Was ist übrig von dieser Geschichte nach 100 Jahren, in einer Zeit, wo
romantische Orgelklänge wiedererwachen, und wo mich fast wöchentlich
Nachfragen zur Walckerorgel der Hamburger Michaeliskirche erreichen, das
soll hier etwas untersucht werden.
In dem Buch "Der Michel brennt" ist so gut wie nichts von dieser Orgel mehr
da. Sie wird zwar erwähnt, aber nicht mehr abgebildet, und auch nicht mehr
musikalisch oder von ihrer Gestalt her erläutert.
Wenn man nun, wie ich, vierzehn Tage einen Steinwurf entfernt vom Michel, im
Seemansheim wohnt; viertelstündlich seinen Glockenschlag hört, bei jedem
Gang auf die Straße vom größten Ziffernblatt aller europäischen
Kirchturmuhren, mit einem Durchmesser von 5m, über die Zeit aufgeklärt wird,
vom 120 kg schweren Zeiger der Uhr, dann wird man wieder direkt auf
Vergangenheit aufmerksam. Zeit wird da materialisiert.
Man stellt sich auf die Stufen, wo Kaiser Wilhelm II zur Einweihung der
Orgel kam, wo alle Honoratioren eintraten. Wo saß wohl Max Reger und neben
ihm Oscar Walcker, wohl in der ersten Reihe? Wo Alfred Sittart saß, das ist klar, an der gigantischen,
wilhelminischen Tabulatura, die samt Orgel von der Familie Dr. W. Godeffroy
gestiftet wurden - und diese Stiftungstafel ist noch an selber Stelle in der
Brüstung der Orgel. Alles andere, von vereinzelten Gehäuseteilen abgesehen,
wurde der Vernichtung preisgegeben.
Die Walckerorgel, die vor der
Bombardierung eingelagert wurde, dann wahrscheinlich nur halbherzig nach dem
Krieg wieder aufgestellt wurde, ist ab 1959-1960 praktisch ohne
Kriegsschäden und ohne Substanzverlust von dem Kirchenmusiker Bihn
verschrottet worden.
An diesem Beispiel kann man sehr gut ermessen, was
passieren kann, wenn Verantwortung an die falschen Leute delegiert wird, und
wenn nicht mehr die notwendige Bewusstheit für Kulturwerte aus vergangenen
Zeiten gewahrt wird. Denn dieses Instrument wäre heute ein Wallfahrtsort für
alle Anhänger der romantischen Orgelmusik, das sich anders als die
pneumatische Berlin Domorgel, um Fragen der Repetition nicht zu kümmern
bräuchte.Die Verschrottung dieser Orgel hat mit KMD Bihn einen negativen
Namen bekommen, aber gerecht wird man der Sache erst, wenn man feststellen
muss, dass alle Verantwortlichen der damaligen Zeit und das Verfügenkönnen
über reichhaltige Geldmittel die Hauptgründe waren, dass eine vergangene
Kulturentwicklung und eines ihrer größten Symbole nicht mehr bewahrt werden
konnte. (walckerorgel
opus 1700 Hamburg Michaeliskirche)
Am 1.Oktober 1912 wurde die neue Walckerorgel in Hamburg geweiht, 6 Jahre
nach dem Brand. Sie muss, so der heutige Organist der Michaelisorgeln KMD
Manuel Gera, "Klangkraft gehabt haben, die man bis zum Hafen gehört hat". 68
Register der Hildebrandorgel konnte Oscar Walcker übernehmen. Mit dem
Fernwerk, das einen 40 m langen Schallkanal bis zur ovalen Schallöffnung
mitten in der Kirchendecke hatte, war die Orgel auf 66qm untergebracht,
hatte eine Höhe von 17,6m und eine Tiefe von über 7 m. Mit 163 Register und
12.173 Pfeifen auf 25 Ausgleichsbälgen, die zwischen 90 und 190mm WS Druck
brachten, war es das größte Werk, das Walcker je baute, und bis zur
Parteitagsorgel der Nazis, sollte es so bleiben.
Oscar Walcker hat hier
erstmals neue Mensurierung eingebracht, die besonders Variablität bei den
Streichern und weitere Mensuren bei Flöten und Gedackten entwickelte. Das
Maximum an Durchmesser erhielten hier die Prinzipale, und hier ist
erwähnenswert, dass das C des 32' rund 550mm Ø erhielt, in reinem Zinn. Aber
wie Oscar Walcker in seinen Erinnerungen über Hamburg schreibt, waren
einzelne Stimmen schon zu weit bemessen, mussten korrigiert werden.
VIDEO Manuel Gera an der Steinmeyer-Orgel Hamburg Michaelis
VIDEO Manuel Gera an der Marcussen-Orgel Hamburg Michaelis
Dass die Orgel eine sehr große Resonanz nicht nur bei vielen Hamburgern
hatte, sondern auch draußen im Reich, beweisen die vielen Schelllackplatten,
die sich langsam den Weg ins digitale MP3-Geschehen machen. Viele jüdische
Nachfahren, deren Eltern aus Deutschland vor den braunen Horden geflüchtet
sind haben sich etwas "Kultur" in Form von Schelllack mit nach Amerika
genommen, was heute wieder seinen Weg zurück ins Reich zu nehmen scheint.
