Mit über 2
Stunden Verspätung landet meine Maschine in Sofia. Eine Ordensschwester und
ein junger Mann empfangen mich, sind froh, mich ins Auto verfrachten zu
können, um mit mir wieder zurückzufahren nach Jugoslawien, von wo sie
herkamen.
Sofia ist
eine Stadt, die für mich immer einen besonderen Glanz hatte. In dem Wort
„Philosophia“, was Liebe zur Weisheit bedeutet, ist mir die Stadt immer
wieder in angenehmen Sinne begegnet. Bilder und Vorstellungen sind
entstanden, wie diese Stadt auszusehen hat. Doch wie ernüchternd war die
Fahrt von diesem Flughafen zur bulgarisch-jugoslawischen Grenze. Wie
trostlos sind mir große Teile der Stadt und der Straßen erschienen. Wie
wenig Weisheit und wie wenig Liebe kann man dieser Stadt abgewinnen ?
Hier wird es
ungefähr eine Stunde früher hell, als bei uns in Saarbrücken, dafür dämmert
es aber auch rascher. Und jetzt, um 15 Uhr am Freitag, den 4.Dezember 1998
naht schon die Dunkelheit, als wir aufbrechen zu unserer Fahrt nach Nis. Für
die etwa 170 km lange Autostrecke sollten wir über 4 Stunden Zeit
benötigen, Zeit zum Gespräch und Zeit zum Nachdenken.
Wir fahren
auf einer Straße mit vielen tiefen Schlaglöchern. Der junge Mann lenkt
seinen 10 Jahre alten Renault ohne zu murren an all den Hindernissen vorbei.
Er erzählt langsam, in gutem Deutsch von Jugoslawien, von den Serben, von
ihrem Konflikten. Fällt Kosovo ab, so ist Serbien ohne Anschluß ans
Mittelmeer. Er erzählt mir das Leid vieler Menschen in Jugoslawien. Von
reichen und gescheiten Menschen, die heute wegen Mißwirtschaft des Staates
vor dem Ruin, vor dem Nichts stehen. Er klagt nicht, er hofft auf nichts. In
einem entscheidendem Satz sagt er, die Menschen in Jugoslawien sind
demoralisiert, dies wirkt auf mich am stärksten.
Eisregen
fällt, der die Straße sofort in eine spiegelglatte Bahn verwandelt. Meine
Hoffnungen noch heute ans Ziel zu kommen sind geschwunden. Wir bemerken
immer weniger Autos auf der Straße, es sind auch keine Straßenbeleuchtungen
mehr da. Schnee und Eisregen wechselt sich ab. Die Schwester hinter mir ist
stumm, sie spricht kein deutsch. Er fragt mich, wieviel Schnee in
Deutschland liegt, ich deute 2 bis 3 Zentimeter mit den Fingern an. Endlich
sind wir vorbei an einer Reihe riesiger, grauer Hochhäuser, die kalt und
abstoßend wirken. Braungraues Sofia. Trostlose Stadt im Schneeregen Wir
tanken, mir fällt der eigenartige Geruch dieses Bezins auf. Die Tankstellen
sind die einzigen hell erleuchteten Gebäude zwischen Sofia und der Grenze.
Immer wieder gibt es Inseln mit blauem, hellen Licht.
Er sei
Jurist, studiere manchmal noch, er würde jetzt aber Goldschmiedearbeit
machen. Er sei noch nie in Deutschland gewesen, aber in Italien. Ein neues
Auto hätte er gerne. Wir lächeln.
Ein Pfarrer
in Nis hat mir erzählt, „Balkan“ heißt „der alte Berg“. Ich habe mir dieses
Wort oft wiederholt, da es so geheimnisvoll und schön klingt. Bevor man nach
Nis kommt, fährt man durch Schluchten von gigantisch erscheinenden, steil
hochschießenden Bergen, die aber ganz anders charakterisiert sind, wie
beispielsweise die Alpen. In diesen Bergen vermutet man keine Menschen, aber
es gibt sie. Schafhirten und winzige Dörfer. Diese Berge sind kaum mit
Vegetation ausgestattet, sie wirken unheimlich und rätselhaft. Die Berge und
die Musik dieser Menschen stellen für mich einen einzigartigen Zauber dar.
Höre ich slawisch gesungene Lieder aus dieser Gegend, so höre ich
schmerzbeladene Seelen singen, es sind Klagelieder, es ist soviel Leid und
Trauer in dieser Musik..
Plötzlich
hört der Schnee- und Eisregen auf. Wir sind kurz vor der Grenze. Auch die
Schwester sagt nun ein paar Sätze auf jugoslawisch. Wir sind froh, wir
schaffen es.
Auf der
Straße tauchen nun Menschengruppen auf, vielleicht Fremdarbeiter, die zehn
Kilometer und mehr auf der Straße laufen, in blauen Anoraks mit Nikezeichen
auf dem Rücken. Hunde und ein Pferdefuhrwerk tauchen auf, ohne Beleuchtung
versteht sich. Der junge Mann fährt um sie herum, er kennt diese Dinge.
