Good morning Amerika how are you

ein Orgelbauer berichtet von seiner Servicetätigkeit am  21.3. - 27.3.03 in den Vereinigten Staaten von Amerika,

als der Irak-Krieg begann.

Wanderer kommst Du nach Sparta ....

 

21.März 03 05:00 MEZ Freitag

Die Reise beginnt mit den Nachrichten der Invasion der US-Truppen im Süd-Irak. Warnungen von Freunden und Verwandten die Reise zu verschieben, sollten unbeachtet bleiben. Ein letzter Blick ins Internet: wie ist das Wetter in Atlanta, keine besonderen Vorkommnisse bei der Einreise in die USA oder Flugverschiebungen ?

21.März 03 06:45 MEZ Freitag

Bahnhof Saarbrücken: die Fernsehtafel bringt Bilder vom Krieg, ungewöhnlich viele Leute stehen davor.

21.März 03 09:50 MEZ Freitag

Frankfurt Airport: Terminal 2, Halle E, hauptsächlich für Überlandflüge in die USA ist wie ausgestorben. Einige Grenzschutzbeamte patrouillieren gelangweilt, was etwas Ruhe aufkommen läßt. An der Fly-away Bar wird ein letztes deutsches Würstchen verspeist. Eine Gruppe Niederbayern trinkt noch Beck's Bier, raucht wie verrückt und erzählt Witze. Durch die verstärkten Sicherheitskontrollen geht es recht schnell. Dann nochmals am Gate E9 erneute Kontrolle der Amis. Sie finden einen "Nailclipper" in meinem Handgepäck. Die Feile wird herausgebrochen, "do you accept?" o.k. - do it. Ich stecke mir die "Bruckner-Sinfonie Nr.4 von Nik Harnoncourt" ins Ohr : Warten.

21.März 03 12:12 MEZ Freitag

Der Flieger der US-Airways, selbiges Modell welches in einen der Twin-Tower raste, startet fast pünktlich. Nur wenig Deutsche an Bord. Die Klimaanlage sorgt für "eisige" Gelassenheit. Keinerlei Nachrichten über den Krieg an Board. Während des Fluges höre ich fünfmal "Reubkes 94.Psalm" (Herr Gott, des die Rache ist, erscheine) und ich lese Böll's "Wanderer kommst Du nach Spa...", Erzählungen, Geschichten aus dem Zweiten WK. Der Junge, welcher von der Schulbank weggeholt und in den Krieg geschickt wurde kommt zurück in seine alte Schule. Er ist verwundet. Als er  bemerkt, dass sein von ihm schön geschriebener Satz "Wanderer kommst Du nach Spa.." noch an der Tafel steht, nicht vollendet, weil man ihn zur Dienstverpflichtung schickte, wird er von der Bahre zum Operationstisch gehievt und bemerkt, dass eine Granatexplosion seine beiden Arme weggerissen hat.

21.März 03 20:32 MEZ Freitag

Landung in Pittsburgh. Empfang in englisch und deutscher Robotersprache. Gelassene Passkontrollen wie gewohnt, sehr höflich. Wie lange man bleibt und was man tut wird jeder NON-US Immigrant gefragt. Der Koffer muss abgeholt werden und durch den Zoll, wo ein perfekt deutschsprechender Zollbeamter weitere Einzelheiten erkundet. Erneute Leib- und Gepäckvisitation mit riesigem Personal, äußerst penible Kontrollen. Suche nach Drogen und Sprengstoff, Waffen.

21.März 03 23:45 MEZ Freitag

Abflug von Pittsburgh nach Atlanta. In Atlanta werde ich von James mit seinem nagelneuen Jaguar abgeholt. Wir fahren ins nordöstliche Georgia. Die zwölfspurige Autobahn vom Airport Atlanta, immerhin der zweitgrößte Airport der Welt ist gut befahren. Auf der schnellen linken Spur dürfen nur Autos mit mindestens 2 Insassen fahren. Das hat manchen schon veranlasst eine Puppe als Beifahrer mitzunehmen. Die Skyline von Atlanta erinnert an Frankfurt (im Maßstab 5:1). Es ist schön die beleuchteten Giganten in ihrer statischen Ruhe zu sehen. Einige sind von Philip Cortelyou Johnson, der mit Mies van der Rohe wunderschöne Wolkenkratzer in postmodernem Stil vor allem in New York und Houston baute. Heute wirken sie etwas dämonisch auf mich, aber erhaben.

22.März 03 02:25 MEZ Samstag

Ankunft in Toccoa, Georgia im Shoonys Inn. Durch die Klimaanlage wurde das Zimmer fast eingeeist, während es draußen angenehme 17 Grad Celsius hat. Ich teste den TV und höre nur "Bägdäd"..."Bägdäd"..."Bägdäd..."Bägdäd..."Bägdäd, dann schalte ich die Kiste  wieder aus.

