Gedanken zum Karfreitag
auf einem Apfelbaum ... am
18.April 2003
Oben auf diesem Apfelbaum saß ich vor genau zehn Jahren und
habe dieses wunderschöne Stück Natur versucht mit ein paar Pinselstrichen in ein
Aquarell einzufangen - ein Stück Kunst, das mir heute noch viel sagt, fast
alles andere sind verwehte Blätter eines Herbstes, der das Leben eben ist, ein
beständiges Verblühen.
Beginnen wir eine Wahrheit als Besitz zu betrachten, dann
haben wir sie erschlagen. Mit anderen Worten sagt dies
Dieter Hattrup in
seinem Buch „Die Wirklichkeitsfalle „ (Herderverlag ISBN 3-451-27732-8),
wo der Systematik-Professor an der Theologischen Fakultät in Paderborn über die
Wahrheitssuche in Naturwissenschaft und Philosophie philosophiert. Paderborn, so
sollte man meinen, das riecht nach Kirchenmuff und dunkelster Scholastik, aber
weit gefehlt: was Hattrup in seinen Gedankengängen anzubieten hat übertrifft
alle Erwartungen, es wird spannend wie in einem Kriminalroman geschürft und
herausgearbeitet, wenngleich es Schwierigkeiten bereitet ihm in allen Schritten
zu folgen, da er einfach viel zu viele Gedankengänge in seinem Labyrinth
voraussetzt.
„Das 20.Jahrhundert hat alle Utopien der Neuzeit zum
Scheitern gebracht, der letzte Rest ist in Krieg und Genozid aufgegangen. Die
Menschen sind nicht zu Brüdern und Schwestern geworden, auch hat die Versöhnung
mit Natur und Umwelt kaum einen Schritt nach vorne getan“ so beginnt Hattrup
sein erstes Kapitel „Wahrheit ohne Interesse“ indem er seine Theorie, dass der
Mensch vom „Interesse“ und der daneben befindlichen „Wirklichkeit“ geleitet ist,
und dass beides unterschiedliche Quellen entspringt. Wie der Titel verrät, so
hat Hattrup zunächst einmal die „Wissenschaften „ im Visier, denen er
unterstellt, dass sie sich nur mit einer der vielen möglichen Wirklichkeiten
befassen. Das Wort „Wirklichkeit“ drückt wesentlich besser als das
angelsächsische „reality“ aus, um was es hier geht : nämlich um das, was auf uns
wirkt. Das Mehr an Wirklichkeit, das alle Begriffe der Wissenschaft übersteigt,
das ist Gott. Skeptiker und Relativisten sind Absolutisten, da sie die Natur als
die einzig existierende Wirklichkeit behaupten. Damit wird Wissenschaft
ideologisiert. Und es erfolgt Keulenschlag auf Keulenschlag bis zum finalen
Hieb, den Hattrup der Physik verabreicht : „gerade die Quantentheorie des
20.Jahrhunderts hat die Unmöglichkeit einer begrifflichen Objektivierung aller
Wirklichkeit gezeigt“ wodurch uns wiederum gezeigt wird, dass es auch in der
Physik nur eine subjektive Wirklichkeit geben kann.
