eingefuegt am 28.2.03

die hier angebrachte Grafik musste aus

Copyrigth-Gründen entfernt werden 16.01.2005 /gwm

Max Ernst : La femme 100 têtes 

die 100 kopflosen Frauen

The Immaculata Conception

aus dem gleichnamigen Collagenroman

(Paris 1929)

Die Bilder von Max Ernst sind Rätselbilder mit tiefem Sinn. Eine Enthüllung des Bildes ist nicht im Sinn, sondern eine Deutung in eine Richtung, vielleicht sind deren viele möglich. 

Auffallend sind drei Elemente : das ovale Mondgesicht, die Jungfrau, welche zu ihm hochsieht und der verkleinerte Mann links unten. Wir erkennen eine mehrmanualige Schleifladenorgel. In der Mitte sind Register ungewohnt hintereinandergestaffelt, Taubeneiermensur. Darüber dieselbe kleinere Anlage, und dort hinter dem plakativen Mondgesicht vielleicht ein Schweller. Rechts und links in C- und Cs-Seite  das Pedal mit Violonbass, Posaune und vorne eine Harmonia aetheria 4fach. Davor 2 Register unbesetzt. In der unteren Mitte sitzt der Spieltisch mit angedeuteter Traktur und links eine merkwürdige Balg-Windanlage.

Das Quadrat der Zeichnung und die betonte Vierergruppierung der Mixtur lassen nach C.G.Jungscher Methode auf eine Traumsymbolik schließen, die sich um Selbstfindung, Zentrierung dreht. Der Maler kann bewusst oder unbewusst sich selbst, seine Frau und seine Beziehungen offenbaren. In Zeiten wie diesen (1929), als jeder Intellektuelle über die Freudsche Psychoanalyse Kenntnisse hatte, waren es auch besonders die Surrealisten, die sich mit Traum und Unbewußtem auseindersetzten und dies in Bilder-Botschaften weiter verrätselt wiedergaben. Damit nahmen sie den Spielball des Unbewussten auf und warfen ihm wieder zu.

Ohne Jungfrau, kleiner Mann und Windanlage wäre das Bild völlig harmonisch ausbalanciert, so aber bilden die Frau und die akurate und geschachtelte Balganlage mit ihren Falten und aufgeschnittenen Kanälen ein ungleiches Komplementär. Die Frau ist durch das Weiß ihres Körpers  als Jungfrau charakterisiert, während der Mann durch seine geringe Größe als unbedeutender Statist, Voyeur, fast übersehbar ins Technische der Orgel eingereiht ist.  Die Nacktheit der Frau, ihr Blick nach oben, ihre ganze Leiblichkeit und Sinnlichkeit lassen viele Schlüsse zu: es könnte sich um Eva oder um Maria handeln oder nur um die Seele, als das weibliche Element im Menschen handeln. Vielleicht aber ist es ein Waldweib, erdig, zerstörerisch, magisch, weise, hexenhaft.

Das rechtwinklige Dreieck als Symbol des Verstandes, es ist heruntergeklappt und zeigt mit der Spitze nach unten. So wird das Runde des Kopfes als Mond freigehalten, und damit der Landschaftscharakter des Bildes erhalten. Die neun Dreiecke erwecken trotz ihrer horizontalen Spiegelung den Eindruck der Verstandessymbolik. Das nach unten zeigende Dreieck ist aber auch Symbol für das Wasser, welches Himmel und Erde verbindet.  Wir finden es wieder bei einem weiteren Bild von Max Ernst "Euklid" und beim "Festmahl der Götter", dessen Gesichter mit nach oben und unten gerichteten Dreiecken eingefasst sind. Es deutet einen negativen, nach unten gerichteten Aspekt der Rationalität an.  

Die Landschaft ist ein Wald, ein geordneter Wald, eine Zivilisation, die bedrohlich stumm ist mit dunklem Hintergrund. Es sind offene, freie Stöcke, aber diese Freiheit ist trügerisch, da nur nach der vorgegebenen Ordnung plaziert werden kann. Das Riesenweib verdeckt einen Teil dieser Freiheit während der andere Teil von einem Zwergenmenschen  okkupiert wird. Die Freiheit in dem technischen Apparat, sie ist streng kalkuliert, exakt berechnet. Die großen weißen Flächen, sie sind im Menschen enthalten oder im göttlichen Bereich zu finden nicht aber in der Welt (im Wald).

Die fein säuberliche Ordnung stellt sich als Drohung dar, eine latente Spannung zwischen den geordneten Orgelteilen und den drei "aktiven" Energien beunruhigt, je intensiver man das Bild betrachtet. 