22.März 03 07:20 MEZ Samstag

Ich gehe rüber zum Wal-Mart und hole mir eine "The Atlanta Journal", aber vielleicht verstehe ich zuwenig Englisch, ich kann keine nennenswerten Fakten finden. Bei T's gibt es endlich Frühstück, scrambeld eggs, bacon, gritz, toast ... Nach zwei Tellern und einigen coffee's werde ich langsam munter. In der First Baptist Church an der 1995 gebauten Walcker-Orgel mit 65 Registern sind Servicearbeiten zu machen. Mittags kommt Larry, er lädt mich zum Lunch in sein Haus ein. Auf der Fahrt dorthin zwei, drei Worte "about the war", mit dem kaum jemand richtig glücklich ist. Seine Frau und der Sohn empfangen mich sehr freundlich. Vor der Mahlzeit findet ein Gebet statt: ".. thank you god, for having Gerhard with us". So wird man aufgenommen, so selbstverständlich ist hier eine Gastfreundschaft, wie wir das in Mitteleuropa kaum kennen.

23.März 03 17:30 MEZ Sonntag

Eine halbe Stunde vor Gottesdienst in der First Baptist Church werde ich abgeholt. Chor, Organist und Minister of Music sind schon eifrig dabei sich auf den Gottesdienst vorzubereiten. Händeschütteln, alte und neue Bekannte begrüßen mich, "thank you, for staying with us", es klingt fast wie Solidarität, ist oft aber Höflichkeit. Der neue Pastor Dr. Nelson geht in seiner Predigt auf den Krieg ein, er lässt sich aber nicht festlegen. Das Symbol "Jesus" wird herangezogen und der christliche Widerstand gegen den Teufel. Die US-amerikanischen Kirchen tun sich sehr schwer mit diesem Krieg. Dazu beigetragen hat in jedem Fall die kategorische Erklärung des Papstes wider diesen Krieges, was für die 25% Katholiken in den USA eine gewisse Verbindlichkeit hat. Von den extremen Predigern einmal abgesehen wird der Kriegseinsatz der USA äußerst kontrovers in den Kirchen diskutiert. Nur sollte niemand glauben, dass Diskussionen dort so frei und offen geführt werden, wie das bei uns möglich ist. Eine der Hauptursachen des mangelnden humanitären Bewusstseins in den USA ist vor allem das äußerst begrenzte Wissen um Fakten und geschichtliche Zusammenhänge. Ein riesiges Problem nämlich ist, dass weder TV oder Newspaper noch der Schulunterricht elementares faktisches Wissen ermöglicht. Ein Professor (Deutsch und Musik) erzählte mir in Hinblick auf das amerikanische TV und dessen NEW's: "das ist BabyTV, sie bringen ein oder zwei Fakten, und dann einen Film über Elefanten, den sie vor zwei Wochen aufgenommen haben. Über Europa oder Asien erfahren wir nichts."

Abends gehe ich im Wal-Mart einkaufen. Die Öffnungszeiten sind 7-22Uhr every day. Ein Junge, vielleicht 22 Jahre alt kauft mit seiner Frau ein riesiges Gewehr und zielt im Supermarkt herum, während das Baby mit der Patronenschachtel spielt. Es gibt auch viele Angeln und Mützen mit Fischen, aber kein Brot oder Mineralwasser mit Kohlensäure.

24.März 03 14:00 MEZ Montag

Aufstehen, der erste richtige Arbeitstag. TV an und schnell nach den ersten Sätzen "Good morning Amerika how are you" den Sender auf Channel29 gewechselt, das ist GREAT AMERICAN COUNTRY, der einzige Musiksender. Denn MTV Channel 56 kann man hier glatt vergessen : dort führen spätpubertierende Jugendliche ihre seelischen Onaniekünste in Form von selbstanklagenden Monologen vor : etwas Entsetzlicheres als diese verquerten Strangulationen habe ich nirgends bisher gesehen, schlichtweg ekelerregend. Aber auch die Countrymusic wird schnell abgeschmackt, wenn dann mit tiefster Männerstimme "let the eagle fly..." ertönt oder "silver rings from their chest". Irgendwann höre ich dann doch wieder "Bägdäd"..."Bägdäd"..."Bägdäd..."Bägdäd.." und CNN und CNBC, wo man meint es drehe sich um ein Videogame, das in wenigen Stunden durchgespielt sein wird, mit zweieinhalb Toten höchstens vielleicht.

Im Peloponnesischen Krieg (431-421 und 415-404 v. Chr.) kam die Rivalität zwischen Sparta und Athen offen zum Ausbruch und wurde durch die Kapitulation Athens 404 v. Chr. zugunsten Spartas entschieden. Das Wesentliche bei den Spartanern war, dass sie die Familie dem Staat unterordneten: nur dadurch war der enorme militärische Drill möglich. Bestimmt kein Analogon zu dem heutigen US-Amerika. Das Analogon das ich hier beschreiben möchte ist vielleicht das Verhältnis Sparta-Athen .. USA-Europa. Und irgendwie fühle ich mich wie ein Alien, ähnlich einem Reisenden im Deutschland des Jahres 1933 : die Menschen sind alle so nett und freundlich, "...der räumt jetzt mal richtig auf, dann wählen wir einen anderen, aber wir haben dann wieder unsere Sicherheit und unsere zukünftige Ölquelle Irak".

