Wer in eine
spanische Kathedrale tritt, und nach einigen Schritten auf den Altar zu,
sich dreht, wie es nun einmal der Orgelbauer oder der Organist tut, wenn er
aus Deutschland kommt; der nimmt in der Regel ein schönes, oft zwei-
dreihundert Jahre altes Orgelwerk auf der Westempore wahr, das ihn zutiefst
entzückt. Aber spätestens dann, wenn er den Pfarrer nach der Orgel befragt
hat, und er die spanische Antwort erhalten hat : »seit hundert Jahren
unspielbar«, weiß er, in Spanien ist alles anders, hier gibt es keine
Orgelspieler, und daher gibt es hier auch keine nennenswerten spielbaren
Orgeln. Als wir in Guadalupe, in der Extremadura, den Abschluss eines drei
Jahre langen Orgelprojektes entgegensahen und ein amerikanisches
Organistenteam zufällig dort vorbeikam, hörten wir den Ausspruch eines der
Organisten: »thats the first organ in Spain we met, which is complete
playable«.
Natürlich ist diese kurze Darstellung des spanischen
Orgellebens sehr überzogen gezeichnet, aber sie trifft im Kern zu. Es ist
ein Zustand, den wir in Italien und auch in Frankreich antreffen können, und
den wir bald auch in Deutschland vorfinden werden, wenn wir nicht lernen aus
den Fehlern unserer europäischen Nachbarn in Sachen "Kulturverwahrung" und
Verantwortung gegenüber unseren Alten.
Ein markantes Beispiel ist unser "Riese Iberion", der
symbolisch für die Orgelkultur in Spanien stehen könnte. Der Name wurde
kurzerhand von mir erfunden, möge diese Internetseite dafür dienen, dass in
Richtung Wiederherstellung dieser größten "erhaltenen" Walcker-Orgel endlich
ein paar Schritte gemacht werden. Oscar Walcker schreibt in seinen
Erinnerungen »Barcelona, Weltausstellung 1929 mit glühender Begeisterung
von Volk und Land, was wir mit nur geringfügig gekürzter Fassung weiter unten wiedergeben.
In Barcelona gründete er das Unternehmen "Grandes Órganos Walcker"
, dass allerdings nach dem II. WK keinen Bestand mehr hatte.
Als Pierre Baron mir die Bilder des momentanen
Zustandes der Orgel schickte war ich so entsetzt, dass in mir sofort der
Gedanke auftauchte, einen kurzen Artikel über dieses Instrument zu machen.
Das Ergebnis sehen Sie hier.
Hier die ursprüngliche
Dispo der Orgel mit 154 Registern.
Leider wurde sie von OESA, einem unglücklich agierendem spanischem
Unternehmen auf 6 Manuale erweitert und umgebaut, was ihr wahrscheinlich den
Rest gegeben hat. Hoffen wir, dass diese Orgel wieder aufgebaut wird, und
hoffen wir, dass sie nicht in die Hände von "Maschinensaal-Intonateuren"
kommt, wie fast alle deutschen Denkmalorgeln. Denn damit hätte man wieder
einmal eine große "Brüll-und Schreiorgel" mehr, aber eben genau diese feine
Intonation der Spätromantik, die wir gar nicht mehr kennen, wäre endgültig
verdorben. (gwm)
Barcelona,
Weltausstellung 1929 von Oscar Walcker
Herrlich die Fahrt nach
Barcelona! Über Straßburg, Belfort, durch die Burgundische Pforte erreicht
man das Rhonetal. Links steigt mächtiges Gebirge an, bis zu den Alpen
hinüberreichend, rechts zeigen sich fruchtbare Felder und gut gepflegte
Weingärten. Lyon, Nimes und Tarascon werden passiert, die Südküste
Frankreichs wird erreicht. Dann und wann leuchtet das blaue Meer im
Sonnenschein auf. Ein Felsriegel trennt die französische Grenzstation
Cerbère von dem spanischen Portbou. Drüben am Ende des Tunnels weht
spanische Luft. Die Fahrt nach Barcelona ist besonders genußreich. Vorbei an
malerischen Dörfern und Städten, türmen sich rechts die gewaltigen und
grotesken Berge der Pyrenäen; links prallen die Wogen der See an zackige
Felsen oder verlaufen sich auf dem leuchtenden, zum Bade einladenden Strand.
