|
editiert +eingefügt am 28.1.2003 (c) gwmSonderdruck ausMAX REGER 1873-1973
Ein SymposionBREITKOPF & HÄRTEL • WIESBADEN 1974
WERNER WALCKER-MAYER
Die Orgel der Reger-Zeit
Das mir gestellte Thema „Die Orgel der Reger-Zeit" möchte ich noch etwas ausdehnen, indem ich eine Episode aus der Nachkriegszeit einbeziehe und einen Ausblick auf die Gegenwart gebe. Gleich
vorweg kann gesagt werden, daß es keinerlei Beweise dafür gibt, ob Reger
Orgeldispositionen entwarf und ob er auf den Orgelbau seiner Zeit einen direkten
Einfluß ausübte. Da aber Reger doch immer wieder als Orgelspieler und
Komponist mit Orgeln in Berührung kam, interessieren zuerst einmal die
Orgeln, von denen nachgewiesen ist, daß er sie kannte. Ich habe davon die mir
zugängigen Dispositionen zusammengestellt. Diese Dispositionen geben auch einen
sehr guten Überblick über fast 90 Jahre Orgelbaugeschichte. In
seiner Wiesbadener Zeit hat Reger des öfteren auf der Marktkirchenorgel
gespielt (Disposition 1)*.
Die Orgel wurde in den Jahren 1857—1862 gebaut. In dieser Zeit komponierte er
u. a. Opus 16. Interessant ist dabei, daß in dieser Komposition der Pedalumfang
bis zum e' geht, während der Pedalumfang der Orgel nur bis zum d' ging. Bei
Opus 52 wurde von Reger das Pedal bereits bis f gefordert. Am Rande sei
vermerkt, daß Bach bereits bei der F-dur-Toccata bis f komponierte und daß es
zu Bachs Zeiten mehrere Orgeln mit diesem Pedalumfang gab. Es wäre eine
gesonderte Aufgabe, die Pedalumfänge in den verschiedenen Zeitepochen zu
untersuchen, insbesondere im Zusammenhang mit der heute angestrebten
Normierung des Orgelspieltisches. Im
Frühjahr 1898 spielte Sträube drei Konzerte in der Paulskirche zu Frankfurt am
Main (Disposition 2). Reger
kam dazu von Wiesbaden herüber und lernte Straube dabei kennen. Von dieser Zeit
an stammt die lebenslange Freundschaft zwischen beiden. Die Orgel der Paulskirche
war eines der bedeutendsten Erstlingswerke von Eberhard-Friedrich Walcker. Er
hatte diese Disposition im Jahre 1826 nach dem Simplificationssystem von Abbe
Vogler entworfen. Die Orgel wurde 1833 vollendet. Im Jahre 1899 wurde sie
umgebaut und wesentlich verändert. In
seiner Jugendzeit spielte Reger die Orgel in St. Michael in Weiden (Disposition
3). Die Orgel wurde von dem Orgelbauer Weineck, Bayreuth, 1848 repariert
und umgebaut. Diese Orgel wurde im Jahre 1902 abgebaut und durch eine neue von
dem Orgelbauer Strebel, Nürnberg, ersetzt. Von Regers Gutachten ist nur der
Begleitbrief erhalten geblieben. Das Gutachten selbst ging verloren. Oscar
Walcker baute im Jahre 1906 die Konzertorgel für das Königliche Odeon in München
(Disposition 4). Die Orgel
wurde zum ersten Mal von Karl Straube gespielt. Von Reger kamen dabei zwei größere
Orgelkompositionen zur Vorführung, und zum Schluß wurde er begeistert auf das
Podium gerufen. In einem ,Beitrag zur Familienchronik' berichtet Oscar Walcker
ausführlich über die Vorverhandlungen, bei denen Reger zugegen war. Das
Wichtigste war dabei, daß die Orgel einen fahrbaren Spieltisch und damit
elektrische Traktur bekam. Leider fehlen in diesen Aufzeichnungen jegliche
Hinweise auf die Entstehung der Disposition. Meine 1965 vertretene Auffassung,
Reger habe diese Disposition entworfen, ist — nachdem diese Aufzeichnungen
gefunden worden sind — als nicht mehr richtig anzusehen. Die Odeonsorgel war
die erste Orgel, welche die Firma Walcker mit elektrischer Traktur baute, und es
gab erhebliche Auseinandersetzungen innerhalb des Hauses wegen des sehr großen
Risikos. Die Abnahme der Orgel gestaltete sich sehr einfach. Oscar Walcker berichtet
in seinen Lebenserinnerungen (1) darüber: „Es erschienen Bussmeyer, Mottl und
Reger; letzterer setzte sich an den Spieltisch, zog alle Register und griff mit
allen Fingern in die Tasten. Schön war diese Musik allerdings nicht. Mottl kam
zum Spieltisch: ,Ja, mein lieber Reger, spielen Sie doch etwas Vernünftiges.'
