt
zu diesen Räumen des Barock, wurde dann nur noch fortgesetzt in reiner
Musik. Hier also Aura, Unwiederholbarkeit, Einmaligkeit, und damit passiert
etwas außerhalb der Zeit, das zeitlos bleibt.
Diese Orgel hat wunderschöne Einzelstimmen, eine durchschlagende Posaune,
die weich ins Geschehen tritt und sich mit den anderen beiden Zungen schön
verbindet. Eine Philomena, die warm und angenehm abgeklärt ihre Geschichten
erzählt, sich gut mit allen anderen Stimmen vereint, ein zurückhaltendes
hölzernes Anblasen erlaubt, sie hat es mir angetan. Ein angenehmes Pleno und
ein kräftiges Tutti verschweben in der großen Kuppel des Hauptraumes mit
einem herrlichen Echo, das in der mittleren Lage gut 6 Sekunden währt, und
die das Statische des Orgeltons unterstreicht und gleichzeitig hinwegbläst:
...doch alle Lust will Ewigkeit - will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
Hierzu gibt es Musik als MP3 files,
von Michael Walcker-Mayer (c) aufgenommen in der Kirche St. Peter
zu Wien, gespielt von Wolfgang Reisinger am 11.Juni 2006 :
Auch
die
Votivkirche in Wien
(pdf Opus 306)
ist aus einem Todeserlebnis entstanden. Sie gilt als eines der
bedeutendsten neogotischen Sakralbauwerke der Welt. Die Entstehung des
"Ringstraßendoms“ neben dem Hauptgebäude der Wiener Universität steht in
Zusammenhang mit dem Attentat auf den jungen Kaiser Franz Joseph I.
am 18. Februar 1853 durch den Schneidergesellen Janos Libenyi. Der Bruder
des Kaisers, Erzherzog Ferdinand Maximilian, rief nach dem Attentat
„zum Dank für die Errettung Seiner Majestät“ zu Spenden auf, um in Wien eine
neue Kirche zu bauen. Die Walckerorgel in der Votivkirche wurde 1878,
zwei Jahre nach der Einweihung der Kirche gebaut. Mit 61 Register auf
mechanischen Kegelladen mit Barkerhebeln stellt das Instrument mit der
Walckerorgel in Riga die einzig übrig gebliebenen weitgehend unverändert
erhaltenen großen Instrumente der Hochromantik aus dem Hause Walckers dar.
Wir haben das Glück, dass Elfriede Kandler eine Einspielung vor der
Restaurierung von Klais vorgenommen hat, die am 12. Nov. 1986 stattfand. Man
hört einzelne Mängel der Orgel, aber man kann auch sehr gut feststellen,
dass die klangliche Substanz der Orgel von Klais nicht verändert wurde, was
als ganz hervorragende Leistung der Firma bewertet werden muss. Denn im
Gegensatz zu Restaurierungen aus anderen Häusern, können wir hier
tatsächlich identische deutsch-romantische Klänge hören und unser
Verständnis für derlei feine und feinste Klangabstufungen, Schattierungen,
zarte Einfärbungen, sensible Zungen und runde, warme Bässe an diesem
Instrument schulen - wo andere, dank ihrer plumpen Industrie-Intonation nur
laut und trompetenhaft herumgefingert haben.
Dazu also Musik als MP3 files,
aufgenommen 1986 in der
Votivkirche zu Wien, gespielt von Elfriede Kandler :
Nun,
die Votivkirchenorgel ist anders als die Walcker-Orgel im Mariendom zu Riga
von einem ätherischen Schleier zarter Streicher umwoben, während die
Rigaorgel ein lückenloses und klares Prinzipalpleno besitzt, das kaum an
Hochromantik erinnert. Überhaupt keine Romantik ist hörbar für mich in
Winterthur, noch weniger in Schramberg oder Ulm, St. Georg. Technische
Restaurierungen von Maschinensaal-Intonateuren eignen sich gut für
CD-Aufnahmen, wo man den Regler herunterfahren kann, aber nicht für Musik im
metaphysischen Raum. Denn da hört man die Maschine rattern, anstelle der
Stimme, auf der man seine Seele zur Pilgerreise empor zu Gott schickt.