Die Küste Spaniens ist von einzigartiger Pracht, glühend in farbiger
Schönheit. Spanien ist ein waldarmes Land. Die Hänge der Berge sind kahl,
baumlos die weiten Flächen der Hochebene von Kastilien. Auf der Fahrt durch
die Täler Kataloniens sieht man die Aufforstungsarbeiten der Regierung, die
mit allen Mitteln versucht, das längst Versäumte nachzuholen. Die Bäume, in
bestimmten Abständen gepflanzt, wachsen zu Wäldern heran. Für jeden
gepflanzten Baum zahlt die Behörde eine Prämie von einem Peseten.
Man fragt sich immer wieder:
Warum fahren die deutschen Menschen nur nach Italien, warum nicht im
Frühjahr nach dem Süden Spaniens? Die Spanier sind immer ein unruhiges Volk
gewesen, entweder streiken im Norden die Basken oder revoltieren im Süden
die Katalanen. Als ich im Jahre 1906 zum ersten Male nach Barcelona kam und
mein Freund Agustin Guarro mich an der Bahn in Empfang nahm, erhielt ich
gleich die nötigen Anweisungen und Ratschläge. Unruhen waren ausgebrochen,
starke Militärpatrouillen durchzogen die Straßen. Nach fünf Uhr abends
durfte man die Wege nur mit einem Erlaubnisschein passieren. Die Rambla, die
Prachtstraße der Stadt, war besonders stark bewacht. Auf beiden Seiten
bildeten in Abständen von zwanzig Metern die Carabineros, schwer bewaffnet,
Spalier. Es herrschte eine nicht gerade behagliche Stimmung. Als wir nach
einigen Tagen nach Sabadell, einer großen Fabrikstadt in der Nähe
Barcelonas, fuhren, zeugten zahlreiche Kugeleinschläge in den Mauern und
zerbrochene Fenster von den Kämpfen, die hier stattgefunden hatten. Aber wie
nach dem Sturm die Sonne durch die Wolken bricht, so fließt auch das Leben
in Spanien bald wieder ruhig dahin, jeder geht seiner Arbeit nach oder noch
mehr seinem Vergnügen, je nach Bedarf und Stimmung.
Im
Festsaal des neugebauten Orfeo Catala
hatten wir eine große viermanualige Konzertorgel stehen. Die namhaftesten
Organisten Europas wurden berufen, um Orgelkonzerte zu geben oder bei großen
Oratorien mitzuwirken. Es schien, als ob durch dieses Werk eine Welle des
Verständnisses für Orgel und Orgelmusik nach Katalonien getragen würde. Wir
hofften auf einen sich steigernden Absatz unserer Instrumente nach der
iberischen Halbinsel. Die Zölle für Musikinstrumente und Orgeln wurden aber
dauernd erhöht, so daß eine Einfuhr fast unmöglich wurde. Heute wird ein
Gewichtszoll von beinahe 1.— RM pro Kilo erhoben, der ungefähr einem
Wertzoll von 100 Prozent entspricht, ein Zollsatz, der die Ausfuhr nahezu
ausschließt. Trotzdem konnten wir im Laufe der Jahre sechsundzwanzig neue
Orgeln nach Spanien bauen. Eines Tages erhielt ich nun von Guarro die
telegrafische Aufforderung, eine
Orgeldisposition von 150 Registern
auszuarbeiten, einen Kostenanschlag aufzustellen und beides auf dem
schnellsten Wege nach Barcelona zu senden. Ich konnte mir nicht denken, wo
in aller Welt ein so großes Werk, das über 10 000 Orgelpfeifen umfaßte,
aufgestellt werden und wozu diese Eile dienen sollte.
