Brief
eines Außerirdischen :
Die Federorgel von Uxla
Barlrana
Ihr Erdenmenschen
baut in Eurer Einfalt eine Orgel in wenigen Tagen, die 635 Jahre spielen
soll; wir aber auf Uxla
Barlrana haben in 635 Jahren eine Orgel gebaut, die nur für ein
einziges Konzert bestimmt war, welches nur eine kosmische Sekunde das
Universum mit Klang erfüllte : es war die berühmte blaue Federorgel
von Uxla Barlrana.
Als in euren großen Kathedralen die ersten Orgeln
eingebaut wurden begannen wir in aller Stille mit dem Bau dieser Orgel
auf unserem Planeten, der sich im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr
verfeinerte und verdichtete, eine Orgel die in ihrem Klang reicher und
reicher, süßer und süßer
wurde und die zuletzt einen universalen Kosmos an Klangfarben und
Tonkraft beinhaltete. Kurz vor dem
Konzert, war diese Orgel eine strahlende Wahrheit, eine ewige
Idee. Wie die drei Grundfarben Rot, Blau und Gelb, in vermischten
Zustande nur ein graues Chaos bilden, einzeln oder fein gemischt aber
von der hellen Leuchtkraft der Welt künden, so kündete der stille
Klang dieser Federorgel, der gespannte Bogen des Zenbuddhisten, vom Reichtum
aller Orgelmusik; erst die dargebrachte Musik im Konzert jedoch
eröffnete die Schuld und den Untergang. Wie Adam und Eva beim
Aufflackern der Erkenntnis das Paradies zuerst wahrnahmen und dann
verlassen mussten, so haben unsere Zuhörer dieses Konzert empfunden :
wir haben die Wahrheit gesehen, nur eine Sekunde, es hat gereicht, nun
sind wir bereit auf grausigste Weise zu sterben.
Wisst ihr eigentlich, dass eure ganze Kultur an
Schrift und Noten durch simple Gänsefedern geflossen ist ? Die Feder als das
flüchtige Element huscht über das Opus, das Jahrtausende währen soll.
Sie ist das Werkzeug aller Genies gewesen, von den Musikern J.S.Bach
über Mozart, Mendelssohn, Rheinberger bis Reger. Sie war das Werkzeug aller Dichter
und Philosophen, zuletzt der großen Sprachgestalter wie Johann Wolfgang
von Goethe, Schillers und Hölderlins.
Und wo, so frage ich weiter habt ihr jede Nacht das
Ohr, wenn euch Gottes Stimme anbläst ? Natürlich an den Daunen. Aus dem Leichtesten schafft ihr das Schwerste, eure
Kultur und eure Träume. Heute arbeiten nur wenige noch mit Federn,
darunter ist aber euer Orgelbauer, der Federn zum Abstecken seiner
Mixturpfeifen beim Stimmen braucht. So ist euer Orgelbauer vielleicht
der letzte merkuriale Bote, Hermes, Fluggeist.
Und wir schufen darum diese eine Orgel aus Federn,
zum Gedenken an das Leichteste und an das Schwerste, zum Gedenken daran,
dass das Tiefste im Fluge passiert, zum Gedenken an Dädalus, der nach
Art der Hirtenflöte ein Federwerk baute und als Erfinder der Panflöte
gilt. Wir gedenken aber auch besonders seinem Sohne Ikarus, der den
weisen Rat seines Vaters nicht bewahren konnte, als er mit diesem
Federwerk den irdischen
Boden verließ. Er musste in die Sonne fliegen, ihn dürstete nach
Helligkeit, er war ein vom Lichte Besessener. Ikarus’ Federn wurden
vom Meere verschlungen, und das Meer ist euer Unbewusstes, es ist das
Weltall. Wieviele Ikaruse hat es gegeben, Hölderlin, Nietzsche, Kleist
[...] , wie viele verbrannte Gesichter und Geister hat diese Welt
gesehen, von Federn Getragene, Erdmenschen, die Engel sein wollten ?
