Der Restaurierungsbericht

Vor mehreren Jahren, ich glaube es war um 1975, erschien von Susan Tattershall in einem ISO-Heft ein Restaurierungsbericht, über ihre Arbeit an einer alten mexikanischen Orgel. Diesen Bericht habe ich immer wieder durchgelesen und studiert, da er mir als ein äußerst lebendiges Dokument erschien, und den ich auch in allen wesentlichen Punkten für richtungsweisend hielt. Die Orgelbauerin geht in ein abgelegenes mexikanisches Dorf, wo sie unter fast abenteuerlichen Umständen ein Örgelchen restauriert. Hier herrscht Materialknappheit, was mit menschlicher Hilfsbereitschaft und Fantasie kompensiert wird. Ja hier holt man am Schluss sogar noch Knochen vom Metzger, mit dem einige Tasten belegt werden. Das wichtigste Element an der ganzen Arbeit war, das Aufgehen der Person der Orgelbauerin in diesem Dorf und in dieser begrenzten Welt, und damit ein Eingehen in alle wesentlichen Komponenten dieser Welt um diese Orgel. Das fand ich so schön an diesem Aufsatz, man konnte die Restaurierung geistig und intuitiv nachvollziehen. Noch Jahre später, in Spanien unter ähnlichen Umständen, musste ich an diesen Bericht und an die Ausführungen der Autorin denken.

Heute ist es nun üblich geworden mehr oder weniger ausführliche Restaurierungsberichte anzufertigen, sobald ein Instrument wiederhergestellt wird. Dies ist ein sehr lobenswerter Umstand, wenn man weiß mit welchem Arbeitsaufwand diese Berichte in der Regel verfertigt werden. Schön und immer erfreulich ist dabei, wenn über die normale Abhandlung hinaus wichtige Details zur Sprache kommen, die von vielen Kollegen interessiert aufgenommen werden können.

Das brandneue ARS ORGANI Heft 1 vom März 2002 wartet gleich mit drei Restaurierungsberichten auf, die ich allesamt für sehr gut und motiviert halte.

So schreibt Hans-Wolfgang Theobald über die Restaurierung einer J.H. Mundt –Orgel von 1671 durch die Firma Klais, wie bereits angedeutet, einen hervorragenden und mustergültigen Bericht, der mich aber in einem Punkte zutiefst erschreckt hat, nämlich dort, wo plötzlich Epoxidharz zum Ausgießen der aufgeriebenen Achsbohrungen verwendet wird.

Im weiteren Restaurierungsbericht Herrn Christian Eickhoffs von der Firma Emil Hammer zur Restaurierung der Weigle-Orgel in der Liebfrauenkirche von Liegnitz aus dem Jahr 1914 erfährt man, dass die Lederbälge mit Silikon-Spray abgedichtet werden, während nun Andreas Kiss von der Restaurierung der Maerz-Orgel von 1876 zu Dettenschwang erzählt und äußert mit Zweikomponentenkleber Befestigungen an der Windlade vorgenommen hat.

In Anbetracht dessen, dass hier wirklich sehr offen und frei alle Materialien und Arbeitsweisen erläutert werden, bitte ich hier nicht misszuverstehen, dass von meiner Seite irgendeine bösartige Absicht oder griffelspitzerisches Wichtigtuen möglicher Hintergrund dieser Betrachtungen sein soll. Sondern es ist eine grundsätzliche Hinterfragung, ob diese Mittel und Methoden bei Instrumenten vergangener Kulturepochen am Platze sind.

Meine Auffassung schließt sich der des Denkmalamtes in Stuttgart, Herrn Dr. Könners, vollkommen an, dass einfach kein Material verwendet werden soll, welches zur Bauzeit dieser Instrumente nicht vorhanden war. Damit ist immer gewährleistet, dass Materialunverträglichkeiten sehr viel weniger vorkommen, da ja die Instrumente, bei denen diese Methode angewendet werden, durch ihren Bestand schon beweisen, dass das Material in der Regel miteinander harmoniert. Ausnahmen bilden natürlich viele Stoffe, die heute chemisch anders behandelt werden, als dies vor  Jahrzehnten der Fall war, wie z.b. Leder. Aber in diesem Punkte ist der Orgelbauer halt überlastet, weil er eben kein Chemiker ist.

Ein völlig anderer Grund ist aber, und dies ist meiner Meinung nach der viel wichtigere, dass durch die vielen einfacheren Mitteln, welche zum Beispiel in der Zeit des 19.Jahrhunderts angewendet wurden, die Menschen die an der Orgel arbeiten mit viel weniger aggressiven und unberechenbaren Chemikalien in Berührung kommen. Verwendet man z.b. Knochenleim grundsätzlich bei Restaurierungen, so ist die Schadstoffbelastung am Menschen viel niedriger als bei anderen Leim- oder Klebeverbindungen. Ausnahmen sind auch hier wieder da, nämlich die Holzwurmbekämpfungsmittel, hier hinterschaut man nie, mit welchen Giften man wirklich in Berührung kommt, und harmlose Mittel anzuwenden getraut man sich nun wirklich nicht.

Bei einer guten Restaurierung sollte man den Geschmack der Zeit auf der Zunge haben, in der die Orgel gebaut wurde, dann kommt einem nie in den Sinn irgendwelche Kleber und Kunststoffe einzusetzen, die es zu der damaligen Zeit nicht gab. Das beisst sich einfach. Und ich glaube dass dieser Geschmack auf der Zunge durch Literatur, Kunst und Kulturverständnis aus der Zeit zu einer umfassenden und guten Restaurierung führt.

Der heutige Mensch kann nur etwas an der Zukunft ändern, habe ich vor kurzem gehört, an der Vergangenheit ist nichts mehr zu korrigieren. Dieser Satz, obwohl er schlagartig einleuchtet, stimmt nur ganz bedingt: Wir können durch unser Verhalten die Perspektive zur Vergangenheit wechseln und beeinflussen. Nehmen wir als Beispiel nur das Tagebuch eines großen Künstlers, der schon lange nicht mehr lebt. Und dieses Tagebuch vernichten wir, anstatt es zu veröffentlichen. Der Zugang zu diesem Künstler ist durch dieses aussagekräftige Objekt des Tagebuchs nach dessen Vernichtung für alle Generationen gesperrt. Im positiven Fall können wir durch unsere Erkenntnis sehr viel an neuer Perspektive zur Vergangenheit für viele Generationen eröffnen – und dies ist letztendlich nichts anderes als „Restaurierung“.