Reger erhob sich mit den Worten: ,lch verstehe so wenig wie Sie von der Orgel,
ich schlage vor, wir trinken jetzt ein Glas Bier zusammen.'— Und damit war die
Orgelabnahme beendet." Es soll dann anschließend noch sehr lustig gewesen
sein. Gleich
nach der Fertigstellung der Orgel in St. Reinoldi zu Dortmund (Walcker Opus
1500, 1909) fand dort das Reger-Fest statt. Dieses Instrument war die erste große
Orgel, welche nach den Prinzipien der deutsch-elsässischen Orgelreform
konzipiert war. Zum ersten Mal wurde in Deutschland eine 5-manualige Orgel
gebaut, und nach französischem Muster wurden die drei horizontalen Zungen ins
Bombardenwerk gelegt (Disposition 5). Einige
Jahre später war Reger bei der Einweihung der Michaeliskirche in Hamburg (Walcker
Opus 1700, 1912). (Disposition 6).
Bei dieser Gelegenheit wurde als Glanzstück des Orgelkonzertes die Fantasie
und Fuge über B—A—C—H für Orgel in Hamburg erstaufgeführt. Oscar
Walcker saß neben Reger und konnte ihn beobachten, mit welch lebhaftem
Interesse er das Orgelspiel Sittards verfolgte. ln seinen Erinnerungen (1)
schrieb er dann darüber: „Bei dem anschließenden Essen sagte der
Hauptpastor in seiner Tischrede u. a.: ,Die Musik wird künftig in der
Michaeliskirche mit der Predigt gleichberechtigt sein.' Max Reger hatte
aufmerksam zugehört, stand auf und bemerkte launig: ,lch habe mit größtem
Interesse diese Worte gehört; in einigen Jahren sollte man vielleicht einmal
wieder darüber reden. Bisher habe ich das Empfinden gehabt, daß Orgel und
Orgelmusik immer das fünfte Rad am Wagen der Kirche gewesen sind, manchmal
aber auch den Eindruck, daß der Pfarrer das fünfte Rad am Wagen war.' Zuerst
verlegenes Schweigen, dann große Heiterkeit waren der Erfolg dieser Rede."