Mittags gehen wir ins Family Steak House. Sirlon Steak mit Kartoffel und Sauercream wird bestellt mit Mineralwasser, das hat einen metallischen Geschmack. Warum Germany den Krieg nicht unterstützt fragt ein Tischgenosse, ob es nicht klar sei, dass Saddam seine eigenen Leute mit Gift bekriegt habe. "Ja, aber danach, nämlich 1990 haben die USA Hussein als Stabilitätsfaktor im Mittleren Osten gepriesen", eine von vielen Antworten, sie reicht aus. Ein anderer am Tisch sagt, "wir waren die Einzigen bisher, die Atomwaffen eingesetzt haben", "unsere Giftgasproduktion darf nicht von UN-Kontrolleuren geprüft werden", die Gesprächspartner geben sich aufgeräumt, es kommt keinerlei Fanatismus auf. "Kann ich morgen nach Europa noch einen Trip machen ?" fragt sich ein anderer, "oder sind wir Amerikaner da schon so verhasst?"

Am Abend habe ich den größten Teil meines Jobs hinter mir: die Intonation hat sich bei einigen Labialen etwas gesetzt, und die Stimmung der Violaschwebung war zu schnell eingestellt, ansonsten kaum Verstimmungen. Der Organist zieht die Zungen nach, was optimal durchgeführt wurde.

25.März 03 8:30 MEZ Dienstag

Immer noch im Jetlag, einem nach Langstreckenflügen auftretende, physiologische Störung, die besonders um Mitternacht Tageshelligkeit suggeriert. Schon lange vor dem Vögelgezwitscher, das so gegen 4:50 Ortszeit Atlanta beginnt liegt man da wach und gleichsam ohnmächtig im Bett. Außerdem verfolgt einem auch der CNN-Kampfschrei "Bägdäd" bis in die Spitzen des Tiefschlafes hoch zu allen REM-Phasen. "U.S. gears up for assault" ist heute die Schlagzeile der "The Atlanta Journal" Zeitung, bei der zutage kommt, dass der President die Bezahlung von 74,7 Milliarden US Dollar für die erste Rate des Irak-Krieges anfordert.

Die Arbeit an der Orgel wird pünktlich um 16 Uhr Ortszeit Atlanta fertiggestellt. Nach mittäglicher Diskussion über Funktionen und Aufgaben der Europäischen Union und die der US-Administration mit Dr. Henry Fields, Larry Earhart und anderen wird mir im Piedmont College von Prof. Dr. James Mellichamp die neue dreimanualige Casavant-Orgel vorgeführt. Die horizontale Trompete mit 120mm WS mit ihrem schmetternden Klang und auch der gesamte Orgelklang macht einen füllenden kräftigen Eindruck, ohne penetrant zu sein. Das Orgelinnere, die Trakturen, die Pfeifen, alles sieht ordentlich aus, kopieren würde ich es nicht. Dazu sind zu viele US-amerikanische Eigenheiten, die wir in Mitteleuropa ablehnen.

An einem blühenden Kirschbaum und einem weißen Gartenhäuschen, das mich sogleich an das Weimarer Häuschen erinnerte, bei untergehender Sonne und eingeschalteter orangener Straßenbeleuchtung gelingt mir ein schönes Abschiedsbild von Stevie Wonder's "Georgia", das so schwarz und dunkel sein kann, und das eine so tiefe Leidensfähigkeit erblicken lassen kann. Und dann haben wir noch in einer typischen small town Georgia's einen Italiener aufgesucht, der ausnahmsweise alles außer Pizza serviert.

26.März 03 13:30 MEZ Mittwoch

Abfahrt zum Airport Atlanta mit Rückflug über Charlotte/North Carolina, wo ein neuer Glaspalast als Flughafen entstanden ist, mit künstlicher Allee und weißen Schaukelstühlen für ausruhende Reisende. Alles ist blitzblank in weiß und metallenen Tönen gehalten. Ich blicke auf die Skyline von Charlotte und denke an "Vom Winde verweht..." und an den Amerikanischen Bürgerkrieg, der als erster Moderner Massenkrieg in die Geschichte der Menschheit einging und 620.000 Soldaten das Leben kostete, und das alles trotz der mäßigenden Eigenschaften Abraham Lincolns. Gerade zu dieser Zeit wurde die Bostoner Walcker-Orgel angeliefert, in der Fritz Walcker seine große Kunst der Klanggestaltung vielleicht endgültig fand.

27.März 03 11:10 MEZ Donnerstag

Ankunft in Bliesransbach

27.März 03 22:35 MEZ Donnerstag

going online

 

(c) gwm 2003

 

ergänzend zum Text wurde am 30.03.2003 eine Bildersammlung "pics of USA" eingespielt

 

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Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

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