Der Entwurf ging schließlich
ab, und ich wartete, allerdings recht skeptisch, auf die weitere Entwicklung
der Dinge. Ein paar Tage später traf ein Telegramm ein mit der Aufforderung,
sofort zu wichtigen Verhandlungen nach Barcelona zu kommen. Noch immer wußte
ich nicht, um was es sich handelte. Fünfunddreißig Bahnstunden hin und
ebensoviel zurück! Ich antwortete: „Komme, wenn Erfolg in Aussicht". Ein
zweites Telegramm Guarros verlangte wieder dringend mein Kommen. Ich fuhr
also nach Barcelona. Guarro erwartete mich am Bahnsteig, informierte mich
rasch, daß im nächsten Jahr in
Barcelona eine Weltausstellung
stattfinde. Ein Riesenpalast, der „Palacio
Nacionale" mit
einem Saal, der 20 000 Menschen fasse, werde gebaut. Für diesen Saal sei
eine Orgel mit 150 Registern erwünscht. Dieses Werk sollte ein spanischer
Orgelbauer bauen, die Verhandlungen seien so weit gediehen, daß die Verträge
in den nächsten Tagen zum Abschluß mit dem Orgelbauer Dourté, Bilbao, reif
seien. Als er, Guarro, dies erfahren habe, sei von ihm sofort eine große
Aktion bei den zuständigen Behörden eingeleitet
worden, um uns in die Konkurrenz
einzuschieben. Eine große Schwierigkeit tauchte auf. Die spanische
Regierung hatte sich verpflichtet zum Bau des Palacio Nacionale einige
Millionen Peseten beizusteuern, aber nur unter der Bedingung, daß zu dessen
Bau und Einrichtungen nur spanisches Material und spanische Arbeit verwendet
werden dürften. Die Besuche und
Verhandlungen begannen. Guarro schien überall Freunde zu haben.
Während oft Dutzende von Menschen warteten, wurde er durch eine Nebentür
eingelassen, um außer der Reihe gehört zu werden. Da der Palacio nach dem
Ende der Ausstellung in den Besitz der Stadt übergehen sollte, hatte diese
auch größtes Interesse an der ganzen Orgelfrage. Der Vertrag mußte letzten
Endes mit der Stadtverwaltung
abgeschlossen werden. Die Verhandlungen auf dem Rathaus in Barcelona
waren besonders schwierig und zeitraubend. Wie konnten die Vorbehalte des
Staates umgangen werden? Das war die große Frage. Vor elf Uhr war der
Finanzgewaltige der Stadt nicht zu sprechen, um zwei Uhr war sein Büro
geschlossen, er saß im Schatten eines Kaffees, um seinen
Mokka zu trinken. Verhandlungen mit den
Architekten wegen der Raum- und
Gehäusefragen lagen dazwischen. Drei Wochen vergingen, bis endlich
der Vertragsentwurf festlag. Die Besprechungen waren für mich schwierig,
keiner der Herren war der deutschen Sprache mächtig. Zudem sprechen die
Spanier mit einem fremdartigen Akzent französisch, so mußte ich denn
verdammt aufpassen, umso mehr, als es sich bei diesem
Vertrag
um äußerst wichtige und weittragende Dinge handelte. Mit folgenden
Bedingungen versuchte man die Klausel der Regierung zu
umgehen:
1. Walcker stellt eine Orgel
mit 150 Stimmen im Palacio Nacionale
als Ausstellungsobjekt aus. 2. Walcker erhält von der Ausstellungsleitung
für Benützung des Instruments während der Dauer der Ausstellung eine Miete
von 60 000 Goldmark. 3. Walcker fertigt um den
festen Preis von 45 000 Goldmark ein
Orgelgehäuse mit Prospektpfeifen und reichen Schnitzereien. 4. Die
Stadt Barcelona behält sich vor, nach Schluß der Ausstellung die Orgel
käuflich zum Preise von 185314 Goldmark zu übernehmen. Die Miete ist in den
Kaufpreis einzurechnen. Die Stadt trägt im Falle des Kaufes die Kosten für
Zoll und Zollspesen. 5. Verzichtet die Stadt auf den Kauf, ist die Orgel
abzubrechen und nach Deutschland zurückzunehmen. 6. Für den Kaufpreis ist
die Valuta eines gewissen Stichtages maßgebend.
