Ansichten
eines Clowns
Wie kommt ein
normaler Mensch, sprich ein Orgelbauer plötzlich dazu die 60er Jahre
wiederaufleben zu lassen, dazu noch die 1962er Jahre, in denen wie wir
alle wissen nur der reinste Müll produziert wurde. Nun zum einen stört
mich die Diskrepanz mit der die heutigen Besserwisser über die
Technikbegeisterung der
Nachkriegsjahrgängler
herziehen und dabei selbst völlige in sich eingefallene Technoidioten
darstellen. Zum Anderen ist es ja so, dass gerade diese Instrumente eine
außergewöhnliche Haltbarkeit an den Tag legen und so die getadelte
Industriequalität wie Sperrholzpfeifen und Alutraktur mit Aluventilen und
Multiplexstöcken kaum Anlass für Heizungsschäden geben, eben anders wie
etwa ihre historischen Kollegen, deren Massivholzkanzellen reißen oder
eben nur einmal Holzpfeifen unter dem modernen Heizungsbau sich
drehend verwinden.
In Dietzenbach
( Opus 5072 :
Bilder mit Pfeifenwerk )
habe ich ein solches 40 Jahre altes Walcker Positiv E "Canberra" gefunden,
das keinerlei besondere Pflege in Anspruch nahm, um heute von etwas
Schmutz abgesehen mustergültig dazustehen. Der Klang ist
gewöhnungsbedürftig, das Pfeifenwerk aber absolute Spitzenklasse und
intonationsfähig.
Drei Instrumente
von Walcker aus diesem Kleinorgelkatalog wurden von mir zwei Tagen vor
Ostern gestimmt und einer Durchsicht unterzogen und ich kann folgendes
Resümee abgeben : Der Gebrauchtorgelhandel in Deutschland wird in den
nächsten Jahren bestimmt viel mit diesen unverwüstlichen Instrumenten aus
unserem Hause zu tun haben. Der Kaufpreis vor 40-50 Jahren kann heute als
Wiederverkaufspreis dieser Instrumente angesetzt werden. Ist das nicht ein
hervorragendes Ergebnis ? Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie
könnten Ihren Wagen zum Einkaufspreis in den Gebrauchtwagenhandel abgeben.
Die spitze
Intonation, die besonders ab der mittleren Lage in der Lautstärke anheben
und unangenehm werden, dies liegt darin begründet, dass man zu dieser Zeit
bei Walcker fast ausschließlich Kernspaltenintontion betrieb, wie es von
vielen Sachverständigen halt so gefordert war. Ein Stichlein hier und ein
Stichlein da und man kann sehr schöne und runde Prinzipale und Flöten aus
diesen Instrumenten zimmern. Natürlich sind die Mensuren doch relativ eng,
was sich am Gesamtklang bemerkbar macht : große Kirchen ab 150 Sitzen
aufwärts füllen diese Standartörgelchen nicht mehr. Auch die Subbasse mit
ihren Mensuren M17 und die Schuhschachteln, die man als Bälge eingebaut
hat begrenzen den großen runden Atem. Die Lederpulpeten aus jener Zeit
müssen durchweg gegen Bleipulpeten ausgewechselt werden, ebenso sind die
die Ventile belastende Auslässe zu entfernen. Hier macht man am besten nur
einen einfachen Filzring in die Kanzellenöffnung. Die Schleifen können
jedoch unverändert übernommen werden. Bis 1962/63 bestehen die Ventile aus
Holz, danach sind es Aluventile. Oft wurden Bohrungen in den Stöcken sehr
knapp bemessen, was sich bei einer Neuintonation bemerkbar macht. Die
offenen Pfeifenfüsse sind einzukulpen und ein harmonisches Verhältnis
zwischen Fussloch und Kernspalte sorgt auch für einen harmonischen Klang.
Es können wirklich schöne Prinzipale intoniert werden, etwas schwieriger
wird das bei den Rohrflöten und Gedackten. Registeranbauten empfehle ich
unbedingt zu unterlassen, da die Kanzellen und Windverhältnisse einfach
unzureichend sind. Sehr schnell hat man da ein Japsen und Fauchen der
Orgel, nur damit da eine verirrte Gambe am hinteren Kanzellenstück
gehaltlos mitsummsen kann.
Aber man lese
doch mal die Begeisterung mit der Wolfgang von Karajan über seine
Walcker-Hausorgel auf den Blättern 12 und 13 spricht - der Mann
spricht aus völliger Freude und Hingabe zu seinem Instrument, und das
sollte nur für sein Leben gelten ? Ja glaubt denn irgendwer, dass
unsere Kinder und Kindeskinder über die heutigen Orgeln, die für mich
schon jetzt zu einem großen Teil das materialisierte Grausen darstellen,
dass über diese Instrumente in 40 Jahren anders polemisiert wird ?
Nun mit dieser
Internetseite will ich für alle die mit gebrauchten Walcker-Positiven in
Berührung kommen ein kleine Maß- und Bilderfibel zur Hand geben, mögen Sie
ihren Nutzen daraus ziehen.
Eine Frage die
ich gleich vorab beantworten kann : Hat die Landesstrafanstalt in
Saarbrücken einen solchen Orgelprospekt wie auf dem letzten Blatt
dargestellt denn verdient ? Antwort : Strafe muss eben sein !
gwm
18.4.2003