Wien   

10.Februar.2002 [gwm]  corr. 17.03.2002

 

 

 

 

 

Brief eines Außerirdischen :

Die Federorgel von Uxla Barlrana (c) gwm 2002

 

 

 

Brief eines Außerirdischen :

Die Federorgel von Uxla Barlrana

Ihr  Erdenmenschen baut in Eurer Einfalt eine Orgel in wenigen Tagen, die 635 Jahre spielen soll; wir aber  auf Uxla Barlrana haben in 635 Jahren eine Orgel gebaut, die nur für ein einziges Konzert bestimmt war, welches nur eine kosmische Sekunde das Universum mit Klang erfüllte : es war die berühmte blaue Federorgel von Uxla Barlrana.

Als in euren großen Kathedralen die ersten Orgeln eingebaut wurden begannen wir in aller Stille mit dem Bau dieser Orgel auf unserem Planeten, der sich im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr verfeinerte und verdichtete, eine Orgel die in ihrem Klang reicher und reicher, süßer und süßer wurde und die zuletzt einen universalen Kosmos an Klangfarben und Tonkraft beinhaltete. Kurz vor dem  Konzert, war diese Orgel eine strahlende Wahrheit, eine ewige Idee. Wie die drei Grundfarben Rot, Blau und Gelb, in vermischten Zustande nur ein graues Chaos bilden, einzeln oder fein gemischt aber von der hellen Leuchtkraft der Welt künden, so kündete der stille Klang dieser Federorgel, der gespannte Bogen des Zenbuddhisten, vom  Reichtum aller Orgelmusik; erst die dargebrachte Musik im Konzert jedoch eröffnete die Schuld und den Untergang. Wie Adam und Eva beim Aufflackern der Erkenntnis das Paradies zuerst wahrnahmen und dann verlassen mussten, so haben unsere Zuhörer dieses Konzert empfunden : wir haben die Wahrheit gesehen, nur eine Sekunde, es hat gereicht, nun sind wir bereit auf grausigste Weise zu sterben.

Wisst ihr eigentlich, dass eure ganze Kultur an Schrift und Noten durch simple Gänsefedern geflossen ist ? Die Feder als das flüchtige Element huscht über das Opus, das Jahrtausende währen soll. Sie ist das Werkzeug aller Genies gewesen, von den Musikern J.S.Bach über Mozart, Mendelssohn, Rheinberger  bis Reger. Sie war das Werkzeug aller Dichter und Philosophen, zuletzt der großen Sprachgestalter wie Johann Wolfgang von Goethe, Schillers und Hölderlins.

Und wo, so frage ich weiter habt ihr jede Nacht das Ohr, wenn euch Gottes Stimme anbläst ? Natürlich an  den Daunen. Aus dem Leichtesten schafft ihr das Schwerste, eure Kultur und eure Träume. Heute arbeiten nur wenige noch mit Federn, darunter ist aber euer Orgelbauer, der Federn zum Abstecken seiner Mixturpfeifen beim Stimmen braucht. So ist euer Orgelbauer vielleicht der letzte merkuriale Bote, Hermes, Fluggeist.

Und wir schufen darum diese eine Orgel aus Federn, zum Gedenken an das Leichteste und an das Schwerste, zum Gedenken daran, dass das Tiefste im Fluge passiert, zum Gedenken an Dädalus, der nach Art der Hirtenflöte ein Federwerk baute und als Erfinder der Panflöte gilt. Wir gedenken aber auch besonders seinem Sohne Ikarus, der den weisen Rat seines Vaters nicht bewahren konnte, als er mit diesem Federwerk  den irdischen Boden verließ. Er musste in die Sonne fliegen, ihn dürstete nach Helligkeit, er war ein vom Lichte Besessener. Ikarus’ Federn wurden vom Meere verschlungen, und das Meer ist euer Unbewusstes, es ist das Weltall. Wieviele Ikaruse hat es gegeben, Hölderlin, Nietzsche, Kleist [...] , wie viele verbrannte Gesichter und Geister hat diese Welt gesehen, von Federn Getragene, Erdmenschen, die  Engel sein wollten ?