Wir werden davon sicher bald einige Vorstellungen geben können, ob von
Sittart oder Straube bespielt wird sich zeigen. Sicher ist, dass es einige
sehr interessante Aufnahmen gibt, die uns das Klangbild dieser mythischen
Orgel etwas näher bringen kann.
In Vergangenheit eintauchen ist eine Sache, eine andere ist es, bei der
Gegenwart wiederauftauchen, und ganz besonders, an der Gegenwart zu
arbeiten: das Vergangene als Wert erkannt, in die Gegenwart einbringen.
Das restaurative Denken, bedeutet grundlegend die Erkenntnis, dass das
Frühere besser war, als das Gegenwärtige. Hier aber ist zu fragen: für wen
und für welche Zeit? Wiederbelebung alter Lebensformen muss gesehen werden
in seinen historischen Proportionen. Nimmt man davon einfach Abbilder
anstatt Beziehungen herüber, kann es sein, dass man Missverhältnisse statt
Proportion in neuer Zeit schafft. Das Alte kann dann zum Dämon werden oder
schlichtweg zum Kitsch mutieren, wie bei Villingen und Schwenningen.
Tradition wahren heißt immer, kritisch mit überkommenen Werten arbeiten und
die Distanz sehen, mit der wir vor dem "Koloss der alten Welt" stehen, hören
und sehen. Einweihungsschrift von
Sittard Walckerorgel Opus1700
und Marcussen Orgel
Bei unserer Arbeit an der Mauracherorgel im Kleinen Michel munkelte man,
dass der Spieltisch der großen Walckerorgel im Michel noch erhalten sei, und
dass er entweder in der Krypta präsentiert würde, wo weitere Gegenstände aus
der Kirche ausgestellt seien. Dann hört man, dass der Spieltisch in einer
Kneipe aufgebahrt sei. Wir wollen es genau wissen und erkundigen uns bei
allen Leuten. Manuel Gera, Kirchenmusikdirektor und zuständiger
Kirchenmusiker im Michel erläutert, dass dieser Spieltisch, gäbe es ihn
noch, längst zum Hauptspieltisch avanciert sei. Gleichzeitig läd er uns zu
seiner Orgelvorführung ein die täglich um 12 Uhr im Michel stattfindet.
Tatsächlich sind dort jeden Tag von 100 bis 300 Zuschauer keine Seltenheit.
Zuerst spielt Gera auf der kleinen Grollmann-Orgel unten im Chor, etwas Predigt,
dann kommt die "Hilfsorgel"dran, welche Marcussen 1909 mit 40 Registern
gebaut hat (Walcker hat das Instrument 1951 überholt und mit neuem elektr.
Spieltisch versehen, und dieser Spieltisch sollte in irgendeiner Kneipe
seine Show haben), danach wird die Steinmeyer von 1960/62 mit 85 Registern
gespielt. Diese Orgel hat einen braven Klang, fast schöne, unaufdringliche
Mixturen, und im Tutti fehlt ihr eigentlich alles was man von diesem
Prospekt erwartet. Dennoch ist die Orgel und ihr Aufbau, den wir komplett
durchstudieren dürfen, ihren 85 Register angemessen. Es ist reichhaltig
Platz im Orgelzimmer, wo vorher eine dopplet so große Walcker stand.
Was völlig fehlt ist der gurgelnde Grundton von satten Bässen aus Untersatz, Kontrabaß, Posaunen und in der Mittellage ist es etwas zu dünn.
Die ätherischen Streicher, welche von der Kirchendecke herunterrieseln
sollten, vom zartesten Aeolshauch bis zum kraftvollen Gambenstrich, dies
vermissen wir nicht, wir haben es nie erwartet.
Die Orgel ist mechanisch, mit Seilzugtraktur, die ihre bekannten Tücken hat,
und wohl in absehbarerer Zukunft durch Holzabstrakten ersetzt werden wird.
Im Innern findet sich ein riesiger Eisenschmidt-Setzer mit 5 oder 6
Kombinationen und es findet sich ein aufgeräumtes Inneres, das pflegeleichte
Wartung verspricht.
Nicht so bei der Marcussen-Orgel, die wohl in dern 70
Jahren midifziert und cavallisiert wurde, mit hässlichen Pappkisten, wobei
die stark gekröpfte "harmonique" uns zerberusgleich anbellte. Die Orgel
wurde bereits 1909 schon recht kräftig intoniert, wie das Einweihungsheft
vermerkt, mit 108mmWS, um den großen Chor- und Orchestermassen
standzuhalten. Ob Walcker da noch in 1951 noch weiter aufgedreht hat, oder
nur beibehielt, müsste sorgsam überprüft werden. Weil man vorhat diese Orgel
wieder auf den originalen Zustand (pneumatisch) zurückzuführen und
gegebenenfalls beide Orgeln über einen Zentralspieltisch zu steuern (also
wieder e-pneumatisch).