In dem Kirchenvorstand der Michaeliskirche befand sich Hans von Ohlendorff,
der mit Reger sehr eng befreundet war und dem Reger bekanntlich mehrere Stücke
widmete. Paul
Walcker, Inhaber der Firma W. Sauer, Frankfurt a. d. Oder, erbaute 1913 die
Orgel für die Jahrhunderthalle in Breslau
(Disposition 7). Reger komponierte für die Einweihung sein Opus 127 in
e-moll. Zum
Schluß sei noch die Orgel im Schützenhaus in Meiningen erwähnt (Disposition
8). Die Orgel sollte zuerst bei der Firma Sauer bestellt werden. Da aber
Sauer den Spieltisch nicht verstellbar machen konnte, wurde die Orgel wegen des
Spieltisches bei der Firma Steinmeyer in Öttingen bestellt. Dies geht aus dem
Schriftwechsel zwischen Reger und dem Herzog von Meiningen hervor. Er schrieb
am 9.3.1913: „Ein verstellbarer Spieltisch ist das einzig Richtige bei der
Orgel." Diese Orgel von Meiningen steht heute in Berlin-Haselhorst in der
Weihnachtskirche. Dort konnte ich eine Kopie des Bestellschreibens Regers
einsehen. Daraus geht hervor, daß Reger die Orgel wohl bestellt hat, aber
keinerlei Vorschriften bezüglich der Dispositionen machte. Die Abnahme fand
am 21. 2. 1914 statt. Das Abnahmegutachten schrieb Reger am 7. 11. 1914. Hier
wird im letzten Satz ausdrücklich wieder vermerkt, „daß der verstellbare
Spieltisch sich bestens bewährt habe". Es scheint also so zu sein, daß
Reger den verstellbaren Spieltisch für sehr wichtig hielt; denn bereits bei der
Odeonsorgel wurde ja ausdrücklich die Auftragserteilung davon abhängig
gemacht, daß die Orgel mit einem beweglichen Spieltisch versehen wurde.
Wahrscheinlich wollte Reger einen größeren Abstand zur Orgel haben und außerdem
den Spieltisch-Standplatz individuell bestimmen. Das
einzige, aus dem man die Vorstellung Regers über die Orgel genauer erkennen
kann, sind seine Registerangaben, welche er allerdings auch nur in spärlicher
Weise machte. Sie erschöpfen sich meistens in Angaben der Fußzahlen, wobei
offensichtlich additive Prinzipien vorherrschen. Genauere Registerangaben
enthalten eigentlich nur die Frühwerke, z. B. Opus 27 — erste Ausgabe
„Ein" feste Burg ist unser Gott". In den Spätwerken, z. B. Opus
127, weisen die Registerangaben auf eine ausgespartere Registrierung hin. Er
weicht hier etwas vom additiven Prinzip ab. Daraus kann man schließen, daß er
zu der Zeit oder für dieses bestimmte Stück eine aufgelichtetere, hellere
Klangvorstellung hatte. Eine
sehr große Bedeutung für die Orgelmusik Regers hat der Registerschweller. Wo
Reger seine größten Crescendi fordert, können diese in so kurzen Zeiträumen
nur durch einen Registerschweller bewältigt werden. Da dies aber oft auch bei
Doppelpedalstellen verlangt wird, ist dann zwangsläufig eine Hilfseinrichtung für
den Registerschweller erforderlich. Diese Einrichtung wurde von dem Registranten
betätigt. Es gab verschiedene Ausführungen, und zwar waren diese
Einrichtungen alle außerhalb des Bereiches des Organisten. Die Crescendo-Einstellung
konnte mit einem Handrad, einem Hebel, einer Walze oder einem Tritt vorgenommen
werden. Nach dem Krieg sah ich in alten Orgeln an der Spieltischseite eine
Zeigereinrichtung, die sehr leicht verstellbar war und eine größere Skala
hatte. Auf dem Spieltisch der im Kriege verbrannten Stuttgarter
Stiftskirchenorgel waren zwei Segmenttafeln als Crescendozeiger angebracht. (Ein
typischer Fall für diese Doppelpedalstellen sind BACH-und Inferno-Fantasie.) In
Heft 2/1973 „Musik und Kirche" schrieb Hermann J. Busch einen wertvollen
Beitrag über „Max Reger und die Orgel seiner Zeit". Er irrt aber, wenn
er meint, Reger habe vor Vollendung von Opus 59 wahrscheinlich keinen
Registerschweller gekannt und daß für die Orgelwerke bis Opus 59 die
mechanische Orgel ohne Spielhilfen bestimmend war. Die Wiesbadener Orgel hatte
bereits eine Crescendo-Vorrichtung. Eberhard-Friedrich Walcker schrieb im Jahre
1857 voller Stolz in das Opusbuch: „Außerdem habe ich noch ein Crescendo
und Decrescendo inveniert, welches die Orgel eigentlich zum vollkommensten und
