Die Bilder von Max Ernst
sind Rätselbilder mit tiefem Sinn. Eine Enthüllung des Bildes ist nicht
im Sinn, sondern eine Deutung in eine Richtung, vielleicht sind deren
viele möglich.
Auffallend sind drei Elemente : das
ovale Mondgesicht, die Jungfrau, welche zu ihm hochsieht und der
verkleinerte Mann links unten. Wir erkennen eine mehrmanualige
Schleifladenorgel. In der Mitte sind Register ungewohnt
hintereinandergestaffelt, Taubeneiermensur. Darüber dieselbe kleinere
Anlage, und dort hinter dem plakativen Mondgesicht vielleicht ein
Schweller. Rechts und links in C- und Cs-Seite das Pedal mit
Violonbass, Posaune und vorne eine Harmonia aetheria 4fach. Davor 2 Register
unbesetzt. In der unteren Mitte sitzt der Spieltisch mit angedeuteter
Traktur und links eine merkwürdige Balg-Windanlage.
Das Quadrat der Zeichnung und die
betonte Vierergruppierung der Mixtur lassen nach C.G.Jungscher Methode auf
eine Traumsymbolik schließen, die sich um Selbstfindung, Zentrierung
dreht. Der Maler kann bewusst oder unbewusst sich selbst, seine Frau und
seine Beziehungen offenbaren. In Zeiten wie diesen (1929), als jeder
Intellektuelle über die Freudsche Psychoanalyse Kenntnisse hatte, waren
es auch besonders die Surrealisten, die sich mit Traum und Unbewußtem
auseindersetzten und dies in Bilder-Botschaften weiter verrätselt
wiedergaben. Damit nahmen sie den Spielball des Unbewussten auf und warfen
ihm wieder zu.
Ohne Jungfrau, kleiner Mann und
Windanlage wäre das Bild völlig harmonisch ausbalanciert, so aber bilden
die Frau und die akurate und geschachtelte Balganlage mit ihren Falten und
aufgeschnittenen Kanälen ein ungleiches Komplementär. Die Frau ist durch
das Weiß ihres Körpers als Jungfrau charakterisiert, während der
Mann durch seine geringe Größe als unbedeutender Statist, Voyeur, fast
übersehbar ins Technische der Orgel eingereiht ist. Die Nacktheit der Frau, ihr Blick nach oben, ihre
ganze Leiblichkeit und Sinnlichkeit lassen viele Schlüsse zu: es könnte
sich um Eva oder um Maria handeln oder nur um die Seele, als das weibliche
Element im Menschen handeln. Vielleicht aber ist es ein Waldweib, erdig,
zerstörerisch, magisch, weise, hexenhaft.
Das rechtwinklige Dreieck als Symbol
des Verstandes, es ist heruntergeklappt und zeigt mit der Spitze nach
unten. So wird das Runde des Kopfes als Mond freigehalten, und damit der
Landschaftscharakter des Bildes erhalten. Die neun Dreiecke erwecken trotz
ihrer horizontalen Spiegelung den Eindruck der Verstandessymbolik. Das
nach unten zeigende Dreieck ist aber auch Symbol für das Wasser, welches
Himmel und Erde verbindet. Wir
finden es wieder bei einem weiteren Bild von Max Ernst "Euklid"
und beim "Festmahl der Götter", dessen Gesichter mit nach oben
und unten gerichteten Dreiecken eingefasst sind. Es deutet einen
negativen, nach unten gerichteten Aspekt der Rationalität an.
Die Landschaft ist ein Wald, ein
geordneter Wald, eine Zivilisation, die bedrohlich stumm ist mit dunklem
Hintergrund. Es sind offene, freie Stöcke, aber diese Freiheit ist
trügerisch, da nur nach der vorgegebenen Ordnung plaziert werden kann.
Das Riesenweib verdeckt einen Teil dieser Freiheit während der andere
Teil von einem Zwergenmenschen okkupiert wird. Die Freiheit in dem
technischen Apparat, sie ist streng kalkuliert, exakt berechnet. Die
großen weißen Flächen, sie sind im Menschen enthalten oder im göttlichen
Bereich zu finden nicht aber in der Welt (im Wald).
Die fein säuberliche Ordnung stellt
sich als Drohung dar, eine latente Spannung zwischen den geordneten
Orgelteilen und den drei "aktiven" Energien beunruhigt, je
intensiver man das Bild betrachtet.
Die Statik der Orgelteile gegen die
barocke Linienführung des Weibes gesetzt. Ein Gesichtspunkt vielleicht,
den die Orgelbewegung um diese Zeit hätte diskutieren können, wäre sie
gegenwartsbezogen gewesen und hätte sie etwas von Moderner Kunst
gehalten. So gesehen nämlich sind "Barock" und
"Orgel" wesensfremd. Das Unstatische des Menschen gegen seine Technik kontrastrierend,
feine säuberlich gerade Linien und hier das Weib in seiner Wesensfülle
dagegengestellt : dieser Gegensatz löst sich nie auf.