Das Orgelwerk  mit zwei großen Orgelflügeln verdeckt, die sich während des Konzertes langsam öffnen und den Klang und Einblick ins Innere der Orgel freigeben.  Diese Flügeln könnten wie die Dürerschen Blauracken gestaltet sein. Engel kehren ein zum Konzert, Engel bewegen ihre Flügel. Loslösung ist Musik, ein fein gewobener Klangteppich aus Wolken, aus Salicional und Unda maris, ganz fern noch, und ein zartes Aufleuchten eines über Jahrmillionen durchrittenen fernen Sternes Licht deutet Ankunft an. Diesen Stern gibt es nicht mehr – seit 22 Millionen Jahren ist er tot, aber haltet sein Licht, das uns ein grüner Engel darbringt, wie auf schneeverwehtem Grunde, euch Menschen das Licht reicht, die ihr zutiefst in eurer Erde verbissen seid, während Ligetis Lux aeterna von den fernsten Galaxien reflektiert, aus unserer Orgel neue Töne entlockt – oder sind es Menschenstimmen, sind es Dämonen oder andere Geister ? Klangschichtungen, Widersprechungen, Akkorde, Cluster, Farben und Töne, Geräusche und Dunkelheit begegnen sich in tiefster Unruhe, während sich Feder um Feder löst und in einen nicht mehr zu durchschreitenden Raum flieht. Federn im Weltall. Jede Feder eine Seele, jedes Murren ein Ton der fehlt in der Partitur. Der Orgelklang baut sich auf, wie ein Haus, eine Kathedrale, ein World Trade Center, ein Babelscher Turm. Jauchzen der Flöten, Geschnarre der Krummhornen und Ranckette. Begleitung durch sanftes dahinfliegendes Glissando der stehenden, zartesten Streicherklänge, ganz, ganz still werdend. Da im Versteck erzählt eine ersterbende Dolce ihren baldigen Tod, dort glast eine achstimmige Mixtur einen Prinzipalchor an, immer noch zart, immer noch fein und spielerisch. Hier versinkt Flauta und Rohrflöte im dunklen Gedackt und Holz. Fragend bewegen sich die melodieakzentuierenden Stimmen  mit den Farbmanualen. Gesang und Orgelspiel vermischen sich, nicht mehr zu einer Anbetung, sondern zu einer Auseinandersetzung zu Gott. Alle Worte und Klänge überschlagen sich zu einem letzten grandiosen Akkord, der ins Hinterste dringt, alles sagt und unverstanden bleibt, zum Gebet wird, zur Formel, zur Chiffre. Alles löst sich auf, Zeit wird nicht mehr erkannt. Am schwarzen Loch inmitten einer der letzten Galaxien wird erfrorener Klang in einem feindlich gewordenen Weltall statisch und fest. Orgelklang steht säulengleich im Raume, der nicht mehr ist. Es gibt keine Zeit mehr, alles ist nur Einbildung eurer Seele, alles ist nur Wille und Schaffen eurer Seelen während alle Ewigkeit nach einem festen Plane abläuft, und ihr wisst es. Die Federn und euere Seelen verschmelzen. Merkur der Seelenführer kommt auf befedernden Schuhen daher.

Die Orgel mit ihren fünf Pfeifen im Prospekt hat das Geheimnis der alten Perser verraten. Fluch über Ktsesibios, der hätte schweigen sollen. Pans Flöte verbreitet den Hirten Schrecken und Angst. Panik überwindet ihr nur durch Licht. Erkenntnis ist nur durch Erkenntnis der Affekte möglich.

Wir bemerken eine letzte Feder, wie sie sinkt, getragen von einer klagenden, zarten Gambe, Sibelius’ Schwan von Tuonela, der in weißem Federkleid tief unten im tiefkalten Styx seine Runde dreht, im Bourdun, im irrationalen Rausch, hoffnungslos nach oben blickend, und die sinkende Feder beobachtend.

Die Götter schwören nur hier ihre Eide, die sie nicht immer halten.

Wir hatten nur ein Orgelkonzert hier in Uxla Barlrana, an einem Ort, wo viel Leichtes und Blaues seine Gestaltung findet. Nur ein einziges Wort, oder nur ein einziger Klang, und ihr seid erlöst.

 

(ein Außerirdischer) oder

einer der außer sich war...

 

 

 

 

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