Librum Organum
Papier- Orgeln
Orgelbauer im Lauffener Baden-Württemberg
21.-22.11.09
von Gerhard Walcker-Mayer
(verbesserte Fassung 26.11.09)
Wenn ein Schwabe einmal im Jahr zurückkehrt
ins Schwabenland, so ist das analog einem Trunksüchtigen, der das ganze Jahr
im „trockenen“ Zustand verhadert, und sich dann gleich ein ganzes Faß
„Rauschmitteilungen“ an einem einzigen Tag genehmigt: er fällt zurück in den
erdenschweren Zustand, auf dem sein Ego wie ein Korken schwimmt, auf dem
singenden, brausenden und tobendem Meere der Unbewusstheit, des unwissenden
Verlangens und Treibens.
Da sind dann alle Fragen und Antworten immer
leidensbetont, da ist er mit Allem und Jedem identifiziert, irgendwo ist
alles Kindheit, und irgendwo ist auch immer eine„Walcker“, in jeder Kirche
stand mal eine, oder ist noch eine, wie in der
Martinskirche in Lauffen, wo
man erst kürzlich die wunderschönen romanischen Fresken freigelegt hat, aus
1325, die bei der Installation der Orgel im Jahre 1949 noch unter Verputz
gelegen haben; der Chor der Kirche also nur unter halb offenbarter Wahrheit
besichtigt werden konnte. So auch die Walcker-Orgel in der Lauffener
Regiswindiskirche (Opus 2338,
III/34, Bj 1934) auf der anderen Seite des Neckars, die nach einem
Volltreffer der Alliierten auch heute nur noch Papier ist. Und die, weil auf
der Rückseite des Prospektblattes, ein forscher Landeskirchenrat Dr.
Mahrenholz, seinen Aufsatz "Zur Frage der Barockorgel" zur Diskussion
stellt, öfters als andere Papierorgeln aus dem Archiv gekramt werden
muss.

Und auch die Sprache tut ein Übriges. Er fällt
in sie zurück, in das Verniedlichende, Vereinfachende, in die
schwäbisch-rokokohafte Manier der blattgoldhaften Sprachverzierungen, des
unleidigen Versilberns, in der die größte Anklage noch etwas Erhöhendes vom
Hölderlinschen Hyperion in sich trägt.
Von diesem Hölderlin und seinem Hyperion habe
ich noch den Geschmack eines „kommenden Gottes“ auf der Zunge, wenngleich
wesentlich gemäßigter, reduzierter, durch die Zeiten abgeschliffener, auch
im Schwabenland, wie in Bayern und Österreich er kaum noch stärker in
Erscheinung tritt, das Bedürfnis, seinem Gotte ein beredetes Wort
anzuhängen. Warum glaubt man nur nicht mehr, warum zweifelt man nicht mal
mehr am Zweifel?
Und wieder einmal ist es Claudius
Winterhalter, der uns aus dieser Sackgasse hilft, als er am späten Abend
einen Katalog des Berliner Künstlers Thomas Demand vorstellte, der eine
komplette Windlade der Kufsteiner Walcker-Orgel in Papier nachbildete. Sehr
filigran alle Pfeifen mit Expressionen und Stimmvorrichtungen dabei
nachbildete. Und dann nach all dieser unglaublich aufwendigen
„Papier-Bildhauerei“, das Ganze fotografierte und vernichtete.
Es ist, ohne es zunächst zu vermuten,
tatsächlich vergleichbar den Arbeiten des Bildhauers Armin Göhringers, der
in Alpirsbach die sorgsam vorbereiteten Eichentafeln mit Kettensäge
„zerstörte“.
Jedoch werden wir hier bei Demand auf
Papierwirkungen geführt, das unsere ureigenste Kraft, die Orgel zu erheben
auf Jahrhunderte, mit schwerfälligem Material, mit dem Anspruch der Ewigkeit
näher zu kommen, nicht nur im statischen „ewig“ besetzten Dauerton der
Orgel, auch der Bauweise, die sprichwörtlich „ewig“ halten soll, am Ende gar
den von Oswald Spengler im „Untergang“ ausgerufenen „faustischen Auftrag ans
Unendliche vorzustoßen“, wird dieser Orgelbauerauftrag völlig außer Kraft
gesetzt, ja ins Umgekehrte verdreht: Orgel sein für ein paar Stunden,
papiern sein, wie Zeitungs-Schreiberlinge tun, für den heutigen Tag eben
wirken. Denn Morgen ist angstbesetzt, leichenblass wie Papier.
