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Prof. Dr. Ulrich Theißen

… wie so oft: Zwei Seelen in einer Brust, oder vielleicht noch mehr? Oft scheinen sie zu konkurrieren, die slawischen Sprachen und Kulturen und die Liebe zur Musik, besonders zur Orgel. Was ist Hobby, was Beruf – manchmal schwer abzugrenzen. In beidem bin ich gern aktiv, beides bereichert mich. Aber immer wieder wird klar, wie viele Überschneidungen es gibt, wie viel Gemeinsames zwischen den Disziplinen, und wie wenig abgeschlossen unser Wissen und auch jede Wissenschaft ist. Und dazu kommt: die Welt ist wahnsinnig klein. Sehr oft trifft man auf gemeinsame Interessen, auf verborgene Begabungen, auf gemeinsame Bekannte und Freunde.

Geboren bin ich am 1. Juli 1963, ab 1964 aufgewachsen in Bamberg. Trotz ausgeprägter musikalischer Begabung hat mein Sprachtalent den Weg in meinen späteren Beruf vorgezeichnet. Schon im Gymnasium waren es außer den Pflichtfächern Latein, Englisch und Altgriechisch die slawischen Sprachen, die mich fasziniert haben, besonders das Russische, das ich damals schon gelernt habe. Von 1983 bis 1988 habe ich an den Universitäten Würzburg und Salzburg Slawistik und Musikwissenschaft studiert. Von 1989 bis 1991 kam ein Doktoratsstudium in Salzburg und Sofia dazu, wo ich zehn Monate lang Zeuge der politischen Umwälzungen war. Von 1994 bis 2006 war ich Universitätsassistent in Salzburg am Institut für Slawistik, wo vor allem im Bereich Slawische Sprachwissenschaft (Russisch, Bulgarisch, Altbulgarisch) unterrichte und forsche. Nach einer langjährigen Dokumentation und Untersuchung des Wortschatzes des Altbulgarischen, das im Mittelalter die Funktion eines „Lateins des Ostens“ hatte, zog es mich zu den Namen der Heilpflanzen in den slawischen Sprachen. Dies wurde zum Thema meiner Habilitationsschrift, die ich im März 2006 erfolgreich verteidigen konnte. Seitdem bin ich außerordentlicher Professor für Slawistik, mit Schwerpunkt in der Sprachwissenschaft. Oft genug spielen die Musik und die Musikgeschichte in meine Tätigkeit hinein, wenn es um „euro-slawische“ Kulturbeziehungen geht, sei es am Beispiel von Mozarts tschechischen Zeitgenossen und ihrer bei uns völlig unbekannten Musik, sei es im Zusammenhang mit einem toskanischen Kastraten und seiner Abenteuer am Hof Peters des Großen. Meine nicht allzu häufigen Orgelkonzerte hingegen enthalten fast immer Werke hierzulande unbekannter Komponisten aus slawischen Ländern.

Und die Orgel? Sie begeistert mich seit dem 5. Lebensjahr – dennoch bekam ich erst Orgelunterricht, als ich 15 war, nach den Zwischenstationen Blockflöte, Klarinette und Klavier. Es ist nicht nur das Musizieren selber, das mich fesselt, sondern die Orgel in ihrer Geschichte als technisches Wunderwerk, als Kosmos, als Ausdruck von Vielfalt. Sie ist, wie das Thema des Kongresses im kroatischen Varazdin (2000) richtig lautete, Symbol des europäischen Kulturerbes. Diese Liebe, die immer mehr als nur ein Hobby war, äußert sich auch in einer umfangreichen Text- und Bilddokumentation und einer reichen organologischen Bibliothek. Mein erster Orgellehrer war Prof. Wolfgang Spindler, Bamberg, dem ich viele Einblicke in Bachs musikalische Theologie und Zahlensymbolik verdanke. Der damalige Bamberger Domorganist Wolfgang Wünsch erweiterte mein Repertoire und führte mich zur D-Prüfung. Während meiner Salzburger Studienzeit hatte ich Unterricht bei Prof. Franz Comploj, dem heutigen Domorganisten von Brixen. Von Anfang an war ich in den „liturgischen Betrieb“ eingebunden und spielte Vertretungen in fast allen Bamberger, später auch Salzburger Kirchen. Von 1990 bis 1994 war ich Organist und Chorleiter in Wals bei Salzburg, von 1998 bis Ostern 2002 in Bayerisch Gmain. Seither bin ich zur Stelle, wo man mich braucht und wann ich es zeitlich ermöglichen kann. Seit zwei Jahren habe ich auch wieder Orgelunterricht, beim Bad Reichenhaller Dekanatskantor Matthias Roth, einem Schüler von Franz Lehrndorfer und Edgar Krapp.  

Schon 1990 habe ich die Orgeln in Bulgarien besucht und, wo möglich, bespielt. Eine Kurzdokumentation ist in Ars Organi 1994, Heft 1 veröffentlicht. Im September 2000 wurde ich eingeladen, auf dem bereits erwähnten Kongress in Varazdin über die problematische Orgelsituation in Bulgarien zu referieren. Aus dem Kreis vieler Probleme (v.a. Finanzierung und Wartung der Schuke- und Jehmlich-Orgeln in den Konzerthallen) kristallisierte sich bald der Fall der denkmalwürdigen Voit-Orgel in Russe (1907) und ihre dringend notwendige Restaurierung als vordringlich heraus. Ich empfand es als kulturelle Verpflichtung, mich mit meinen sprachlichen und orgelbaulichen Kenntnissen für dieses wichtige Projekt zu engagieren, das im Mai 2004 erfolgreich abgeschlossen wurde.

Doch nun hat mich ein weiteres Projekt „um die Orgel gefesselt“: Nachdem ich schon ab meinem ersten Orgelunterricht alle Instrumente, auf denen ich spielte, dokumentiert und fotografisch festgehalten hatte – die Sammlung umfasst inzwischen viele Länder Europas und 12 Ordner – reifte im letzten Jahr der Gedanke, die Orgeln meiner Heimatstadt Bamberg in ihrer Geschichte und dem aktuellen Bestand auch aufgrund der Archivmaterialien zu aufzuarbeiten und als ein längst fälliges Desideratum ein Buch darüber herauszugeben, das gleichzeitig meine zweite, diesmal musikwissenschaftliche, Dissertation sein soll.

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