(Zum Thema Physik möchte
ich unbedingt empfehlen : „ Das Universum in der
Nußschale“ von Stephen
Hawking, im dtv-Verlag, ISBN 3-423-33090-2 für14.--EUR ) (heute 15.April
2006 empfehle ich das nicht mehr: Lesen Sie lieber Kant oder Interpretationen
seiner Schriften, da steht alles viel klarer und deutlicher drin, und vor allem
ist es 200 Jahre früher geschrieben, er hat gewissermaßen die
Relativitätstheorie vorweggenommen --- oder Sie lesen Parmenides, die wenigen
Fragmente, die es von ihm gibt, oder die vielen Deutungen besonders von
Heidegger oder dessen Kontrahenten Popper --- das ist schon über 2400 Jahre alt
und immer noch aktuelles, glasklares Wissen)
Es leuchtet nach dieser Erkenntnis auf, dass bei nicht
voller Objektivierbarkeit der Welt gerade der Welt der materiellen Erscheinungen
besonderes Misstrauen entgegengesetzt wird. So bleibt uns der Raum den uns
Spiritualität, Geist, Seele, Intuition und alles was uns sonst noch seit fünftausend Jahren
durch die esoterischen Quellen an weiteren Wirklichkeits-Welten zur Verfügung
gestellt wurde und es bleibt uns der von den Philosophen Schopenhauer und
Nietzsche gepredigte Kultus der Kunst. Seit Schelling hat dieser Kultus den der
Religion ersetzt. Hat nun Religion wieder nach dem „Ende der Neuzeit“ an Boden
gewonnen, wie der Philosoph Koslowski in seinem Buch „Die Prüfungen der Neuzeit
– Über Postmodernität, Philosophie der Geschichte, Metaphysik, Gnostik“
feststellt. Vielleicht aber sind dies alles Räume oder Folien, die mit einer
scheinbar objektiven Wirklichkeit verschweißt sind und die weitere Lebensräume
bieten, die eben nur dann existieren, wenn wir sie wahrnehmen . Ist es da Sein
und Zeit, wie es bei Heidegger ist ? Hinzu kommt, wie wir aus den Katastrophen des
20.Jahrhunderts erfahren haben und wie wir momentan wieder durch die
„US-amerikanische“ Katastrophenpolitik erfahren werden, dass jegliches Wissen
und jegliche Wirklichkeit ohne Ethik zur Sinnlosigkeit und zum Nihilismus führt.
Wenn des Menschen höchstes Ansinnen „Profit und dessen
Steigerung“ ist anstatt Sinnfindung und hier sei es in der Vereinigung mit einer
höchsten Geistigkeit das Heil zu suchen, egal nun auf welche Formeln man das
Ganze bringen mag, dann ist es erforderlich, dass die Menschheit ihr
meistgedrucktes Buch etwas genauer liest, denn von Profit steht dort absolut
nichts drin.
Und nun lege ich Hattrups Buch etwas zur Seite und rücke
meine Gedanken zurecht : wir kennen zwei grundlegende Symbole aus dem
Christentum, das Schwert und Jesus, die uns Kampf und Ethik verpflichtend seit
zwei Jahrtausenden Ansprüche setzend an uns herangetreten sind. Das Schwert als
Kampfsymbol und keinesfalls als Symbol der Gewalt. „Wer sein Leben zu bewahren
sucht, der wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“. Das
heißt, die Wahrheit kann zur Lüge werden und umgekehrt, je nachdem wie eine
Aussage in uns w i r k t.
Sehe ich mich nun in unserer Gesellschaft heute um, dann
sehe ich eine „fette Langeweile die mich angähnt, wo sich ein MacDonaldismus
breit macht in den engen Seelen von Winkeladvokaten und kleinen Trickdieben, die
das Tagesgeschäft in unserem Alltag dirigieren. Eine Öde und eine auf unterstem
tierischen Niveau abgehandelte Bürokratie finde ich da in diesem ganzen
„Deutschen Allerweltsalltag“, der dann seine schlimmsten Auswüchse noch im
Internet übel hervorquellen lässt, so dass man sich spät fragt : ist
denn keine Hoffnung mehr ? Die seelische Verfaultheit unserer Gesellschaft
gipfelt auch darin, wie sehr dieser US-amerikanische Weltkrieg gegen die Dritte Welt, von
vielen Kleinbürger aller möglichen Farben abgewogen wurde, inwiefern dieser
Krieg denn unsere wirtschaftlichen Interessen beeinträchtigen könnte. Erklärte
Christen teilten mir mit, dass doch Fasching eines solchen Krieges wegen nicht
ausfallen könne. Und darin gipfele der Liberalismus unserer süddeutschen
Frömmelei, dass man doch das Schunkeln einer solchen Bagatelle wegen nicht unterlassen
könne. Hier nach Hoffnung suchen? - frage ich mich. Immer wieder kreist ein
Gedanke da um eine innere Hülle, der da sagt : nicht die Wirkung nach außen ist
die entscheidende sondern die Wirkung in die eigene Mitte. Der innere Ruf einen
bestimmten Weg zu gehen will gehört werden, so wie ein bewusst gewordener Traum
wahrgenommen und gehört werden will. Wer aus seinem inneren Feuer keine Schlüsse
zieht ist ein gar armer Tropf. Die Hoffnung ist also nur dann da, wenn die
eigene Quelle der Wandlung und die Selbstheilungskräfte noch aktiviert werden
können. Und diese Kräfte können auch von außen initialisiert werden. Dies alles
mögen die Formeln der Geheimen Bünde gewesen sein. Den inneren Prozess nach
außen zu bringen, das war immer das Problem, weswegen es eben geheim abgehandelt
wurde und in der heutigen Zeit sehr komisch klingt, weil wir heutzutage nur auf
äußere Wirkung bedacht sind. Also doch noch Hoffnung ?
