...aus einem Bruderkrieg 1996:
 

 

        

             Balkan

Ein Reiseerlebnis von

Gerhard Walcker-Mayer

 

Mit über 2 Stunden Verspätung landet meine Maschine in Sofia. Eine Ordensschwester und ein junger Mann empfangen mich, sind froh, mich ins Auto verfrachten zu können, um mit mir wieder zurückzufahren nach Jugoslawien, von wo sie herkamen.

Sofia ist eine Stadt, die für mich immer einen besonderen Glanz hatte. In dem Wort „Philosophia“, was Liebe zur Weisheit bedeutet, ist mir die Stadt immer wieder in angenehmen Sinne begegnet. Bilder und Vorstellungen sind entstanden, wie diese Stadt auszusehen hat. Doch wie ernüchternd war die Fahrt von diesem Flughafen zur bulgarisch-jugoslawischen Grenze. Wie trostlos sind mir große Teile der Stadt und der Straßen erschienen. Wie wenig Weisheit und wie wenig Liebe kann man dieser Stadt abgewinnen ?

Hier wird es ungefähr eine Stunde früher hell, als bei uns in Saarbrücken, dafür dämmert es aber auch rascher. Und jetzt, um 15 Uhr am Freitag, den 4.Dezember 1998 naht schon die Dunkelheit, als wir aufbrechen zu unserer Fahrt nach Nis. Für die etwa 170 km lange Autostrecke sollten wir über  4 Stunden Zeit benötigen, Zeit zum Gespräch und Zeit zum Nachdenken.

Wir fahren auf einer Straße mit vielen tiefen Schlaglöchern. Der junge Mann lenkt seinen 10 Jahre alten Renault ohne zu murren an all den Hindernissen vorbei. Er erzählt langsam, in gutem Deutsch von Jugoslawien, von den Serben, von ihrem Konflikten. Fällt Kosovo ab, so ist Serbien ohne Anschluß ans Mittelmeer. Er erzählt mir das Leid vieler Menschen in Jugoslawien. Von reichen und gescheiten Menschen, die heute wegen Mißwirtschaft des Staates vor dem Ruin, vor dem Nichts stehen. Er klagt nicht, er hofft auf nichts. In einem entscheidendem Satz sagt er, die Menschen in Jugoslawien sind demoralisiert, dies wirkt auf mich am stärksten.

Eisregen fällt, der die Straße sofort in eine spiegelglatte Bahn verwandelt. Meine Hoffnungen noch heute ans Ziel zu kommen sind geschwunden. Wir bemerken immer weniger Autos auf der Straße, es sind auch keine Straßenbeleuchtungen mehr da. Schnee und Eisregen wechselt sich ab. Die Schwester hinter mir ist stumm, sie spricht kein deutsch. Er fragt mich, wieviel Schnee in Deutschland liegt, ich deute 2 bis  3 Zentimeter mit den Fingern an. Endlich sind wir vorbei an einer Reihe riesiger, grauer Hochhäuser, die kalt und abstoßend wirken. Braungraues Sofia. Trostlose Stadt im Schneeregen Wir tanken, mir fällt der eigenartige Geruch dieses Bezins auf. Die Tankstellen sind die einzigen hell erleuchteten Gebäude zwischen Sofia und der Grenze. Immer wieder gibt es Inseln mit blauem, hellen Licht.

Er sei Jurist, studiere manchmal noch, er würde jetzt aber Goldschmiedearbeit machen. Er sei noch nie in Deutschland gewesen, aber in Italien. Ein neues Auto hätte er gerne. Wir lächeln.

Ein Pfarrer in Nis hat mir erzählt, „Balkan“ heißt „der alte Berg“. Ich habe mir dieses Wort oft wiederholt, da es so geheimnisvoll und schön klingt. Bevor man nach Nis kommt, fährt man durch Schluchten von gigantisch erscheinenden, steil hochschießenden Bergen, die aber ganz anders charakterisiert sind, wie beispielsweise die Alpen. In diesen Bergen vermutet man keine Menschen, aber es gibt sie. Schafhirten und winzige Dörfer. Diese Berge sind kaum mit  Vegetation ausgestattet, sie wirken unheimlich und rätselhaft. Die Berge und die Musik dieser Menschen stellen für mich einen einzigartigen Zauber dar. Höre ich slawisch gesungene Lieder aus dieser Gegend, so höre ich schmerzbeladene Seelen singen, es sind Klagelieder, es ist soviel Leid und Trauer in dieser Musik..

Plötzlich hört der Schnee- und Eisregen auf. Wir sind kurz vor der Grenze. Auch die Schwester sagt nun ein paar Sätze auf jugoslawisch. Wir sind froh, wir schaffen es.

Auf der Straße tauchen nun Menschengruppen auf, vielleicht Fremdarbeiter, die zehn Kilometer und mehr auf der Straße laufen, in blauen Anoraks mit Nikezeichen auf dem Rücken. Hunde und ein Pferdefuhrwerk tauchen auf, ohne Beleuchtung  versteht sich. Der junge Mann fährt um sie herum, er kennt diese Dinge.

