Reiseblatt

"eine der wenigen Kathedralen, wo noch Orgelmusik erklingt.."

Durch die Extremadura - Das Land der Konquistadoren

 Sie sitzen mit dem Rücken zur Straße - die Frauen in der Extremadura, schwarzgekleidet, gebeugt über ihre Stickerei oder Knüpfarbeit, wie abgewandt von einer Welt, die ihnen wenig zu bieten hat außer Dürre und Kargheit. Fast meint man, die Welt habe sie vergessen in diesem gottverlassenen Winkel Spaniens zwischen Toledo und der Grenze nach Portugal, zwischen der Sierra de Gredos im Norden und der Sierra Morena im Süden, zwischen Kastilien und Andalusien.

   Die Bewohner von Madrid denken nicht an diese Gegend, warum sollten sie. "Die Bewohner der Städte leben mit dem Rücken zur Wahrheit", schreibt Camilo José Cela in seinem Roman "Pascual Duartes Familie", einer Geschichte aus der Extremadura, "und sind sich oft nicht einmal dessen bewusst, dass zwei Meilen von ihnen entfernt, mitten in der Ebene, ein Mann sich damit unterhält, an sie zu denken, während er die Angelrute zusammenlegt und den Weidenkorb mit sechs oder sieben Aalen darin vom Boden aufnimmt."

   Von Kastilien aus gesehen, von wo die christlichen Eroberer kamen, ist die Extremadura das Land jenseits des Flusses Duero - daher der Name. Für den Besucher ist es das Land jenseits der Zeit. Hier heißt die Dorfstraße nach dem Generalíssimo Franco. Hier bröckelt Römisches neben Ruinen aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Hier gibt es Schwalben und Störche im Überfluss. Und die Frauen sitzen mit dem Rücken zur Straße.  Nur die Kinder rufen manchmal "guapa, guapa", wenn sie Fremde sehen. Rasch verschwinden sie wieder in den kühlen Innenhöfen, die mit blauweißen Kacheln ausgelegt sind und in denen manchmal Blumen wachsen. Die Schweine in ihren Verschlägen nehmen keine Notiz.

   Wir sind unterwegs in der Extremadura. Wir sind der Hitze ausgesetzt und dem Schauen in einem langsam wiegenden Rhythmus. Da gibt es Disteln, gelb und rot blühende Kräuter zwischen den Steinen, gepflügte Äcker, die in der Sonne glänzen, flüsternden Hafer, manchmal hellgrünes, weiches Gras, durch das es sich sacht galoppieren lässt.

   Die Schatten der Steineichen sind gestreut in diese Ebene aus Staub. Klein, dick und dornig sind ihre Blätter, geben der Sonne möglichst wenig Angriffsfläche. Die Stämme sehen aus, als wollten sie nicht recht vom Boden weg, der übergroßen Helligkeit entgegen. Majestätischer sind die Korkeichen mit ihren skalpierten und sonnengebräunten Stämmen. Zehn bis zwölf Jahre dauert es, bis die Korkschicht nachwächst und eine neue Ernte lohnt. Manche der Bäume erreichen diese Zukunft nicht: Sie hat der Blitz geschwärzt, verwandelt in leblose Schönheit.

   Wir fahren über den Rio Tajo, nur ein Rinnsal hier, das erst viel später zum breiten Strom wird und als Rio Tejo in Lissabon das Meer erreicht. Eine mächtige römische Brücke spannt sich über das Flüsschen. In ihrem Schatten gönnen sich andere Reiter eine Pause: die Vaqueros, die vielleicht letzten Cowboys Europas. Gelangweilt steht eine Herde schwarzer Rinder herum, den kleinen, zähen Pferden hingegen haben die Männer die Vorderbeine zusammengebunden, damit sie sich nicht allzu weit entfernen.

  Die Cowboys haben auch ein Auto, eine Art Begleitfahrzeug mit Kühlbox, Bier und Zigarren. Sie trinken mit uns und erzählen. Jedes Jahr im Juni treiben sie die Rinder nach Norden in die kühlen Berge von Gredos, die alte Römerstraße hinauf, bevor die große Hitze kommt. Im September begleiten sie die Herden zurück nach Süden.  Es sind gedrungene Typen in abgetragenen Hosen und Schiebermützen. Sie schlafen im Freien. Was sie dazu brauchen, ist in Plastiksäcken an ihren Pferden festgeschnallt. Noch hundert Kilometer haben sie vor sich, ein paar Tage noch. Während wir reden, fahren oben auf der Brücke die Viehtransporter vorbei, die das Geschäft der Vaqueros schneller und billiger besorgen und die sie bald gänzlich überflüssig machen werden. Trotzdem singen sie noch, und in ihren kehligen Stimmen liegt keine Bitterkeit.