Das Heute noch im Papier gesetzt, aber schon
dabei sich ins Virtuelle des Digitalen zu verflüchtigen. Ein Ausdruck wird
sorgfältig überdacht. Die Vernichtung des Papiers, alltäglicher Usus, auch
Vernichtung des Regenwaldes, wird hier bei Demand zum Ritual. Der Künstler
zeichnet die Zeit grotesk ab, macht uns aufmerksam und markiert Zeit und
uns. Nicht wie in Halberstadt geschieht, wo noch das „Heilige“ und
„Faustische“ vorgegaukelt wird unter Inanspruchnahme blühender
Touristeneinnahmen. Jenes was Gottfried Benn bezeichnet hat als: „Das was
ihr heilig nennt, nenne ich nur doof“.
Touristenvereinnahmung war es auch was Demand
angetrieben hat, diese Orgel zu „bewahren“, als das was sie war. Nämlich
Kriegerdenkmal. Nicht Kriegsverherrlichung. Sondern Festhalten einer
geschichtlichen Situation, als Kuriosum vielleicht, aber mit Anspruch und
Idee. Den Touristen zu bedienen, als städtebauliche Konzeption, das ist
schon ein Frevel an der Geschichte, die ja eigentlich immer
Eigentümlichkeiten herausarbeitete und die so das Fremde eher unterstreicht,
als Kanten glatt zu bügeln und Unterhaltung zu präsentieren. Der Langeweile
des Touristen entgegenkommen und dieser Nahrung zu bieten, wer sich einmal
dieser Aufgabe gestellt hat, ist in jedem Fall schon weit davon entfernt
noch irgendetwas an überkommenen Kulturwerten halten zu können. Von
Neuschöpfen wollen wir gar nicht mehr reden.
So interpretiere ich teilweise den Künstler
Demand und denke, dass seine Orgelgestalt „Kufstein“ gleichzeitig
beängstigend und berichtigend in ein Denken über den heutigen Orgelbau
eingreift, indem er die „papierne Leiche Orgel“ präsentiert, die einst
gesungen hat von ihren Helden und Kameraden. Und die ausdrücklich keine
Kirchenorgel mit begleitetem Gemeindegesang gewesen ist.
Und nicht einmal mehr dieses Stückchen Papier
des Nachbaues bleibt mehr von ihr übrig, sogar das wird noch zerstört. Nur
ein Abbild, eine Sekunde Aufmerksamkeit, ein Blitzlicht, präsentiert der
Künstler in der Neuen Nationalgalerie in Berlin: der Bruchteil einer Sekunde
wird bewahrt und gegen den faustischen Anspruch auf Ewigkeitsgeltung
gesetzt.
Ich interpretiere Demand’s Werk also völlig
anders als es vielleicht Claudius Winterhalter tat, der vor allem von der
artifiziellen Seite tief beeindruckt war, wobei ich mir sage, wir brauchen
heute keine Ästhetik mehr, die weit über die Religionen hinausdeutet, wie
einst die Romantik. Wer Verantwortung morgen übernehmen will, muss sich
jener vielgestaltigen Ästhetik ausdrücklich versagen. Das sind Gründe, warum
man heute wieder Kierkegaard liest, weil wir zwischen Ästhetik und Ethik zu
entscheiden haben. Wobei Maß und Regel in unserer pluralistischen
Gesellschaft, die sie heute noch ist, einem werdenden Kanon zu unterwerfen
hat. Vielleicht einem „werdenden Gott“, wie es Rombach vor Jahren
beschrieben hat.
All diese Fragen tangieren natürlich die
Grundfrage der heutigen Orgelbaukunst: „Erhalten wozu?“. Orgeln, die mit
hohem Aufwand restauriert werden, und nach Abschluss der Arbeiten werden die Kirchen
geschlossen, können nicht überzeugen, treiben überhaupt nichts weiter an,
als das museale Gespinst über der Orgel. Orgelaufführungen und
Instrument erstarren so zu seltsamer Maskerade, werden dabei zur Alibifunktion einer
Gesellschaft, die es vorzieht sich mit Brot und Spielen unterhalten zu
lassen, anstatt auch in der Unterhaltung Ansprüche zu stellen.
Wir haben im Orgelbau in den vergangenen 80
Jahren ein unermesslich riesiges Schrifttum fabriziert bekommen, das von
Detailreichtum unheimlich und dunkel glänzt und geradezu eine Versessenheit
präsentiert in der veräußerten Behandlung der Orgel.
Ein Grund dafür ist natürlich, dass
Skribenten aller Couleur, die niemals irgendeinen Teil an der
Orgel gefertigt haben und ohne sich je um Konstruktionsprinzipien oder
um Orgelstrukturen Gedanken zu machen, die dazu gar nicht in der Lage wären.