Das Dreieck, als dreieiniger oder als
konstruierender Gott oder als Geometer, der mit Zirkel, Lineal und
Reisbrett arbeitet, dessen Gesichtskreis eingeengt ist in die Geometrie -
mit der Orgel verwandt, deren Konstruktionsprinzip die Geometrie ist. Die
Orgel also als konstruierter Wald, und das Wort Wald stammt, wie jeder
nachvollziehen kann, von Welt ab und dieser Wald hat nichts mehr von wild,
er ist geometrisch domestiziert. Dieser Wald strahlt einen geheimen
Sadismus aus, die feinen klaren Linien, sorgsam genau notiert erwecken
Angst. Diese Orgel ist keine Orgel, die braust und zum Lobe Gottes anhebt,
es ist eine Orgel, die nicht einmal Klang oder Musik verspricht. Noch ist
es ein Augenblick zwischen dem Weib und dem Gott. Und man spürt
schon die Auflösung, das Leben wird unterliegen.
Der konstruierte Wald ist so dicht, da
kommt keiner durch. Die Pfeifenreihen des Künstlers sind weitaus enger
und geballter mit Pfeifen bestückt, als es in Zeichnungen von Orgelbauern
seiner Zeit gewesen ist. Und solche Zeichnungen musste der Maler Max Ernst
besitzen, da Ähnlichkeiten zu Orgelbauzeichnungen nicht zu verleugnen
sind.
Gegenübergestellt wird, das vom
Menschen Geschaffene und der Mensch selbst. Am Ende steht der Mensch als
kleiner hässlicher Zwerg neben seiner riesigen Technik, wie eine
unbedeutende Orgelpfeife, er verursacht nur noch Spannungen zwischen
seiner Technik und sich.
Die Seele dieses ganzen technischen
Apparates, das Weib, es schaut empor zu einer gottgleichen Vernunft. Das
Weib, es ist erdgebunden, der Gott ein Mond, eine Sonne, ein Gestirn, das
unbeirrt ist von den sich ununterbrochen wiederholenden Formen der
Pfeifen, aber das eingebunden ist in den Pfeifenkosmos.
Himmel und Erde, Geist und Gefühl,
Seele der Orgel und Geist in einer Sekunde der Ewigkeit, die die Orgel
repräsentiert mit ihrem statischen Ton, verbunden mit einem Augenblick
des Weibes, und damit treffen Ewigkeit und Augenblick zusammen als die
beiden entgegengesetzten Punkte der Zeit, die im Kreis sich treffen. Ein
Kreislauf könnte es dann auch sein, wenn das Dreieck als Wasser hinunter
zur "Erda" fliesst und wieder durch deren Augenblicke zum Himmel
emporsteigt.
Aus der selben Serie "der hundert
kopflosen" Frauen erschien ein einziges Bild, das diese Motive, die
hier durchdacht sind wiederkehren lässt, in einer genau verkehrten Art
und Weise, und gerade dadurch beweist es seinen Zusammenhang. Es ist die
Grafik "Lasst uns Satan danken..", auch hier zunächst eine
gleichachsige Ordnung, auch hier Musikinstrumente, Tuben, Waldhörner,
Trompeten - aber, und das ist der feine Unterschied "kein
geordneter, beruhigter Wald aus Pfeifen " sondern ein zirkuläres
"Chaos" innerhalb der Schaukästen. Das Gesicht des Teufels ist
unzufrieden, die Hände offenbaren sich als das wichtige Organ, das bei
unserem "Gott der Orgel" fehlt. Lautheit und
Händelsüchtigkeit (Hände) hier, während bei unserem Bilde nun ein Maß
von Stille und Erstarrung überwiegt.
Die Orgel, der Mond und das Weib, es ist
dadurch gekennzeichnet, dass das meditative Element des Waldes hervortreten
und ohne auch nur im Entferntesten den Klang der Orgel anzudeuten wird
dadurch auf den der über den Klang lastende Nimbus der erlösenden
Meditation verwiesen, auf eine trügerische Stille gewissermaßen.
So wird die Orgel bei Max Ernst etwas
Anderes, aber immer noch ist es da ein "mit lebendiger Seele"
und mit Augen fragender oder ansprechender Topos, der zur Meditation
einladen kann. Ein Ort, wo Verschwiegenheit und Stille wie eine geheime
Scheu herrschen, und was ist uns nicht widerlicher, als Lautheit und
Satanismus mit Posaunen,Tuben und Aktionismus.
Gerhard Walcker-Mayer
28.2.03