großartigsten Instrument macht, erlaube ich mir auch noch, diese besondere
Einrichtung vorzuschlagen." Daneben vermerkte er zusätzlich eine besondere
Mechanik zur Bewerkstellung eines Crescendo und Decrescendo mit dem ganzen
Werke. In den Aufzeichnungen Eberhard-Friedrich Walckers wird zum ersten Mal im
Jahre 1839 bei der Stuttgarter Stiftskirchenorgel diese Crescendo-Einrichtung
beschrieben. Es ist anzunehmen, daß mit der Erfindung der mechanischen
Kegellade auch der mechanische Register-schweller entwickelt wurde. Im übrigen
studierte Reger die Fantasie und den Choral „Wie schön leuchtet der
Morgenstern" von Heinrich Reimann, gedruckt 1895. Darin ist der
Registerschweller im Notentext mit den einzelnen Stationen ausführlich
angegeben worden. Für
die Koppeln gibt Reger keine besonderen Angaben. Auch diese werden nur im,
Rahmen des dynamischen Prinzipes eingesetzt. Tutti und Organo pleno sind bei
Reger identisch. Hierfür gibt es Angaben in der Introduktion und Passacaglia
d-moll. Reger versteht darunter volles Werk mit allen Koppeln. Feste
Kombinationen waren für Reger nicht wichtig. Wichtig aber sind alle fließenden
Übergänge, Jalousieschweller dynamisch, Piano und Pianissimo. Es
ergibt sich nun die Frage: Gibt es überhaupt eine Reger- oder die Reger-Orgel?
Soweit mit dieser Frage gemeint ist, daß Reger eine bestimmte Disposition oder
ein bestimmtes Dispositionsprinzip entwarf, kann man mit Bestimmtheit sagen,
daß es eine „Reger-Orgel" nicht gibt. Und trotzdem haben wir alle eine
gewisse Vorstellung von einer „Reger-Orgel''. Dies ist ein bestimmter
Orgeltyp, der es eben ermöglicht, die von Reger komponierten Orgelstücke in
der von ihm intendierten, sehr differenzierten Weise zu spielen, wobei fließende
Übergänge und dynamische Abstufungen wichtig sind. Man wird vielleicht
pauschal sagen: die „Reger-Orgel" ist die romantische Orgel. Aber dies
ist deshalb nicht zutreffend, weil die vielen Beispiele zeigen, daß zu Regers
Lebzeiten sehr verschiedenartige Orgeln gebaut wurden. Ich glaube, Reger hatte
Klangbildvorstellungen, deren Realisierung nicht an einen bestimmten Orgeltyp
gebunden ist. Der Begriff "Reger-Orgel" ist wahrscheinlich erst in
den 30er und 40er Jahren entstanden. II Wenn
man nach dem letzten Krieg von der „Reger-Orgel" sprach, so war dies ein
Synonym für etwas Schlechtes, ja, ich möchte sogar sagen für das
Schlechteste, was man sich überhaupt im Orgelbau vorstellen konnte. Den Höhepunkt
stellte dann die Verdammung Regers durch den Frankfurter Organisten Helmut
Walcha dar. — Man könnte mir nun vorhalten, es sei nicht nötig, diese alten
Dinge aufzuwärmen; denn diese Episode sei überwunden, und schließlich habe
ja das Reger-Verdikt genau das Gegenteil bewirkt von dem, was Walcha eigentlich
hatte erreichen wollen. — Trotzdem bin ich der Meinung, daß — wenn man
heute über Reger spricht — gerade diese Angelegenheit immer wieder in
Erinnerung gerufen werden muß, weil sie zeigt, wohin Intoleranz und
Ideologisierung führen. Es ist richtig, daß der Aufsatz Walchas einen
gegenteiligen Effekt hatte. Aber man muß sich auch darüber im klaren sein, daß
die Ideologie, die Walcha verbreitete bzw. repräsentierte, den gesamten
Orgelbau der Nachkriegszeit so nachhaltig beeinflußte und immer noch beeinflußt,
daß die Folgen auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr reparabel waren und noch sind. In
seinem Aufsatz „Regers Orgelschaffen kritisch betrachtet", 1952 veröffentlicht
in „Musik und Kirche", begründet Walcha, warum er aus dem Lehrplan
seines Institutes das Orgelschaffen Max Regers gestrichen habe. Soweit es die
Orgel angeht, bezieht er sich auf seinen ebenfalls in „Musik und Kirche"
veröffentlichten Aufsatz aus dem Jahre 1938 „Das Gesetz der Orgel; ihre
Begrenzung". Es wird hier in einer überschwenglichen Weise die Ideologie
der Orgelbewegung vertreten. Walcha geht davon aus, daß die Orgel in ihrem
Wesen ein polyphones Instrument sei. Wesensfremd sei die Übergangsdynamik. Die
Orgel sei statisch, und alles, was dem entgegensteht, müsse abgelehnt werden.