Das Orgelwerk
mit zwei großen Orgelflügeln verdeckt, die sich während des
Konzertes langsam öffnen und den Klang und Einblick ins Innere der
Orgel freigeben. Diese
Flügeln könnten wie die Dürerschen Blauracken gestaltet sein. Engel
kehren ein zum Konzert, Engel bewegen ihre Flügel. Loslösung ist
Musik, ein fein gewobener Klangteppich aus Wolken, aus Salicional und
Unda maris, ganz fern noch, und ein zartes Aufleuchten eines über
Jahrmillionen durchrittenen fernen Sternes Licht deutet Ankunft an.
Diesen Stern gibt es nicht mehr – seit 22 Millionen Jahren ist er tot,
aber haltet sein Licht, das uns ein grüner Engel darbringt, wie auf
schneeverwehtem Grunde, euch Menschen das Licht reicht, die ihr zutiefst in
eurer Erde verbissen seid, während Ligetis Lux aeterna von den fernsten
Galaxien reflektiert, aus unserer Orgel neue Töne entlockt – oder
sind es Menschenstimmen, sind es Dämonen oder andere Geister ?
Klangschichtungen, Widersprechungen, Akkorde, Cluster, Farben und Töne,
Geräusche und Dunkelheit begegnen sich in tiefster Unruhe, während
sich Feder um Feder löst und in einen nicht mehr zu durchschreitenden
Raum flieht. Federn im Weltall. Jede Feder eine Seele, jedes Murren ein
Ton der fehlt in der Partitur. Der Orgelklang baut sich auf, wie ein
Haus, eine Kathedrale, ein World Trade Center, ein Babelscher Turm.
Jauchzen der Flöten, Geschnarre der Krummhornen und Ranckette.
Begleitung durch sanftes dahinfliegendes Glissando der stehenden,
zartesten Streicherklänge, ganz, ganz still werdend. Da im Versteck
erzählt eine ersterbende Dolce ihren baldigen Tod, dort glast eine
achstimmige Mixtur einen Prinzipalchor an, immer noch zart, immer noch
fein und spielerisch. Hier versinkt Flauta und Rohrflöte im dunklen
Gedackt und Holz. Fragend bewegen sich die melodieakzentuierenden
Stimmen mit den
Farbmanualen. Gesang und Orgelspiel vermischen sich, nicht mehr zu einer
Anbetung, sondern zu einer Auseinandersetzung zu Gott. Alle Worte und
Klänge überschlagen sich zu einem letzten grandiosen Akkord, der ins
Hinterste dringt, alles sagt und unverstanden bleibt, zum Gebet wird,
zur Formel, zur Chiffre. Alles löst sich auf, Zeit wird nicht mehr
erkannt. Am schwarzen Loch inmitten einer der letzten Galaxien wird
erfrorener Klang in einem feindlich gewordenen Weltall statisch und
fest. Orgelklang steht säulengleich im Raume, der nicht mehr ist. Es
gibt keine Zeit mehr, alles ist nur Einbildung eurer Seele, alles ist
nur Wille und Schaffen eurer Seelen während alle Ewigkeit nach einem
festen Plane abläuft, und ihr wisst es. Die Federn und euere Seelen
verschmelzen. Merkur der Seelenführer kommt auf befedernden Schuhen
daher.
Die Orgel mit ihren fünf Pfeifen im Prospekt hat
das Geheimnis der alten Perser verraten. Fluch über Ktsesibios, der
hätte schweigen sollen. Pans Flöte verbreitet den Hirten Schrecken und
Angst. Panik überwindet ihr nur durch Licht. Erkenntnis ist nur durch
Erkenntnis der Affekte möglich.
Wir bemerken eine letzte Feder, wie sie sinkt,
getragen von einer klagenden, zarten Gambe, Sibelius’ Schwan von
Tuonela, der in weißem Federkleid tief unten im tiefkalten Styx seine
Runde dreht, im Bourdun, im irrationalen Rausch, hoffnungslos nach oben
blickend, und die sinkende Feder beobachtend.
Die Götter schwören nur hier ihre Eide, die sie
nicht immer halten.
Wir hatten nur ein Orgelkonzert hier in Uxla
Barlrana, an einem Ort, wo viel Leichtes und Blaues seine Gestaltung
findet. Nur ein einziges Wort, oder nur ein einziger Klang, und ihr seid
erlöst.
(ein Außerirdischer)
oder
einer der außer
sich war...