eingefügt am 18.April 2003

 

 

Ansichten eines Clowns

Wie kommt ein normaler Mensch, sprich ein Orgelbauer plötzlich dazu die 60er Jahre wiederaufleben zu lassen, dazu noch die 1962er Jahre, in denen wie wir alle wissen nur der reinste Müll produziert wurde. Nun zum einen stört mich die Diskrepanz mit der die heutigen Besserwisser über die Technikbegeisterung der Nachkriegsjahrgängler herziehen und dabei selbst völlige in sich eingefallene Technoidioten darstellen. Zum Anderen ist es ja so, dass gerade diese Instrumente eine außergewöhnliche Haltbarkeit an den Tag legen und so die getadelte Industriequalität wie Sperrholzpfeifen und Alutraktur mit Aluventilen und Multiplexstöcken kaum Anlass für Heizungsschäden geben, eben anders wie etwa ihre historischen Kollegen, deren Massivholzkanzellen reißen oder eben nur einmal Holzpfeifen unter dem modernen Heizungsbau sich  drehend verwinden.

In Dietzenbach ( Opus 5072 : Bilder mit Pfeifenwerk ) habe ich ein solches 40 Jahre altes Walcker Positiv E "Canberra" gefunden, das keinerlei besondere Pflege in Anspruch nahm, um heute von etwas Schmutz abgesehen mustergültig dazustehen. Der Klang ist gewöhnungsbedürftig, das Pfeifenwerk aber absolute Spitzenklasse und intonationsfähig.

Drei Instrumente von Walcker aus diesem Kleinorgelkatalog wurden von mir zwei Tagen vor Ostern gestimmt und einer Durchsicht unterzogen und ich kann folgendes Resümee abgeben : Der Gebrauchtorgelhandel in Deutschland wird in den nächsten Jahren bestimmt viel mit diesen unverwüstlichen Instrumenten aus unserem Hause zu tun haben. Der Kaufpreis vor 40-50 Jahren kann heute als Wiederverkaufspreis dieser Instrumente angesetzt werden. Ist das nicht ein hervorragendes Ergebnis ?  Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie könnten Ihren Wagen zum Einkaufspreis in den Gebrauchtwagenhandel abgeben.

Die spitze Intonation, die besonders ab der mittleren Lage in der Lautstärke anheben und unangenehm werden, dies liegt darin begründet, dass man zu dieser Zeit bei Walcker fast ausschließlich Kernspaltenintontion betrieb, wie es von vielen Sachverständigen halt so gefordert war. Ein Stichlein hier und ein Stichlein da und man kann sehr schöne und runde Prinzipale und Flöten aus diesen Instrumenten zimmern. Natürlich sind die Mensuren doch relativ eng, was sich am Gesamtklang bemerkbar macht : große Kirchen ab 150 Sitzen aufwärts füllen diese Standartörgelchen nicht mehr. Auch die Subbasse mit ihren Mensuren M17 und die Schuhschachteln, die man als Bälge eingebaut hat begrenzen den großen runden Atem. Die Lederpulpeten aus jener Zeit müssen durchweg gegen Bleipulpeten ausgewechselt werden, ebenso sind die die Ventile belastende Auslässe zu entfernen. Hier macht man am besten nur einen einfachen Filzring in die Kanzellenöffnung. Die Schleifen können jedoch unverändert übernommen werden. Bis 1962/63 bestehen die Ventile aus Holz, danach sind es Aluventile. Oft wurden Bohrungen in den Stöcken sehr knapp bemessen, was sich bei einer Neuintonation bemerkbar macht. Die offenen Pfeifenfüsse sind einzukulpen und ein harmonisches Verhältnis zwischen Fussloch und Kernspalte sorgt auch für einen harmonischen Klang. Es können wirklich schöne Prinzipale intoniert werden, etwas schwieriger wird das bei den Rohrflöten und Gedackten. Registeranbauten empfehle ich unbedingt zu unterlassen, da die Kanzellen und Windverhältnisse einfach unzureichend sind. Sehr schnell hat man da ein Japsen und Fauchen der Orgel, nur damit da eine verirrte Gambe am hinteren Kanzellenstück gehaltlos mitsummsen kann.

Aber man lese doch mal die Begeisterung mit der Wolfgang von Karajan über seine Walcker-Hausorgel auf den Blättern 12 und 13 spricht -  der Mann spricht aus völliger Freude und Hingabe zu seinem Instrument, und das sollte nur für sein Leben  gelten ? Ja glaubt denn irgendwer, dass unsere Kinder und Kindeskinder über die heutigen Orgeln, die für mich schon jetzt zu einem großen Teil das materialisierte Grausen darstellen, dass über diese Instrumente in 40 Jahren anders polemisiert wird ?

Nun mit dieser Internetseite will ich für alle die mit gebrauchten Walcker-Positiven in Berührung kommen ein kleine Maß- und Bilderfibel zur Hand geben, mögen Sie ihren Nutzen daraus ziehen.

Eine Frage die ich gleich vorab beantworten kann : Hat die Landesstrafanstalt in Saarbrücken einen solchen Orgelprospekt wie auf dem letzten Blatt dargestellt denn verdient ? Antwort : Strafe muss eben sein !

gwm 18.4.2003

 
   

 

 

 

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