Lieber Freund,
von Valladolid sende ich Ihnen
schöne, sommerliche Grüße und wünsche auch Ihnen ein angenehmes
Wetter. Wir haben hier nun nach rund 2 Wochen mit täglich 14stündiger
Arbeit einen Riesenschritt gemacht. Aber dennoch ist ein großer Druck da,
zum vorgegebenen Termin fertig zu werden. Denn die Orgel ist in wesentlich
schlimmeren Zustand als gedacht und geplant.
Heute habe ich mit meinem
Mitarbeiter, der sich übrigens hervorragend in die ganze Sache
eingearbeitet hat, zum erstenmal die Stadt etwas besichtigt : an jeder
Ecke eine Kirche, meist sogar uralt und mit historischer Substanz. Die
Stadt muß besonders in der Renaissance einen Höhepunkt in ihrem
kulturellen Schaffen und Blühen gehabt haben. Überwältigend sind die
Kathedralen und großen Kirchen mit ihren riesigen 5-6 Meter
Durchmesser-Säulen - wahre Steinwelten - Kosmen, in denen bei
Gottesdiensten ein herrliches Zauberlicht leuchtet. Auch das Straßenbild
ist für unsere Augen und Ohren etwas völlig ungewohntes. Hier ist bei
annehmbaren Wetter grundsätzlich die ganze Familie auf den Beinen, also
praktisch ist die ganze Stadt im inneren Kern flanierend unterwegs, man
sitzt und trinkt einen Cafe in den hunderten von Cafeterias oder man sitzt
einfach auf einer Bank und sieht sich die Bewegung der Menschenmassen an.
Alles lacht und man hat frohe Gesichter. Der südländische Charme dieser
Menschen nimmt einen rasch in Beschlag. Die Menschen sind überaus agil
und lebendig, sehr freundlich und immer interessiert - natürlich immens
sprachbegeistert mit Händen und Füßen. Was besonders positiv auffällt
ist, dass man kaum Betrunkene sieht, allerdings gibt es viele Bettler,
auch viele junge Menschen, die betteln, und es gibt viele Losverkäufer an
allen Straßenecken und an allen Plätzen.
Annehmbare Orgeln gibt es leider
keine - ich glaube, wenn wir hier fertig sind, haben wir eine der wenigen
überhaupt funktionierenden Instrumente hier geschaffen. Diese äußerst
schlechte Qualität, die wir hier an diesem Instrument aufgefunden haben
setzt sich in vielen anderen Dingen fort, was zur Folge hat, dass die
Leute hier dem "technischen Germanismus" frönen, aber
tatsächlich nicht ernsthaft damit beschäftigt sind an ihrer Lage etwas
zu ändern. Mir ist dies irgendwie sehr sympathisch, man nimmt alles nicht
so bierernst wie in unseren sauertöpfischen Provinzen.
Mit den besten Grüßen und
Wünschen
Ihr Gerhard Walcker-Mayer 22.9.2001