Die Statik der Orgelteile gegen die barocke Linienführung des Weibes gesetzt. Ein Gesichtspunkt vielleicht, den die Orgelbewegung um diese Zeit hätte diskutieren können, wäre sie gegenwartsbezogen gewesen und hätte sie etwas von Moderner Kunst gehalten. So gesehen nämlich sind "Barock" und "Orgel" wesensfremd. Das Unstatische des Menschen gegen seine Technik kontrastrierend, feine säuberlich gerade Linien und hier das Weib in seiner Wesensfülle dagegengestellt : dieser Gegensatz löst sich nie auf. 

Das Dreieck, als dreieiniger oder als konstruierender Gott oder als Geometer, der mit Zirkel, Lineal und Reisbrett arbeitet, dessen Gesichtskreis eingeengt ist in die Geometrie - mit der Orgel verwandt, deren Konstruktionsprinzip die Geometrie ist. Die Orgel also als konstruierter Wald, und das Wort Wald stammt, wie jeder nachvollziehen kann, von Welt ab und dieser Wald hat nichts mehr von wild, er ist geometrisch domestiziert. Dieser Wald strahlt einen geheimen Sadismus aus, die feinen klaren Linien, sorgsam genau notiert erwecken Angst. Diese Orgel ist keine Orgel, die braust und zum Lobe Gottes anhebt, es ist eine Orgel, die nicht einmal Klang oder Musik verspricht. Noch ist es ein Augenblick zwischen dem Weib und dem Gott. Und man spürt schon die Auflösung, das Leben wird unterliegen.

Der konstruierte Wald ist so dicht, da kommt keiner durch. Die Pfeifenreihen des Künstlers sind weitaus enger und geballter mit Pfeifen bestückt, als es in Zeichnungen von Orgelbauern seiner Zeit gewesen ist. Und solche Zeichnungen musste der Maler Max Ernst besitzen, da Ähnlichkeiten zu Orgelbauzeichnungen nicht zu verleugnen sind.

Gegenübergestellt wird, das vom Menschen Geschaffene und der Mensch selbst. Am Ende steht der Mensch als kleiner hässlicher Zwerg neben seiner riesigen Technik, wie eine unbedeutende Orgelpfeife, er verursacht nur noch Spannungen zwischen seiner Technik und sich. 

Die Seele dieses ganzen technischen Apparates, das Weib, es schaut empor zu einer gottgleichen Vernunft. Das Weib, es ist erdgebunden, der Gott ein Mond, eine Sonne, ein Gestirn, das unbeirrt ist von den sich ununterbrochen wiederholenden Formen der Pfeifen, aber das eingebunden ist in den Pfeifenkosmos. 

Himmel und Erde, Geist und Gefühl, Seele der Orgel und Geist in einer Sekunde der Ewigkeit, die die Orgel repräsentiert mit ihrem statischen Ton, verbunden mit einem Augenblick des Weibes, und damit treffen Ewigkeit und Augenblick zusammen als die beiden entgegengesetzten Punkte der Zeit, die im Kreis sich treffen. Ein Kreislauf könnte es dann auch sein, wenn das Dreieck als Wasser hinunter zur "Erda" fliesst und wieder durch deren Augenblicke zum Himmel emporsteigt.

Aus der selben Serie "der hundert kopflosen" Frauen erschien ein einziges Bild, das diese Motive, die hier durchdacht sind wiederkehren lässt, in einer genau verkehrten Art und Weise, und gerade dadurch beweist es seinen Zusammenhang. Es ist die Grafik "Lasst uns Satan danken..", auch hier zunächst eine gleichachsige Ordnung, auch hier Musikinstrumente, Tuben, Waldhörner, Trompeten -  aber, und das ist der feine Unterschied "kein geordneter, beruhigter Wald aus Pfeifen " sondern ein zirkuläres "Chaos" innerhalb der Schaukästen. Das Gesicht des Teufels ist unzufrieden, die Hände offenbaren sich als das wichtige Organ, das bei unserem "Gott der Orgel" fehlt. Lautheit und Händelsüchtigkeit (Hände) hier, während bei unserem Bilde nun ein Maß von Stille und Erstarrung überwiegt.

Die Orgel, der Mond und das Weib, es ist dadurch gekennzeichnet, dass das meditative Element des Waldes hervortreten und ohne auch nur im Entferntesten den Klang der Orgel anzudeuten wird dadurch auf den  der über den Klang lastende Nimbus der erlösenden Meditation verwiesen, auf eine trügerische Stille gewissermaßen. 

So wird die Orgel bei Max Ernst etwas Anderes, aber immer noch ist es da ein "mit lebendiger Seele" und mit Augen fragender oder ansprechender Topos, der zur Meditation einladen kann. Ein Ort, wo Verschwiegenheit und Stille wie eine geheime Scheu herrschen, und was ist uns nicht widerlicher, als Lautheit und Satanismus mit Posaunen,Tuben und Aktionismus. 

 

Gerhard Walcker-Mayer

 28.2.03

 

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