Mystik
und Technik schließen sich aus. Die industrielle Restaurierung hemmt radikal
geistig-seelische Prozesse. Wer Meditation betreiben will und das Technische
dazu nicht auf ein Minimum begrenzen kann, der hat keine Chance "Gott zu
schauen". Das ist absolut keine kleinchristliche Weihnachtsmarktperspektive,
sondern immer ein tiefes seelisches Erlebnis.Und damit meine ich auch, dass
der künstlerische Prozess des Schaffens und Schauens
eine Form der mystischen Erleuchtung sein kann. Wer dazu allerdings den
technischen Prozess, der zweifellos seine Berechtigung hat, nicht auf das
Notwendigste begrenzt, wird im Formalen hängenbleiben und nicht auf das
Wesentliche stoßen. Dies ist die römische Krankheit aller Zivilisationen und
beruht auf Erfahrungen, die jeder Handwerker, der über seine Arbeit zu
reflektieren gewohnt ist, irgendwann in bestimmten Größenordnungen macht.
Dann hat er seinen seligen topos gefunden, von dem aus er riesige
Gebirge überblicken kann - findet er ihn nicht, so bleibt er ewig
Maschinist, eben auf das Rufen der oberen Stimmen angewiesen.
Einer
fast wundersamen Metamorphose entstiegen, hören wir die Orgel der ehemaligen
Hofburg in Wien (Op 4252, Bj 1962, 26m/m), die heute im Wienerwalddom
in Eichgraben steht. Eine Orgel ist dies, die alle meine
Idealvorstellungen von Orgelklang vereint. Warme und weiche Zungen: eine
feine, angenehme Trompete 8'. Da ist auch eine Mixtur 6fach auf 1 1/3, die
ganz ausgezeichnet zum Pommer registriert werden kann - man glaubt es kaum,
keinerlei Penetranz oder Aggressivität. Alle Register sind harmonisch weich
und warm, ohne jegliche Schärfe oder Härte. Diese Orgel wurde aus der
Hofburg hinauskomplimentiert nach jener altbekannten Methode:
"Konstruktionsfehler - Verschlissen - schlechte Materialien - 60er Jahre -
nicht mehr reparabel!
Michael
Walcker-Mayer hat diese Orgel mit einem neuen massiven Eichegehäuse in die
Katholisc he
Kirche in Eichgraben eingebaut, Intonation ausgeglichen, aber im Kern
beibehalten. Und das ist mehr wert als fünfzig neue Orgeln. Keine Frage,
dass natürlich ein spitzer Schreikasten an die alte Stelle der Walcker-Orgel
gesetzt wurde, wo sich noch lange die Gemüter über erstaunliche
Kostensummen, Funktionalität und Nützlichkeit Gedanken machen werden.
Derweil die wunderschöne Walcker-Orgel in Eichgraben ihre
sagenhafte
Harmonie ausströmen darf. Diese Orgel zu hören, empfehle ich jedem
Österreichbesucher. Weil es eben ein Beweis ist, dass vor fünfzig Jahren
klangschöne Orgeln gebaut wurden, die wie hier, lückenlos an die
Spätromantik mit anderen Mitteln anschließen. Und die alles was wir in
Deutschland an neobarocken Orgeln in den 60er und 70er Jahren vorgefunden
haben, an Milde segensreich überstrahlt.
(Danke Herr, dass Du
mich erhört hast, nach all dem hundsföttischen Geschreie....)
Am Ende
angelangt, und doch nicht ganz am Ende. Denn wir wollten natürlich noch ein
paar Wiener-Gschichten erzählen, zum Beispiel über einen ausgemusterten
Domorganisten, der bei der Stephansdom Westemporen-Orgel den Motor einige
Wochen laufen ließ, um das Ding endgültig kaputt zu bekommen, was es nun
auch ist. Oder, dass man seit Jahren die Orgel bei den Wiener Musikfreunden
nicht mehr benutzt, um dann auch so seine Gründe für einen Abriss zu haben,
obwohl dort bei den Orgel-Konzerten, außer bei den Orgeleinweihungen,
wahrlich keine Spitzenbesucherzahlen erreicht werden. Und doch noch ein
Schmankerl ganz zum Schluss: Im nächsten Jahr feiert Walcker-Mayer sein
50jähriges Bestehen in Österreich - wobei so ganz nebenbei gesagt werden
muss, dass ich selbst dann 40 Jahre im Orgelbau tätig bin, und meine Lehre
bei der Firma W.Walcker-Mayer in Guntramsdorf bei Wien am 1.7.1967 unter der
Schirmherrschaft des Orgelbaumeisters Schwind begonnen habe.