Er lehnt nicht nur Reger ab, sondern auch Cesar Franck und die ganze Musik
dieser Epoche. Das Ideal einer Orgel schwebt Walcha im Sinne der norddeutschen
Barockorgel vor. Er lehnt den Jalousieschweller ab und bezeichnet den
Rollschweller als die kulturloseste Entgleisung im deutschen Orgelbau. Ferner
meint er, daß die Oktavierung nichts anderes sei als ausgespielte
Oktavkopplungen. Was
man 1938 unter Polyphonie verstand, wird im Anschluß an den Aufsatz Walchas von
Alfred Stier sehr ausführlich beschrieben (in derselben Zeitschrift S. 203 ff).
Einige Einblendungen möchte ich mir nicht versagen, weil ja diese Schlagworte
bis heute, wenn auch in einer im Blick auf unsere Zeit abgeänderten Form
verbreitet werden. Ich zitiere: „Worin beruht das nordische Wesen der
Polyphonie? Warum kann sie nur aus nordischem Geist erwachsen sein? " „In
all diesem steckt dieselbe Erkenntnis: -daß der germanisch-nordische Geist kein
fesselloses Verströmen im Gefühl kennt — auch nicht in der Kunst —,
sondern daß seine Kunst Sinndeutung der ewigen Ordnung des Alls zu sein
strebt." „Das polyphone Kunstwerk zeigt uns in höchster Vollendung die
Geburt der Gestaltung aus dem Ungestalteten (des Kosmos aus dem Chaos) und läßt
uns damit jenes Gefühl der gesetzmäßigen Ordnung', der sinnvollen Ordnung der
Weit erleben." Und weiter: „Was gehen uns diese lateinischen Scharteken
an." Im
Anschluß an den Reger-Aufsatz Walchas von 1952 ergab sich eine teilweise
heftige Diskussion. Einige bemerkenswerte Ausschnitte möchte ich erwähnen. —
Bornefeld sah die Freiheit gefährdet und nahm deshalb gegen Walcha Stellung.
(2) Er meinte dann, Reger habe so schlecht disponierte Orgeln vorgefunden, daß
ihm nichts anderes übrig blieb, als die fehlende Obertönigkeit durch
Oktavierung zu ersetzen und den mulmigen Tonbrei durch eine pianistische
Schreibweise aufzulockern. Erich Thienhaus (3) ging so weit zu sagen, Regers
Kompositionen, die für den degenerierten orchesterimitierenden Orgeltyp der
Jahrhundertwende geschrieben wurden, wären besser erst gar nicht geschrieben
worden. Der Theologe Friedrich Hofmann schrieb über Reger (4): „In seiner
Mutterkirche nicht mehr heimisch, dem selbst um Klärung ringenden
Protestantismus jener Jahre aber auch nicht völlig zugehörig, muß er eine
gewisse geistliche Heimatlosigkeit auch in seiner Kirchenmusik widerspiegeln
... Oder soll gerade das Orgelschaffen Regers nicht doch dazu dienen, der
Virtuosität auch in der Kirche den ihr angeblich gebührenden Raum zu gewähren?