Die Gesamtkosten der Orgel
einschließlich Gehäuse betrugen also 230 314 Goldmark. Man kann sich
denken, wie groß das Risiko bei der in Frage stehenden Summe für mich war.
Entweder — oder, war die gebieterische Frage. Ich wagte den Sprung ins
Ungewisse. Wenn nun das Gehäuse fest bestellt werde und die Miete mit dem
Gehäusepreis nahezu die Hälfte der Orgelkosten betrage, so argumentierten
die Beamten von Stadt und Ausstellung, sei, wenn auch die
vertragschließenden Personen wechseln sollten, nicht anzunehmen, daß man
das leere Orgelgehäuse stehen und sich die Orgel entgehen lasse. Die
Unterzeichnung des Vertrags sollte in feierlicher Sitzung stattfinden. Zur
bestimmten Zeit fanden sich alle Beteiligten im Zimmer des Bürgermeisters
der Millionenstadt ein. Die Wände des großen Raumes waren mit scharlachroter
Seide behangen. Prachtvoll vergoldete Möbel zierten das herrliche
repräsentative Büro' des Oberhauptes der Stadt Barcelona. Der Bürgermeister
tritt ein, alles erhebt sich; würdevoll schreitet er zu dem Schreibtisch. Er
begrüßt mich in einer kurzen Rede, greift zur Feder und unterzeichnet das
Dokument, das alsdann auch meine Unterschrift erhält. Nun gings nach Hause
zum Planen und zum Bauen. Im Palacio Nacionale sollte ein Orgelwerk
erstehen, würdig den deutschen Namen in friedlichem Wettkampf der Völker auf
der internationalen Ausstellung in
Barcelona zu vertreten.
Das Jahr 1929 rückte heran;
der Termin der Eröffnung der Ausstellung war festgelegt. Beim Eröffnungsakt
sollte der Klang der Orgel die Riesenhalle des Palacio zum erstenmal
erfüllen. Auf meinen Vorschlag hin wurde Alfred Sittard, der Organist von
St. Michaelis in Hamburg, von der Ausstellungsleitung berufen, das erste
Konzert zu geben und damit die Orgel zu weihen. Meisterhaft ließ Sittard die
Pfeifen erklingen. Ein Präludium von Joh. Seb. Bach brauste durch den Saal,
den Tausende von Menschen füllten. Diese erste Vorführung brachte einen
vollen Erfolg. In echt spanischer Begeisterung huldigte die Menge dem
Spieler, der acht Tage später noch zu einem zweiten Konzert verpflichtet
wurde.
Bei dem Entschluß, in
Barcelona eine Weltausstellung zu veranstalten, war die spanische Regierung
von dem Gedanken geleitet, die spanisch
sprechenden Völker Südamerikas wirtschaftlich und politisch wieder
enger an das Mutterland heranzuführen. Eine starke Werbung für den Besuch
der Ausstellung setzte in diesen Ländern ein, man erhoffte guten Besuch und
organisierte billige Reisen über das Atlantische Meer. Auf kulturellem
Gebiet wollte das Mutterland zeigen, welche Schätze im Laufe vieler
Jahrhunderte gesammelt wurden und was dieses Volk alles geleistet hat. Die
internationale Seite diente mehr dazu, das Interesse der Besucher zu
steigern und auf dem Gebiet der Industrie und Technik all das zu zeigen, was
geeignet war, die etwas zurückgebliebene Industrie Spaniens anzuregen und
vorwärts zu bringen.
Die Ausstellungspläne, die
Bauten und Anlagen waren großzügig und
planvoll dem Gelände angepaßt. Mächtige Bauten und Ausstellungshallen
entstanden am Fuße eines Hügels, dessen dem Meere zugewandte Seite die
Festung Montjuich trägt, die den Hafeneingang von Barcelona beherrscht. Von
einem großen freien Platz aus betrat man die Ausstellung. Eine mächtige
breitgelagerte Treppe führte in nahezu hundert Stufen den Hügel hinan.