(Gerhard
Walcker-Mayer) 03.12.2006
ANHANG
und
hier die klangschönste Walcker-Orgel Österreichs von Michael
Walcker-Mayer (c) aufgenommen am 10.8.05 an der historischen Walcker-Orgel
in Graz Herz Jesu, gespielt
von
einem fantastischen Stanislav Surin / Slowakei,

FUßNOTEN

Ulrich Theißen
AC-DC
in Wien II
Eigentlich hätte es ein
Wochenende wie jedes andere werden sollen, aber als mich die Einladung von
Michael Walcker-Mayer erreichte, hatte ich mich der für Wochenendorganisten
üblichen Termine mit zwei Telefonaten schnell entledigt bzw. einem
Berchtesgadenener Nachwuchstalent noch eine Freude bereitet. Ein Wochenende
in und beim vorweihnachtlich gestimmten Wien, einige interessante Orgeln
(darunter Walckers Opus 5940), eine Aufführung des „Don Giovanni“ in Stift
Lilienfeld, mein Stammlokal „Zwölf-Apostel-Keller“ und last but not least
die Gastfreundschaft der Walckers in Guntramsdorf bei Mödling sowie ein
Wiedersehen mit meinem „bulgarischen“ Freund und Mitstreiter Gerhard
Walcker-Mayer und den zu erwartenden interessanten und lebendigen Gesprächen
über Orgelbau, Philosophie, Gott und seine oft genug skurrilen Vertreter in
der Welt – so etwas durfte ich mir nicht entgehen lassen. Zudem war es eine
gute Gelegenheit, meinen nagelneuen Volvo V50 etwas einzufahren.
Noch bis vor wenigen
Jahren hat man über solche Instrumente die Nase gerümpft:
elektropneumatische Ware von der Stange, Vorkriegsware, Mittelkriegsware,
Nachkriegsware, Ersatzwerkstoffe, Säuselklänge gepaart mit Magnetgeklapper.
Nicht so im herrlichen ovalen Kuppelbau der St. Peters-Kirche im
Zentrum Wiens: Die Orgel des unglücklichen Meisters Kauffmann, der sein Opus
maximum, die Wiener Domorgel, ein „Geschenk der Bundesrepublik Deutschland“,
wie noch heute eine Tafel im Stephansdom stolz vermeldet, nie richtig fertig
stellen konnte. Seither gilt der vor allem klangliche Torso als
„schlechteste Domorgel der Welt“, ohne je eine zweite Chance erhalten zu
haben. Doch in St. Peter konnte Kauffmann die Orgel des Franz Josef Swoboda
von 1903 umbauen und erweitern, und nach einer Renovierung durch Michael
Walcker-Mayer erfreut sich das Instrument hinter dem konkaven spätbarocken
Prospekt einer nie dagewesenen Beliebtheit, ebenso wie die Peterskirche, die
trotz der barocken Pracht eine mystische Stimmung verbreitet und zum „Gott
schauen“ einlädt. Üppige Kerzenspenden haben inzwischen auch in der Orgel
wieder ihre Spuren hinterlassen, das Instrument wird häufiger genutzt, als
man zunächst dachte. Aber uns Organisten freut es ja, wenn Kirchenobere die
Orgel klingen hören wollen, anstatt sie „geschont“ zu wissen. Auf Anweisung
von Gerhard spiele ich improvisatorisch einige Register durch, deren Klänge
er aufnimmt: die durchschlagende Posaune, die Oboe, schöne Flöten und
Streicher. Das Instrument hat Charme, auch ohne die einst geplanten
„Kirchenglocken“. Wir freuen uns mit ihm über die zahlreichen Besucher des
Konzerts der Ungarin Zsuzsanna Hajdú, das für uns beide umrahmt war von
obligatorischen Kaffeehaus- und „Zwölf-Apostel-Keller“-Besuchen. Ein heißer
Tipp für Wien-Liebhaber. Gute Hausmannskost, süffige Weine,
grantelnd-liebenswürdige Kellner und eine einzigartige Stimmung drei
Stockwerke unter der Erde. Vergangenheit wird lebendig und fassbar.