Dann allerdings dürfte die Kirchenmusik sich selbst falsch verstanden haben.
Darum möchte ich eher den Schluß aus der Auseinandersetzung über Regers
Orgelschaffen ziehen: Die praktizierende Kirchenmusik sollte weitgehend auf
ihn verzichten." Walcha
nahm eigentlich Reger nur zum Anlaß, um eine ganze Musikepoche, nämlich die
Orgelromantik, auszuschalten. Da Walcha für viele sprach, die auch heute noch
Rang, Namen und Einfluß haben, sollte man dies alles nicht so schnell
vergessen. Man muß sich auch darüber im klaren sein, daß es noch viele für
die Kirchenmusik verantwortliche Personen gibt, die einfach die Orgel des 17.
Jahrhunderts als das Ideal betrachten und alles, was danach kam, ablehnen. III Zum
Schluß möchte ich den Blick in die Gegenwart lenken. Nachdem man in den 50er
Jahren vergeblich versucht hat, die Orgelmusik Regers und die gesamte
Orgelromantik auszuschalten, besteht heute die Gefahr, diese Stilepoche überzubewerten.
Dies wäre genauso falsch wie die Bemühungen, Reger in irgendeiner Form in die
Orgelbewegung einzubeziehen. Betrachten wir die wesentlichen Unterschiede
zwischen Regers Orgelkunst und der Orgelbewegung, so sehen wir auf der einen
Seite die sehr deutlichen expressionistischen Tendenzen, die besonders bei
Regers Orgelwerken in der mittleren Schaffensperiode vorhanden sind. Das Wesen
des Expressionismus ist eine grundsätzliche Abkehr von den bis dahin geltenden
ästhetischen Normen, ein neuartiges Wissenwollen und ein neues Eindringen in
den Kern der Dinge. Eng mit diesem Denken verbunden sind der Wunsch und der
Wille, die bekannten musikalischen Grenzen weiter auszudehnen. So ist z. B.
Reger mit seinen häufigen Modulationsprozessen im Rahmen der tonalen Ordnung
bis an die Grenzen der Atonalität vorgestoßen. Auf der anderen Seite steht
eine impressionistische Anschauung, welche die Welt der Erscheinungen mit
einer irrealen Aura verschleiert (5). Selbstverständlich
kann man heute nicht mehr von Impressionismus oder Expressionismus reden. Aber
in der geistigen Einstellung zu diesen Fragen gibt es sehr große Ähnlichkeiten.
Für heute und für die nächste Zukunft ist es wichtig, daß wir nicht nur im
Bewährten der Vergangenheit das Richtige und Gute sehen, sondern daß wir den
Mut zum Neuen haben. Die Urquelle der Kunst ist das Suchen nach neuen Formen und
neuen schöpferischen Gedanken. Wir müssen daraus die Hoffnung schöpfen und
ableiten, daß es auch in der Orgel - und Kirchenmusik weitergeht. — Um neue
Wege zu finden, werden viele Experimente notwendig werden. Entsprechend der
immer mehr sich abzeichnenden pluralistischen Auffassung wird für viele Meinungen
und Möglichkeiten Platz sein; eine Norm im früheren Sinn wird es nicht mehr
geben. Wenn
wir uns also heute aus Anlaß des 100. Geburtstages an Reger erinnern, so kann
damit nur die Mahnung verbunden sein, durch Forschung, Fleiß, Energie und
Ausdauer Neuland zu erschließen, so wie Reger in seiner Zeit auf alten
Traditionen aufbauend Neues geschaffen hat. Literatur 1
siehe Oscar Walcker, „Lebenserinnerungen", Kassel 1948, S. 93 ff 2
Musik und Kirche, Kassel 1952, S. 49 ff 3
ebda, S. 104 ff 4
Musik und Kirche, 1952, S. 102 ff 5 siehe auch Josef Häusler, „Musik im 20. Jahrhundert", Bremen, 1969, S. 14
|
|