Wasserfälle stürzten herab, zahlreiche Springbrunnen sandten ihre Strahlen
gen Himmel. Die AEG. Berlin hatte die Beleuchtung dieser Wasserkünste
übernommen; es war ein feenhafter
Anblick, wenn bei sternklarer Nacht diese Wasser in allen Farben
erglühen. Wie flüssiges Gold leuchtete es auf, in allen Farben des Spektrums
glitzerten die Wellen, und nebenher schoben sich die Menschenmassen langsam
die Stufen hinauf zum Palacio Nacionale, der die Höhe krönte: ein
Riesengebäude, in spanischer Renaissance erbaut, der Stolz der Stadt
Barcelona. Rings um den Festsaal, in dem die Orgel stand, zogen sich reich
ausgestattete Räume, in denen alte und neue spanische Kunst gezeigt wurde.
Gemälde spanischer Meister zierten die Wände, leuchtend in ihrer
Farbenpracht; Goldschmiedearbeiten in reicher Fülle von hoher Schönheit
waren in den Vitrinen zu sehen. In Katalonien kreuzten sich ehemalige
maurische, byzantinische, römische und griechische Kulturen.
Mit Stolz konnte der deutsche
Besucher feststellen, daß die deutsche Industrie und das deutsche Gewerbe
auf der Ausstellung glänzend vertreten waren. Ob es sich um Maschinen, um
Autos, um Erzeugnisse der chemischen Industrie oder um Feinmechanik
handelte, überall war bei glänzender
Aufmachung beste Qualitätsarbeit zu sehen. Eines der bedeutendsten
Ausstellungsstücke der deutschen Abteilung war die Monumentalorgel
der Firma E. F. Walcker & Cie.
Auf dieser Orgel wurden Woche
um Woche gut besuchte Orgelkonzerte
bedeutender Künstler geboten. Die Textilindustrie hatte es besonders
verstanden, wirkungsvoll zu werben. In langen Fahnen hingen die Tuche von
der Decke herab, ein berauschendes Farbenspiel erfüllte den weiten Raum.
Alle Völker waren vertreten, die Franzosen stellten ihre Erzeugnisse in
eigenem Gebäude aus. Die Mode beherrschte den Raum. Die Maschinen der
Engländer erregten allgemeine
Bewunderung. Die Schweden waren mit" ihren Sportgeräten gekommen,
während die Italiener duftige Gewebe und kostbare Gobelins zeigten. Dies
alles konnte man staunend bewundern, nachdem durch eine imposante Feier im
Festsaal des Palacio die Ausstellung in
Gegenwart des spanischen Königspaares eröffnet worden war. Da das
erste Orgelkonzert zehn Tage nach der Eröffnung der Ausstellung stattfinden
sollte, hatten wir Gelegenheit, uns die schöne Stadt und ihre Umgebung
anzusehen und viel des Interessanten kennen zu
lernen.
Wer
in Spanien war, muß auch von einem Stierkampf zu erzählen wissen.
Heiß brennt die Sonne vom
Himmel. Unter den 30 000 Menschen, die die Arena in dichten Reihen füllen,
sitzen eines Tages auch der Organist und der Orgelbauer aus Deutschland, um
das aufregende Schauspiel zu erleben.
Ein Fiebern geht durch die Menge, ein Rauschen von Menschen-Stimmen
erfüllt die Luft. Die Tore öffnen sich, in schillernden Uniformen
marschiert die Musikbanda in die Arena, ihr folgend die
Toreros in ihren
farbenreichen Kostümen. Die Kampfpferde traben mit hängenden Köpfen
hinterher, ihre Picadors (Lanzenreiter) nur unwillig tragend. Rings um die
Arena marschiert der Zug, umtost von dem Jubel und Geschrei der
Menschenmenge. Die Toreros und Picadors verschwinden wieder durch das Tor,
während sich die Banda auf den Estrado begibt. Das Rauschen der
Menschenstimmen verklingt, alles ist gespannt auf den nun kommenden Kampf.