Gespräche über Europa, das arme und das reiche, über den „Europacharakter“
der südosteuropäischen EU-Beitrittskandidaten, über unsere bulgarischen
Erlebnisse, insbesondere „balkanische Träume“ als Väter der Realität … oder
als deren Überwinder?
Vielleicht interessiert
es die Leser dieser Seiten, dass der nunmehrige Professor für Slawistik und
leidenschaftliche Organist und Orgelfreund Ulrich Theißen seit dem 6.
Lebensjahr in Orgeln herumkriecht, Orgeln bestaunt, Bildbände von Orgeln
„verschlingt“ und gar aus Lego Orgeln nachgebaut hat. Eine der ersten
„erkletterten“ Orgeln in Schesslitz bei Bamberg war von Walcker (1962),
ebenso eine meiner Bamberger „Vertretungsorgeln“. In der Folge habe ich
spielenderweise die Höhen und Tiefen dieser Firma miterleben und manchmal
nachfühlen können. Ein genauer Blick auf die vielgescholtenen Walcker-Orgeln
der Sechziger und Siebziger zeigt, dass auch sie bisweilen ungeahnte oder
von „Ideologen“ bewusst ignorierte Qualitäten haben, bzw. dass auch andere
Firmen nur mit Wasser kochen. Nachdem ich 1993 noch Werner Walcker-Mayer und
seine Visionen von der Orgel der Zukunft (für mich etwas zu visionär)
kennenlernen durfte, ergab sich 2002 die Zusammenarbeit mit seinem Sohn
Gerhard und ein schöner und spannender Sommer in der bulgarischen Donaustadt
Russe, wo unsere Restaurierung einer Voit-Orgel zu einer hierzulande
unüblichen medialen Sensation geriet – unüblich zumindest, was Orgeln
betrifft. Am zweiten Tag meines Wien-Wochenendes ging es nun an das neueste
Instrument aus der Walcker-Tradition: In einer 1904 gebauten, wegen der Nähe
zum Krankenhaus wohlig (und konstant!) geheizten Kirche und in einem
historischen Gehäuse von 1907 (Rieger) stehend, deutsch-romantisch
orientiert, kräftig im Klang, aber immer angenehm und ohne Schärfen.
Nicht nur Mendelssohn, Rheinberger und Reger sind sehr gut auf dieser Orgel
aufgehoben. Allein die offenbar neueste Generation von Setzeranlagen, die in
der Vorsatzleiste lediglich die Sequenzerknöpfe enthält, wirkt
gewöhnungsbedürftig, auch die Perspektive, das Crescendo nur noch über den
Setzer betätigen zu können. Der „gute alte“ Rollschweller ermöglicht da doch
einen anderen Zugriff bzw. Zu-Tritt. Auch diese Orgel wird geliebt und
gespielt, unter anderem von Schwester Samuila, die aus Opava/Troppau stammt
und bei unserer Ankunft gerade mit einem Stück von Petr Eben beschäftigt
ist. Der Besuch des Cafés gegenüber zeigt, das Orgelbauer und Organisten
nicht nur in kirchlichen Milieus Popularität genießen: Das Café „Carmen“
scheint während der Montage der Orgel in der Herz-Jesu-Kirche zum Stammlokal
geworden zu sein.
Nach dem Aufwärm-Kaffee
büßen wir unsere Kaloriensünden wieder in einer winterlich kalten Kirche:
Nach etwa halbstündiger Autofahrt ist uns die Gnade einer Viertelstunde
gewährt, um die Orgel des „Wienerwalddomes“ in Eichgraben kurz zu sehen und
zu spielen. Auch so ein Beispiel eines „unzeitgemäßen Instruments“ aus den
„verruchten Sechzigern“, das einem Neubau von Kuhn weichen musste und nun
dank weitsichtiger Orgelfreunde zur „Domorgel“ avancieren durfte, umgeben
von einem neuen Gehäuse Michael Walckers und versehen mit neuen
Prospektpfeifen. Der ehemalige Organist der Hofburgkapelle, Prof. Alois
Forer, hatte sich bei diesem qualitätvoll gebauten und ausgewogen
intonierten Instrument durchaus viel gedacht. Sein Ideal einer klassischen
mechanischen Orgel, auf der (fast) jede Literatur gültig darstellbar ist,
kommt bei der Hofburg-Wienerwalddom-Orgel überzeugend zur Geltung. Es ist
zumindest keine „neobarocke Kreissäge“. Die klassische Literatur ist gut
darstellbar, und „romantisches Flair“ gelingt auch ohne Vox coelestis.