Fünf
Automobile stehen vor uns an der bulgarischen Grenzstation. Es wird
mindestens eine Stunde dauern, sagt der junge Mann, ich verstehe nicht. Doch
es geht sehr langsam. Nach der Grenzstation kommt die bulgarische
Polizeistation, und wieder müssen wir warten. Vor uns holt ein Bulgare eine
rot-weiß-grün gestickte Decke aus dem Kofferraum und gibt diese den
Polizeibeamten. Er geht dann auf den gegenüberliegenden Schalter und
schiebt dort ein Bündel Banknoten dem Beamten zu. Er wird durchgewinkt. Ich
bin entsetzt. Mein jugoslawischer Fahrer lächelt, „er habe keine Decke
dabei“. Der Beamte durchwühlt meine Tasche. Ich bemerke drei Äpfel in meinen
Sachen, die ich meinen Begleitern anbiete. Sie lehnen stolz ab. Ich habe
Hunger, getraue mich aber nicht alleine einen Apfel zu essen.
Nach der
bulgarischen Polizeistation werden wir angehalten, um einen Betrag für
Desinfektion zu bezahlen. Der junge Mann neben mir wühlt in einem Haufen
bunter, großzügig gestalteter Banknoten und fragt nach dem
Desinfektionsmittel. Er bekommt eine Quittung, weiter nichts. Jetzt kommt
die jugoslawische Grenzstation, auch hier wieder Warten. Ich muß an meinen
Wohnort im Saarland denken, wo man beliebig oft und ohne Probleme die
Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich wechseln kann. Er weiß es, ja -
, diese Probleme gibt es nur hier, die übrige Welt lebt in Freiheit. Immer
wieder mußte ich an einen alten Freund denken, der Professor in Bukarest ist
und bei allen Gelegenheiten, wo das Irrationale dieser Region besonders
heftig durchzuscheinen schien, sagte: „dies ist eben Balkan“. Dabei zog er
die Schulter nach oben, runzelte die Stirn und deutete mit den Fingern in
beliebige Richtungen. Sein Gesicht strömte dabei das sympathische Lächeln
dieser Südländer aus, mit den fragenden Augen : „ versteht ihr das? Es
ist eine andere Welt!“.
Der junge
Mann erzählt mir von der hohen Arbeitslosenquote in den Städten, 80 % und
mehr sind arbeitslos. Aber es sind 150.000 Mann bei der Polizei. Ein
Polizeistaat, schimpfen andere. Er erzählt mir von einer älteren Frau, die
umgerechnet 2 DM Rente im Monat bekommen hat und die nur überlebte, weil sie
eine Haushaltsstelle als Köchin übernehmen konnte. Er erzählt mir von
Soldaten, die betrunken am Wochenende mit scharfen Waffen in der Stadt
herumschießen und er erzählt mir von Mafia und Korruption, wie Grenzbeamte
zur Zeit der Blockade zu ungeahnten Reichtümern gelangt sind und über die
Ungerechtigkeit besonders in diesem Teil der Welt. Andere Menschen in
Jugoslawien sollten mir später all diese Dinge bestätigen und einige sagten,
wie schön ist es jetzt in Deutschland, jetzt zur Weihnachtszeit, mit den
Lichterketten und den Geschenken und den Weihnachtsliedern. Dort, bei euch,
da machen es sich die Leute schön, sie putzen ihre Häuser und lachen. Bei
uns ist nichts schön.
Erst drei
Tage später, bei meinem Rückflug nach Frankfurt sollte ich diesen Satz
besser verstehen. An diesem Tag war ich um 4 Uhr früh aufgestanden, um in
das Flugzeug in Sofia um 10Uhr30 einsteigen zu können. Doch dieser Flug
sollte um 5 Stunden verschoben werden. Alle Flüge in Sofia hatten
Verspätungen. Vereinzelt wurden Passagiere aus Flugzeugen wieder
ausgeladen. Die Wartezeit war psychologisch dadurch erschwert, daß
keinerlei Informationen an die Passagiere gelangten, die offiziell
irgendeinen Wert hatten. Es wurde nur gemunkelt und vermutet. Der Flug
Frankfurt wurde aufgerufen und wieder verworfen. Als wir aber endlich im
richtigen Flugzeug saßen und Motorengeräusche das baldige Abheben des
Fliegers signalisierten, kam die Durchsage, daß wir noch in Plovdiv landen
würden, was im Süden liegt, wir wollten aber in den Norden. Meine
Sitznachbarin, eine alte Bulgarin in einem kunstledernen Schlagenhautkostüm
zeigte mir ihr demontiertes Esstablett, und wir mußten lachen über die
Sitze, die nicht justiert werden konnten und wackelten. Der Sitz vor ihr war
ganz abmontiert. Hier, fast am Ende meiner Reise sagte ich zu ihr „dies ist
eben Balkan!“ Dabei hatte ich bestimmt nicht das joviale und freundliche
Gesicht meines erwähnten Freundes aus Belgrad, sondern das eines entnervten
und übermüdeten Fremdlings, der die Tiefe und die Weite des alten Berges in
Bulgarien nicht erfahren haben sollte. Die Frau antwortete mir : “früher
wollten die Leute gar nicht weg vom Balkan, so schön war es hier“. Und ich
wußte sofort, daß sie mich durchschaut hatte, nämlich schnell weg von hier
zu kommen. Und ich mußte wieder an die Worte des jungen Mannes denken, der
sagte, bei euch ist es jetzt schön.
© Gerhard
Walcker-Mayer 2000