Eine Türe in der Umzäunung öffnet sich. Ein. pechschwarzer Stier stürzt
herein, bleibt stehen, scharrt mit den Füßen im losen Sand, daß die Wolken
fliegen. In diesem Augenblick betreten die Toreros die Arena. Einer, mit
einem roten Tuch in dsr Hand, geht auf den Stier los. Dieser sieht den
Feind, sieht das rote Tuch, brüllt auf und rast, den Kopf zur Erde gesenkt,
dem Kühnen entgegen, gewillt, ihn auf die Hörner zu spießen. Mit einer
eleganten Drehung tritt der Mann zur Seite, der Stier trifft nur das rote
Tuch. Das Spiel beginnt von neuem. Die Lage des Kampfes wird kritisch,
Kameraden springen hinzu und lenken das
rasende Tier ab. Dieser Kampf zwischen der Gewandtheit des Menschen
und der Urkraft des Tieres ist aufregend und spannend. Die Banderilleros
treten auf und beginnen dem Stier die Banderillas (das sind mit Widerhaken
versehene Wurfpfeile, an denen Fähnchen flattern) in den Nacken zu stoßen.
Bis zu einem Dutzend dieser Pfeile stecken im Rücken des Tieres, Blut
rieselt an den Flanken herunter. Capeadors unterstützen die ändern, indem
sie durch geschicktes Schwingen roter
Mäntel die Aufmerksamkeit des Stieres ablenken. Das Tor öffnet sich,
und herein reitet der Picador mit der langen Lanze, um das Tier durch Stiche
in die Flanken noch mehr zu reizen. Das Pferd sehen und darauf losstürzen,
ist die Tat eines Augenblicks. Der Reiter sucht mit der Lanze abzuwehren,
aber schon hat der Stier das Pferd mitsamt dem Reiter auf den Hörnern und
wirft beide in die Luft. Die Toreros lenken das wütende Tier mit dem Tuch
ab, das Pferd kommt wieder auf die Beine, der Reiter in den Sattel, und der
Kampf geht von neuem los. Der Bauch des Tieres ist aufgeschlitzt, die
Eingeweide hängen bis zum Boden herunter. Die Zuschauer befinden sich in
einem Zustand höchster Erregung, alles verfolgt gespannt das blutige Spiel.
Macht der Torero einen Fehler, so wird das mit Gebrüll quittiert.
Trillerpfeifen und andere Instrumente machen einen Höllenlärm. Nun
erscheint der Espada mit einem schlanken Degen bewaffnet, er hat das Tier
durch einen Stich in den Nacken zur Strecke zu bringen. Mit einer
Gewandtheit ohnegleichen sucht er immer wieder sein Ziel zu erreichen,
schließlich gelingt es; der Degen durchbohrt den Hals so, daß die Spitze am
Bauch wieder herausdringt. Wie vom Blitz getroffen, sinkt der Bulle
zusammen. Das Publikum ist außer Rand und Band geraten. Strohhüte der
Männer, Handtaschen der Damen, alle möglichen Utensilien fliegen zu Ehren
des Matadors in hohem Bogen in die Arena.
Im Triumph wird das tote Tier von einem Pferd über die blutbesudelte
Arena geschleift.Sechsmal
wiederholt sich das grausige Spiel. Sechs Stiere und sechs Pferde sind das
Opfer der Leidenschaft des spanischen Volkes geworden.
Ich hatte auch Agustin Guarro
aufgefordert mitzugehen. Er lehnte aber energisch ab und sagte, ein
Katalane halte es unter seiner Würde, einem solchen Spiel beizuwohnen, nur
die Spanier hätten daran ihre
Freude.