Die Orgelwelt im Michel scheint also wieder ein wenig in Bewegung zu kommen,
ein zurück auf 1912 wird es nicht mehr geben. Vielleicht wären die
Kirchenmusiker dort dazu bereit, aber wie stände es mit der Bevölkerung?
Wir fahren mit dem doppelgedeckten Touribus durch die Hamburger Innenstadt
und sind am Ende erstaunt nur eine einzige Kirche erwähnt haben zu bekommen,
es war der Michel. Kein Wort hörten wir von der St. Jakobikirche
(Ahrendorgel, die oft auch als Schnitgerorgel tituliert wird), St. Petri
(von Beckerath-Orgel mit Register aus alter Walcker-Orgel, die kürzlich von
Schuke restauriert wurde) St. Katharinenkirche (die momentan noch
eine Kemperorgel auf der Westempore hat, unten steht eine Kleuker, die noch
benutzt wird - in Planung ist eine Flentrop-Orgel, was man nirgendwo lesen
kann und was in Hamburg scheinbar niemand weiß, es steht ausschließlich
Bach-Orgel im Raum, welche hauptsächlich von Zeit-stiftung, Spiegel und
weiteren Stiftern bezahlt werden soll, geplant ist der Einbau in 2010)
St. Nikolai - hier ist nur noch die gotische Ruine vom II.WK übrig
gelassen worden (aber auch hier soll eine der bis dato größten Orgel Europas
von Schnitger eingebaut worden sein, die 1842 verbrannte). Damit haben wir
die fünf Hauptkirchen der Hansastadt Hamburg kurz mit ihren Orgeln
vorgestellt - eben unter dem Hinweis gestellt, dass es sich um ein
sehr statisches Bild der Stadt handelt.Und wir haben der
Touribus-Tante mitgeteilt, dass sie in Zukunft etwas über diese Kirchen
sagen soll, ob was hilft weiß man nicht.
Keinesfalls können wir uns mit der Auffassung einiger Hanseaten vertraut
machen, dass Hamburg die Welthauptstadt der Kirchenmusik sei, weil hier
schon im 17.JH ein Wallfahrtsort für Organisten Geltung besessen habe. Man
erinnert immer gerne an den Bittsteller JSB - aber meine Damen und Herren,
das ist rund 300 Jahre her.
Und ist genau die Form von Geschichte, auf der man sich gerne ausruhen mag,
aber die keinerlei Dynamik und Bewegung verspricht. Eine Kopierorgel in
diesem Sinne zu bauen in St. Katharinen, mit einer sicher gewährten
Bachorgel, das ist ein Hintersinnen das völlig schief liegt. Mag sein, dass
man ein paar Touristen mit Bachorgel gezielter einlullt, so wie man im Süden
mit Silbermann-und Regerorgeln die Dummen in ihren Schlaf singt.
Langfristig wird
man dem Orgelbau dadurch nur Schaden zufügen, weil irgendwann auch der
größte Tropf den Etikettenschwindel bemerkt und hämisch auf jenen Beschiss
dieser durchdachten "Kulturarbeit" verweisen kann.
Das "Echte" oder
"Wahre" fängt bei einer gründlichen und klaren Benennung an, und hört bei
einer soliden Arbeit auf. Wer bescheißen will, der sollte auf den Jahrmarkt
gehen und nicht in die Kirche. Oft hat man den Eindruck aber, als sollte die
Kirche zum Jahrmarkt werden. Manche Predigten klingen schon sehr verdächtig
nach Bütt und Pappmaché. Und da ist es mir immer noch lieber, man hört den
tiefen und brausenden Puls von der Westempore - den interpretierbaren
Orgelton, der deswegen unsere ganze Begeisterung erfahren darf, weil er
nicht in Begriffen lügen kann - eben, weil er unschuldig ist.
An einer Stadt wie
Hamburg kann man noch weitere Erscheinungen unserer Zivilisation prismatisch
deutlich und glasklar erkennen, wie wir das in anderen Landesteilen und kaum
auf dem Lande sehen dürften: es ist der Moloch der seine Kinder frisst.
So haben wir in
unserer Kirche Ein-Euro-Jobber, Hartzler, darunter einen Architekten, der
von England, Vietnam, Japan, Korea, Afrika und weiß der Teufel überall tätig war,
Projektleiter war, und nun als Kirchenwache seinen Dienst versieht. Zwei
Tage nach unserer Ankunft meldete sich eine weitere Person zum Ein-Euro-Job,
ein ehemaliger Filialleiter der Deutschen Bank. Der Tagesarbeit in der Bank
nicht mehr gewachsen landet er auf unterster Stufe.
Marktwirtschaft
kennt keine Gnade nicht.
Kein Zufall, dass ich gerade "Tadeusz Borowski -Bei uns in
Auschwitz" lese. Hoffnung, gibt es da nicht mehr in den biederen Formen, wie
sich Würschtle den Würschtleshimmel vorstellt.
Man darf nicht
verzweifeln, aber auch nicht fliehen.