Im Süden ändert sich die Landschaft: rötliche Erde, Olivenbäume, Pappeln und sanfte Hügel. Wir sind unterwegs nach Guadalupe. Das ist einer dieser Orte der Extremadura, deren Namen die spanischen Eroberer über das Meer in die Neue Welt getragen haben, andere sind Trujillo, Medellín, Mérida.

   Von hier kamen sie, die Konquistadoren, aus diesem verlassenen Winkel Spaniens - Vasco Núñez de Balboa, Francisco Pizarro, Hernán Cortés. Sie wollten von der Welt nicht vergessen sein. Wo sie hinkamen, brachten sie Elend und Tod für viele Menschen mit. Wenn sie zurückkamen, brachten sie Gold für die spanischen Könige. Zuweilen wurden sie dafür in den Adelsstand erhoben. Der Landstrich, aus dem sie kamen, jedoch blieb arm und abgelegen. Nur ein paar Adelspaläste in Trujillo und ein Reiterstandbild von Pizarro auf dem Hauptplatz erinnern an die Konquistadoren.

   Nach Guadalupe aber ist sogar Christoph Kolumbus gekommen, um für den glücklichen Ausgang seiner ersten Entdeckungsreise zu beten. Die ersten Indios, die er aus der Karibik mitbrachte, hat er hier taufen lassen, hier, zu Füßen der heiligen Maria von Guadalupe, zu der die Gläubigen schon seit dem dreizehnten Jahrhundert pilgern. Heute erklingen in der Kathedrale Walcker - Orgeln, und dies hat sich in ganz Spanien herumgesprochen. Eine der wenigen Kathedralen Spaniens, wo überhaupt noch Orgelmusik erklingt.

   Ein Stockwerk tiefer ist zu sehen, wofür das Kloster neben der Maria berühmt ist. Da hängen die Bilder von Francisco de Zurbarán, seine Mönche in ihren weißen Kutten, umgeben von Schatten, mit nach innen gekehrten Gesichtern, irgendwie fremd in dieser eigenartigen Welt. Leider werden diese in ihrer Nüchternheit so eindringlichen Bilder in einem reich verzierten Saal präsentiert. Aber nichts stört das Schauen im Kreuzgang des Klosters: Maurische Hufeisenbögen umgeben einen zugewachsenen Hof, in dessen Mitte sich ein kleiner Tempel mit spitzem Dach befindet. Die Ruhe, die hier eingefangen ist, lässt sich mit hinausnehmen auf den gleißend hellen Dorfplatz, wo der Dorfpolizist mit einem Brot unter dem Arm den nicht vorhandenen Verkehr regelt, wo ein paar Touristen im Café sitzen und Bellota trinken, den klebrigen Eichellikör der Region.

   Wir nehmen diese Ruhe mit hinüber in den Parador, eines dieser Hotels in Staatsbesitz, in denen wir auf dieser Reise wohnen. Der Parador, ein vierhundert Jahre altes ehemaliges Spital und Gasthaus, hat auch einen Kreuzgang. Oder besser einen Innenhof mit Orangenbäumen und einem Brunnen. Die Terrassen vor unseren Zimmern bieten einen großartigen Blick auf das Kloster, auf Zinnen und Kamine, auf spitze, mit Kacheln besetzte Türmchen, auf die Silhouetten der Störche vor einem perfekten Abendhimmel. Doch beim Blick über die Hügel hat diese Ruhe auch etwas Schauriges.

Wir kehren bald wieder, so klingt eine Stimme in uns, wie eine Korkeiche oder wie ein Olivenbaum, die da sagt, morgen das ist nur morgen, einen Olivenbaum aber, den pflanzt man für zwei oder drei Generationen nach unserer Zeit. Und das ist eben in der Extremadura das Tempo - an morgen denkt da keiner.

 

© gwm  / Mai 2003

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

Telefon 0049 6805 - 2974 oder 0049 170 9340 126

Telefax 0049 6805 91 3974