Karen de Pastel,
Organistin und Komponistin, kirchenmusikalische Hausherrin des Stiftes
Lilienfeld und „Kulturmanagerin“ des Ortes, versucht sich hin und wieder
auch als Dirigentin großbesetzter Orchester, und als Regisseurin, und das
mit Erfolg: Nach warm-eisigen Orgelerlebnissen ist der Sonntagabend einer
Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“ in einem ehemaligen Schlafsaal des
Klosters gewidmet. Der „Schlafsaal“ ist ein unterirdischer großer Raum mit
zwei Säulen und einem Gewölbe, dessen Akustik angesichts der geringen Höhe
erstaunt, ist es doch nicht gerade ein Kammerorchester, das das Geschehen
auf der Bühne mitgestaltet. Karen de Pastel und der Dirigent hatten eine
„publikumsfreundliche“, leicht gekürzte deutschsprachige Fassung der Oper
mit gesprochenen Dialogen gewählt, die 1801 entstanden war und auf der
Wiener Fassung basierte, also mit der Höllenfahrt des „bestraften Wüstlings“
endete. Die Begeisterung äußerte sich in frenetischem Applaus nach fast
jeder Musiknummer und nach den von Karen de Pastel in humorvoller Distanz
vorgetragenen Inhaltsangaben. Das Bühnenbild war knapp, die Eingangstreppen
mit in das Geschehen einbezogen, die Kulissen kamen wirkungsvoll aus dem
Beamer, Scheinwerfereffekte taten das Übrige. Orchester wie Sängerensemble
bestanden aus jungen, ambitionierten Musikern der Region, und manchen
Stimmen sollte man eine gute Karriere voraussagen können. Dieser „Don
Giovanni“ war ein Erlebnis, stellenweise auch für die Lachmuskeln, ich hätte
an diesem Abend nicht mit einer aufgetakelten und überteuerten Aufführung
mit Promi-Besetzung tauschen mögen.
Ob das Angebot Karen de
Pastels, mich während der Opernpause auf ihre Hradetzky-Orgel zu lassen,
ernst gemeint war? Ich hätte, bei aller Orgelliebe, das Nachklingen von
Mozarts „wirksamstem“ Bühnenwerk nicht durch Mixturen aus Krems stören
wollen. Lilienfelds Orgeltüren stehen mir auch später offen.
Nach einem von etwas
Müdigkeit, aber sonst glänzender Laune gekennzeichneten Frühstück geht es am
Montagmorgen mit Gerhard nach Baden, wo sich neben vieler Prominenz auch
Konstanze Mozart auskurierte, während ihr Mann über seinen Tod und die Musik
nachsann, die im doppelten Sinne sein Requiem werden sollte. Mit Orgel ging
es los, mit Orgel hörte es auf, und so „musste“ ich noch ein Instrument in
der Nachbarschaft der österreichischen Walcker-Werkstatt besuchen und
spielen, das auch in der Lage ist, Mythen über die Sechziger Jahre zu
revidieren. Und irgendwie erinnerte dann auch noch die zweiteilige
Aufstellung und Prospektgestaltung an jene Schesslitzer Orgel meiner frühen
Kindheit. So schließt sich der Kreis irgendwie bzw. die Welt wird in manchen
Momenten immer kleiner. Nach einem von Michael Walckers Frau Patricia
kunstvoll gefertigten und deftig gewürzten „slowakischen Gulasch“ und einem
(schon wieder) kalorienreichen Nachtisch (Schokoladenpalatschinken) führen
die Wege wieder auseinander. Vielen Dank für diese schönen, erlebnis- und
abwechslungsreichen „interdisziplinären“ Tage.

Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr.
THEIßEN Ulrich
Stv. Vors. der Curricularkommission
Sprach- und Kulturwissenschaft
Akademiestr. 24, Zi. 216, 5020 Salzburg
Tel: +0043-662-8044-4503
Fax: +0043-662-8044-160
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