Weil sie geradezu das Bad im Papier als elementare Glückseligkeit empfinden,
anstatt die Mäßigung um gerade jenes schriftliche Fixieren besorgt wären. Sie müssten anstatt sich im Detail zu verlieren, versuchen an die wahren
Bedingungen und Abhängigkeiten der Orgel zu rühren, sie müssten praktisch
strukturalistisch herangehen. Eine Mühsal wäre das, da ist es doch einfacher
"Die Orgelakten von Wiebelsheim" oder "Die Orgelgeschichte von Entenhausen
unter besonderer Berücksichtigung der Quatschenwatschentechnik von Dagobert
Duck" zu verfassen.
Papier sorgt letztendlich für Deflation,
Aufblähung, besonders die der Bedeutungslosigkeit. Aufblähung besorgt dem
Detail ungeheure Geltung. Man könnte es auch die Überbewertung der
Dekoration nennen.
Wer die Masse an Orgelliteratur im vergangenen
Jahrhundert studiert hat und zum Vergleich die wenigen Bücher des 19.
Jahrhunderts setzt, aber auch sieht, welche Diskrepanz zwischen Tat und Wort
(Bau und Schrifttum) dieser Zeiten dazwischen liegt, der wird unweigerlich
zum Schluss kommen, das hier eine Inkongruenz (Mißstimmigkeit) zwischen der
Arbeit am Text und den praktischen Ausführungen liegt.
Überbewertung des Papiers also schließt die
Unterbewertung der praktischen Kulturarbeit mit ein.
Dieser Schluss allerdings wäre dann ein
Fehlschluss, wenn man die Idee zur Weiterbildung zu einer neuen Zeit
ignoriert. Wenn man das Althergekommene in Schriften packt, um es zu
archivieren, und um es damit abzuschließen und den Weg freizumachen für eine
neue Zeit. Was allerdings im Orgelbau einen etwas anderen Effekt hat. Kein
Mensch der im Orgelbau tätig ist, glaubt noch an stilistische Erweiterungen
des Instruments. Wie auf dem Jahrmarkt greift man in Lostrommeln bei
Neudisponierungen und schielt auf billigste Effekte (Köln, St. Peter). Man
verspricht sich, dann ins Schwarze getroffen zu haben, wenn möglichst viele
Schreiberlinge, die Dispositionen und Gestaltungen endlich in Papier
verformt haben, damit dann auch das Heer der 6500 Orgelfreunde in den Genuss
kommen sich dieses Instrument reinzuziehen.
Nämlich erst die Orgel tritt ins Bewusstsein,
die papiern geworden ist, so wie auf dem Internet nur der lebt, der über
Google aufgefunden wird.
So war eine Diskussion über die Frage, welche
Bedeutung wohl die heutige Zeit des Orgelbaus in der Zukunft einnehmen wird,
positiv daran gescheitert, dass unabhängig zur Orgel andere Entwicklungen in
Wirtschaft, Klima, Politik und Weltbevölkerung viel mehr Einfluss haben
werden auf die Bewertung des heutigen Orgelbaus, als es dieser selbst zu
schaffen vermag.
Wir meinen anhand der Interpretation einiger
Papyrusrollen großartige Kulturepochen vor 3-4-5 tausend Jahren bewerten zu
können und übersehen dabei gänzlich das, was Feyerabend in
„Naturphilosophie“ deutlich zum Ausdruck bringt, dass bedeutende Völker, ja
ganze kulturreiche Erdteile bis vor wenigen Jahrhunderten überhaupt kein
Schrifttum pflegten, ja gar keine Schrift kannten.
Sogar die Griechen haben mehrere Jahrhunderte
hindurch ihren Mythos mündlich weitergegeben, ohne sich um schriftliche
Niederlegung zu kümmern, weil sie dadurch der feinen Rhetorik sicher sein
konnten. Überhaupt ist alles Griechische was vor Platon schriftlich
überliefert wurde, in maximal zwei Aldi-Tüten unterzubringen. Und dennoch
war es eine der großen abendländischen Kulturen. Zeichen dafür also, dass
das Wort und damit das Papier nicht Garant für menschliche Größe sein muss.
So beginnen wir aber oft damit diese
Kulturen zu konstruieren, nehmen ein paar Knochensplitter und Papier aus späteren
Zeiten und fertig ist ein völlig entstellender Hollywood-Film über Alexander
den Großen oder TV-Beitrag über Gottfried Silbermann. Über Klang und Stimmung seiner mit
Keilbälgen und unbekannten Kalkanten betriebenen Orgel hängt ein Konstrukt,
das mit aller Gewalt in unsere Zeit gepresst wird, um damit erst
verständlich zu werden und das plötzlich einen
totalen technischen Gesichtspunkt erhält.