Ja -- dann leuchtet da ein Licht, und es wird hell und
plötzlich klar und rein, und es ist ein kleines Licht, ein kleiner Gott, denn
alles Große wurde zersprengt in tausende von Stücken : es ist Arundhati Roy,
Schriftstellerin aus einem „Drittland“ das den bornierten Eierköpfen in den
ersten und zweiten Ländern die Stirne bietet, und was sie zu sagen hat, das hat
Hand und Fuß und Kopf und Recht und Seele und Leidenschaft.
Arundhati Roy „Die Politik der Macht“ (btb-Verlag,
ISBN 3-442-72987-4) beginnt damit, dass die Verfasserin das Bauen von Staudämmen
in Indien aufklärt als ein Raubverbrechen der Menschen an der Natur für
vorübergehenden Profit. Eine Masche, wie es das Wirtschaftsdenken unserer
Erstländer den Drittländern in Form von Globalisierung oder Ökonomie gerne
verkaufen. Rund 50 Millionen Inder wurden wegen Staudämmen umgesiedelt, rund 50
Millionen Inder verloren ihre als lächerliche „Idylle“ verlachte Heimat und
ihren Boden und landeten wie Ram Bai in irgendeinem Slum in der Großstadt, wo
sie fragten, warum hat man uns nicht gleich vergiftet.
Arundhati Roy schreibt in ihrem Welterfolg „Der Gott der
kleinen Dinge“ (btb-Verlag, ISBN 3-442-72468-6) einen großen Roman den jeder
lesen muss. „Wer weiß, vielleicht ist es das, was das 21.Jahrhundert für uns auf
Lager hat : die Demontage des Großen. Großer Bomben, großer Staudämme, großer
Ideologien, großer Widersprüche, großer Länder, großer Kriege, großer Helden,
großer Fehler. (großer Orgelfirmen) Vielleicht wird es das
Jahrhundert der kleinen Dinge sein. Vielleicht macht sich gerade jetzt droben im
Himmel der kleine Gott für uns bereit“, so hat Arundhati Roy die heutige Zeit
kommentiert und Salman Rushdie, der von Fundamentalisten verfolgte Held sagt „Arundhati
Roy kombiniert brillante Reportage mit leidenschaftlicher Stellungnahme.. Ich
verneige mich vor ihrem Mut und ihrem Talent.“
Zwei Symbole haben unsere Zivilisation geprägt und das Wort
„Zivilcourage“ mitgeprägt : es war Jesus und das Schwert.“ Beginnen wir wieder
diese Symbole zu einem lebendigen Fliessen und Leben zu bewegen, lassen wir
allen Zynismus und weitgehende Bequemlichkeit fahren unter der Gefahr die uns droht, die so
evident und klar vor unseren Augen steht.
gwm
Karfreitag - 18.April 2003
nachfolgend die Bilder um den
Apfelbaum, die ich heute morgen aufgenommen habe,
der vor zehn Jahren gemalte Ast
heute digital aufgenommen, auch der Hochsitz
mit seinem verwitterten Holz,
an dem Landschaftsbild links oben
erkennt man Saargemünd in Frankreich,
also Europa und
Frühling