Die Rambla, die Haupt- und
Prachtstraße der Stadt, in der sich um und
nach Mitternacht die Menschen
drängen, führt zum Hafen von Barcelona. Rege pulsiert hier das Leben,
Schiffe kommen und gehen, Kranen knarren, und Warenballen wandern von Bord
zu Land und von Land an Bord. Ein paar Schritte weiter drängen sich die
engen, winkligen Straßen und Gäßchen. Hier ist spanisches Volkstum in
Reinkultur zu erleben. In einer dieser Gassen liegt eine kleine Kneipe, die
ich dann und wann besuchte. Eine rundliche Katalanin mit pechschwarzem Haar
führt hier das Zepter. An ein paar wackligen Tischen sitzen die Stammgäste
und gießen sich mit großer Geschicklichkeit aus einer Glasflasche den Wein-
n den offenen Mund. Gläser sind Luxus. Wenn ein Fremder in landesüblicher
Art den Wein in den Mund gießt und die Mundöffnung verfehlt, zieht ein
Schmunzeln über die Gesichter der Treffsicheren. In der sauber gehaltenen
Küche krabbelten riesige Langusten über den Boden, Krebse ohne Scheren, aber
mit zwölf langen Füßen ausgestattet. Man suchte sich eines dieser Tiere
heraus, und bald rötete sich dessen Schale über dem offenen Holzkohlenfeuer.
Eine Fischsuppe eröffnete das
Mahl, schlüpfrige Tintenfische mischen sich, unter die Muscheln und
Krabben. Fettaugen schwimmen auf der Brühe. Die Langusten schmecken
ausgezeichnet. Eine Flasche spanischen Sekts würzt die Speisen. Alles ist
unglaublich billig, die Zeche kostete nur ein paar Peseten.
Den ganzen Sommer über war
der Besuch der Ausstellung befriedigend, doch schien der erwartete große
Strom der Südamerikaner ausgeblieben zu sein. Mein technischer Vertreter,
Jüan Braun, der das Orgelwerk im Palacio betreute, berichtete von dem
starken Interesse, das man der großen Orgel entgegenbrachte. Tägliches
Orgelspiel und wöchentliche Orgelkonzerte gaben Gelegenheit, das Instrument
einer zahlreichen Zuhörerschaft vorzuführen. Bei allen festlichen
Gelegenheiten war der Organist berufen, an erster Stelle mitzuwirken. Die
Ausstellung ging im Spätherbst ihrem Ende entgegen. Ein Stein fiel mir vom
Herzen, als ich hörte, daß die Stadtverwaltung Barcelona den Entschluß
gefaßt hatte, auf Grund des Vertrages die Orgel endgiltig zu übernehmen. Da
die Orgel auch als Ausstellungsstück angemeldet war, erschienen eines Tages
die Preisrichter, um ihr Urteil abzugeben. Mit dem Resultat konnte ich
zufrieden sein. Die Firma E. F. Walcker & Cie. erhielt von der Jury „den
großen Preis für hervorragende Leistungen" und „die goldene Medaille"
zuerkannt.
Nun aber war die Frage, wie
sollte der sichtbare Erfolg, den uns dieses Orgelwerk gebracht hatte, in
Zukunft ausgewertet werden? Der hohe Zoll erschwerte die Einfuhr
außerordentlich; deshalb lag der Gedanke nahe, die schweren
Holzkonstruktionen in Spanien zu fertigen und nur die komplizierten
Orgelteile dorthin zu schicken. Ich gründete mit Guarro die Firma: „Grandes
Organos Walcker". Braun wurde technischer Leiter in Barcelona. Guarro
übernahm die kaufmännische Leitung, während in Ludwigsburg die Bücher
geführt und die Pläne bearbeitet wurden. Ein etwas komplizierter
Geschäftsgang, der aber gut funktioniert hat. Spieltische, kleinere Pfeifen,
Trakturteile, ebenso das einem niederen Zollsatz unterliegende
zugeschnittene und roh bearbeitete Holz für Pfeifen, Blasbälge, Windladen
usw. kommen von Ludwigsburg, während in der Klavierfabrik von Guarro die
einzelnen Teile zusammengefügt werden. Verschiedene Werke konnten wir so in
Barcelona bauen. Eine große Orgel mit drei Manualen, 45 Registern, für die
Kirche Oriol bestimmt, wurde noch 1935 geliefert. Die politische Lage und
die unaufhörlichen Unruhen im Lande geben allerdings Anlaß zu Sorgen. Aber
bei alldem heißt es auch in diesem Fall: nichts wagt, gewinnt auch nichts l"
OW"Erinnerungen"