Fünf Automobile stehen vor uns an der bulgarischen Grenzstation. Es wird mindestens eine Stunde dauern, sagt der junge Mann, ich verstehe nicht. Doch es geht sehr langsam. Nach der Grenzstation kommt die bulgarische Polizeistation, und wieder müssen wir warten. Vor uns holt ein Bulgare eine rot-weiß-grün gestickte Decke aus dem Kofferraum und gibt diese den Polizeibeamten. Er geht dann  auf den gegenüberliegenden Schalter und schiebt dort ein Bündel Banknoten dem Beamten zu. Er wird durchgewinkt. Ich bin entsetzt. Mein jugoslawischer Fahrer lächelt, „er habe keine Decke dabei“. Der Beamte durchwühlt meine Tasche. Ich bemerke drei Äpfel in meinen Sachen, die ich meinen Begleitern anbiete. Sie lehnen stolz  ab. Ich habe Hunger, getraue mich aber nicht alleine einen Apfel zu essen.

Nach der bulgarischen Polizeistation werden wir angehalten, um einen Betrag für Desinfektion zu bezahlen. Der junge Mann neben mir wühlt in einem Haufen bunter, großzügig gestalteter Banknoten und fragt nach dem Desinfektionsmittel. Er bekommt eine Quittung, weiter nichts. Jetzt kommt die jugoslawische Grenzstation, auch hier wieder Warten. Ich muß an meinen Wohnort im Saarland denken, wo man beliebig oft und ohne Probleme die Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich wechseln kann. Er weiß es, ja - , diese Probleme gibt es nur hier, die  übrige Welt lebt in Freiheit. Immer wieder mußte ich an einen alten Freund denken, der Professor in Bukarest ist und bei allen Gelegenheiten, wo das Irrationale dieser Region besonders heftig durchzuscheinen schien, sagte: „dies ist eben Balkan“. Dabei zog er die Schulter nach oben, runzelte die Stirn und deutete mit den Fingern in beliebige Richtungen. Sein Gesicht strömte dabei das sympathische Lächeln dieser Südländer aus, mit den fragenden Augen :    „ versteht ihr das? Es ist eine andere Welt!“.

Der junge Mann erzählt mir von der hohen Arbeitslosenquote in den Städten, 80 % und mehr sind arbeitslos.  Aber es sind 150.000 Mann bei der Polizei. Ein Polizeistaat, schimpfen andere. Er erzählt mir von einer älteren Frau, die umgerechnet 2 DM Rente im Monat bekommen hat und die nur überlebte, weil sie eine Haushaltsstelle als Köchin übernehmen konnte. Er erzählt mir von Soldaten, die betrunken am Wochenende mit scharfen Waffen in der Stadt herumschießen und er erzählt mir von Mafia und Korruption, wie Grenzbeamte zur Zeit der Blockade zu ungeahnten Reichtümern gelangt sind und über die Ungerechtigkeit besonders in diesem Teil der Welt. Andere Menschen in Jugoslawien sollten mir später all diese Dinge bestätigen und einige sagten, wie schön ist es jetzt in Deutschland, jetzt zur Weihnachtszeit, mit den Lichterketten und den Geschenken und den Weihnachtsliedern. Dort, bei euch, da machen es sich die Leute schön, sie putzen ihre Häuser und lachen. Bei uns ist nichts schön.

Erst drei Tage später, bei meinem Rückflug nach Frankfurt sollte ich diesen Satz besser verstehen. An diesem Tag war ich um 4 Uhr früh aufgestanden, um in das Flugzeug in Sofia um 10Uhr30 einsteigen zu können. Doch dieser Flug sollte um 5 Stunden verschoben werden. Alle Flüge in Sofia hatten Verspätungen. Vereinzelt wurden Passagiere aus Flugzeugen wieder ausgeladen.     Die Wartezeit war psychologisch dadurch erschwert, daß keinerlei Informationen an die Passagiere gelangten, die offiziell irgendeinen Wert hatten. Es wurde nur gemunkelt und vermutet. Der Flug Frankfurt wurde aufgerufen und wieder verworfen. Als wir aber endlich im richtigen Flugzeug saßen und Motorengeräusche das baldige Abheben des Fliegers signalisierten, kam die Durchsage, daß wir noch in Plovdiv landen würden, was im Süden liegt, wir wollten aber in den Norden. Meine Sitznachbarin, eine alte Bulgarin in einem kunstledernen Schlagenhautkostüm zeigte mir ihr demontiertes Esstablett, und wir mußten lachen über die Sitze, die nicht justiert werden konnten und wackelten. Der Sitz vor ihr war ganz abmontiert. Hier, fast am Ende meiner Reise sagte ich zu ihr „dies ist eben Balkan!“ Dabei hatte ich bestimmt nicht das joviale und freundliche Gesicht meines erwähnten Freundes aus Belgrad, sondern das eines entnervten und übermüdeten Fremdlings, der die Tiefe und die Weite des alten Berges in Bulgarien nicht erfahren haben sollte. Die Frau antwortete mir : “früher wollten die Leute gar nicht weg vom Balkan, so schön war es hier“. Und ich wußte sofort, daß sie mich durchschaut hatte, nämlich schnell weg von hier zu kommen. Und ich mußte wieder an die Worte des jungen Mannes denken, der sagte, bei euch ist es jetzt schön.

 © Gerhard Walcker-Mayer 2000

 

 

 

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