Wir können aus unserer Zeit nicht aussteigen,
aber wir haben die Pflicht bei der Beurteilung anderer Zeiten Milde gegen
diese walten zu lassen. Und wir müssen uns endlich sicher werden, dass jede
Geschichtswissenschaft nur interpretiert und festes Wissen niemals zu haben
ist.

Besuch der Voit-Orgel II/26, 1879 in Eppingen (Link
zum Bildteil der Rensch-Seite)
Eine mechanische Kegellade, die wohl vor der
Restaurierung durch Rensch mit stark ausgeschlagener Mechanik und
klanglichen Mängeln bestückt war. Nun besitzt das Instrument eine elektrisch
gesteuerte Kastenbalg- (Spanbalg) Anlage. Drei Schrittmotoren ziehen die
drei Stöpsel nach Bedarf hoch. Am Balg sind Fühlerkontakte, die
Informationen zum Siemens-Steuer-Computer senden. Eine ausgereifte
Programmierung ist erforderlich, um auch bei vollgriffigem Spiel den
erforderlichen Wind beizubringen. Außerdem kann per pedes Wind erzeugt
werden.
Dieses Spanbalgsystem wurde von Eberhard
Friedrich Walcker (1794-1872) erfunden und jener hatte es bis zu seinem Tode
verwendet. Auch dann, als er 1856 bei Aristide Cavaillé-Coll dessen
Magazinbälge gesehen hatte, hielt er an diesem Balgsystem weitgehend fest,
obwohl immer wieder bei großen Orgeln (Ulm) Schwierigkeiten damit auftraten.
Sogar die Söhne hatten noch in Wien-Votivkirche (op.306, Vertrag wurde 1874
geschlossen, III/62) Pistonbälge, um eine neue Namensvariante zu nennen,
auch Stöpselbälge wurde dazu gesagt, eingebaut.
Dieses System der Beibehaltung der
Kastenbalganlage ohne Verwendung eines Ventilatorgebläses hat einen ganz
grundsätzlichen Vorteil: man hat einfach denselben Winderzeuger, wie er vom
Erbauer konstruiert wurde und wie er nun seit 140 Jahren musikalisch genutzt
wurde.
Durch das Reinblasen eines Ventilators in das
alte Balgsystem entstehen immer Probleme. Einesteils hat man unruhigen
Ventilatorwind, dann stimmen die Angaben von Druck und Windmenge nie mit den
bestellten Werten überein, und die Maßnahmen, die man zu Ergreifen hat, um
alle Mängel aus dieser Ventilation zu beseitigen, sind dann letzten Endes
erhebliche Zugeständnisse gegen die Historie.
Man kann solche System aber auch an
Tretbalganlagen bei Magazinbälgen verwenden. Auch hier würde man immer ohne
Ventilator arbeiten. Es gibt hier eine ganze Menge guter Beispiele, wie man
„historischen Wind“ erzeugen kann, ohne die Windkeule aus Weikersheim zu
verwenden (oder aus Ungarn, wo die gleichen Motoren derzeit gefertigt werden
zu vielleicht 20% reduzierten Preisen, in Details aber grobschlächtiger).
Die Voit-Orgel in Eppingen macht einen
großartigen Eindruck auf mich. Besonders auffällig der ganze technische
Apparat, Mechanik, Pfeifenwerk, Windanlage. Klanglich habe ich allerdings
andere Vorstellungen.
Die Disposition ist noch nicht auf das
Voitsche Urbild zurückgeführt, was verstörend ist, wenn man keine Aeoline
und Dolce findet, dafür aber Rauschpfeife – als sei nun der Rausch das
einzig Wichtige, das man vom Neobarokko übrig gelassen haben muss.
Dies hofft man in naher Zukunft erledigen zu
können. Gesamtpreis der Arbeiten war um 80.000,--Euro, was doch ganz
manierlich ist.
Auch hier ist es wie in der Lauffener
Martinskirche. Noch etwas Verputz muss weg, bevor man die ganze Wahrheit
sieht und hört, bevor die romanische Zeichnung an Decken und Wänden wieder
ihr Lichterspiel mit heiligen Zahlen aufmerken lassen kann. Bevor
Rheinberger, Reger und Mendelssohn zum Tanze aufspielen können.
Oder wie richtig hatte Peter Mönch, als er
sagte, die Orgel, die ich gestern gehört hatte, heute klingt sie so anders –
unerklärlich. In mir also wirkt ohne diese Materie da draußen, eine
Veränderung, die ich selbst nicht beeinflussen kann.
Weil man eben an diesem „Werden“ konstruiert,
bewusst oder unbewusst, und am „Sein“ das man nicht mehr findet, weil es, um
mit Heidegger zu reden in „Seinsvergessenheit“ geraten ist, nur leidet.
gwm