Maya- und Euro-Kultur auf den
Trümmern von Erdbeben, Hurrikanen und
Vulkanausbrüchen.

Der Zorn alter Götter im Zwischenspiel mit
christlicher Ethik. Analphabetismus und Orgelmusik. Antigua, das
zentralamerikanische Troja: von Naturkräften zerstört, wieder und wieder
vernichtet, aber heute aufleuchtend in seinem konservierten Verfall, das die
deutschen Romantiker zutiefst inspiriert hätte, und
das Hölderlin oder Goethe hätte sagen lassen: „Weine nicht vor den Mauern
Antiquas Fremder, denn die Mayas sind ihr Schicksal. Blindheit erzeugt so
Grausamkeit nur in Dir. ---Singe Du, Quetzal, und stirb.“
Anstelle europäischer
Revolutionen und Weltkriegen wurde und wird Guatemala von Erdbeben,
Vulkanausbrüchen und ab und zu von Hurrikanen heimgesucht – von politischen
Desastern konnte es sich aber damit auch nicht freikaufen.
Die Walcker-Orgel in
der Catedral von Guatemala Ciudad, gebaut 1936, 47/III, mit
spätromantischem Klang und elektrischen Taschenladen, heute
guatemaltekisches Denkmal, ist indirekt ein Erzeugnis jener grausamen
Mayagötter, wie man diese Naturgewalten auch interpretieren kann. Als
nämlich im Jahre 1773 wie ein Vorbote der französischen Revolution (1789)
ein gewaltiges Erdbeben die guatemaltekische Hauptstadt Antigua („die Alte“)
von Grund auf vernichtete, zerstörte es über 36 Kirchen, viele Klöster und
so auch den Rest der herrlichen Stadt. Die Straßen und Infrastruktur blieben
erhalten. In der Catedral von Antigua stand eine Orgel, deren
klassizistisches Gehäuse in Jahre 1803 in die Catedral der neugegründeten
Hauptstadt Guatemala Ciudad umgestellt wurde. In dieses Gehäuse kam 1936 die
Walcker-Orgel, die wie so oft im Euro-Südamerika-Geschäft gegen Kaffee
getauscht wurde. Diese Orgel ist heute ein einzigartiges spätromantisches
Klangdenkmal, das wir in dieser Form kaum noch in Europa antreffen, und das
für südamerikanische Verhältnisse hervorragend funktioniert. Das
Zurückführend der Orgel auf den ursprünglichen Klangzustand von 1936 ist
bereits Programm. Eine
Gesellschaft „Organon“ mit engagierten Mitgliedern
aus allen Bevölkerungsschichten bemüht sich um Gelder für Wartung und
Restauration. Die Orgel ist guatemaltekisches Denkmal und geniest bei den
etablierten Bevölkerungsschichten Anerkennung. Es fehlt noch, diese
Akzeptanz ins Volk zu tragen, die Orgel mit den guatemaltekischen
Volksmusiken, die es ohne Zweifel für Orgel gibt, anzubieten und
vorzustellen.
Guatemaltekisches Tagebuch
Am 30.11.2004 begann
meine Reise nach Zentralamerika über Stuttgart-London-Miami-Guatemala Ciudad
(City), welche zum Schwerpunkt die Untersuchung, Wartung und Reparatur der
genannten Walcker-Orgel hatte. Bemerkenswert waren die intensiven Kontrollen
und die penetranten Maßnamen der USA auch an Durchreisenden Fingerabdrücke
und Fotos wie bei potentiell Kriminellen vorzunehmen. Hingegen fiel mir sehr
positiv der Londoner Flughafen auf, der als einziger europäischer Flughafen
mindestens drei große Bookstores in seinem gemütlichen Inneren präsentiert.
In Guatemala City werde
ich herzlich von
Eva Rodas und
Agnes Kretschmer am Flughafen
begrüßt und in ihren Jeep verfrachtet. Fast dreißig Stunden Reise liegen
hinter mir. Stuttgart wurde mit nasskalten, Temperaturen um 2 Grad Celsius
verlassen, während es hier nun am Ende der Regenzeit um 19Uhr gemütliche 15
Grad hatte, in Miami waren es gar 27 Grad Celsius.
Untergebracht bin ich
in einer Wohn-Wagenburg in der Zone 10 der Hauptstadt und hier in der
Wohnung Elizabeth Bihrs, die in Schwäbisch Gmünd aufgewachsen ist und
dort in die Schule ging. Noch am gleichen Abend unterhalten wir uns über das
schwäbische Städtele, über den Rechberg, das Münster und viele andere
Erinnerungen.
Mit Papayas und
deutschem Frühstück, aber auch einer blank lachenden Sonne werde ich um 8
Uhr am 2.Dez. geweckt in einer wunderschönen, hellen Wohnung, die vertraute
deutsche Atmosphäre ausatmet, und die auch Einflüsse aus diesem Land
beherbergt. Elizabeth erzählt, dass ihre Schwester 1996 gegen
Lösegeldforderung entführt wurde, aber glücklich der Peinlichkeit entkommen
ist. Nun sind sie sicher in diesem „Condominio“, außerdem wurden alle
Entführer geschnappt. Später lese ich nachdenklich über diese
„südamerikanischen Krankheit“ von der besonders Argentinien und Brasilien
betroffen sind. Gegen 9Uhr werde ich abgeholt von
Pfarrer Christoph
Schweickle, der wie mir von
Siegfried Kretschmer versichert
wurde, kein Deutsch sondern „nur“ Schwäbisch spricht. Christoph kommt aus
Freudenstadt und ist nach Benningen gezogen. Nun ist er seit 3 Jahren hier
als Evangelisch Lutherischer Pfarrer mit Deutscher Gemeinde in Guatemala
Ciudad tätig. Ab und zu predigt er schwäbisch aber auch in El Salvador.
Wir fahren auf einer
herrlich breiten Straße die Stadt hinunter zur Catedral. Hinter der Kirche
befindet sich ein riesiger
unterirdischer Markt mit Frischgemüse, Obst,
Fleisch usw., allerlei Souvenirs. Bevor es mit der Arbeit losgeht tauchen
wir kurz in dieses herrliche Bad an fremden Gerüchen und Menschen ein, und
lassen uns von einem Indio erklären wie man die heilsame Wirkung der von ihm
angebotenen Schlangenbaumstücke nutzt. Mein erster Eindruck von der Walcker-Orgel ist gut. Die langjährige Pflege durch Oscar Binder hat
sich als hervorragende Arbeit herausgestellt. Oscar Binder war Werkleiter
bei Voit, ging später mit einer Orgel von Walcker nach Südamerika und blieb
dort. Mit seiner Witwe in Kolumbien habe ich heute noch guten Kontakt. Die
Orgel wurde in den 1960er Jahren vom Chor hochgestellt auf die
neueingerichtete Westempore, dabei wurde das klassizistische Gehäuse mit
immerhin 9 Meter Gesamtlänge zerstückelt und Abänderungen an den
Prospektpfeifen vorgenommen.
Im Patio des Padre
werde ich zu einem schönen Mittagstische geführt. Zuvor habe ich mir die
riesige Sakristei und den Hof des ehemaligen Kinderheims angesehen. Hinter
mir essen die Bediensten, wie zu alten Kolonialzeiten. Sie scherzen und
lachen. Ganz besonders lustig müssen meine wenigen spanischen Worte für sie
sein. Ab und zu bringt mir eine Köchin Würzsoßen, pikant oder süß, dann aber
Früchte, die hier oft zweimal im Jahr geerntet werden. Aber auf meinem Apfel
klebt ein Aufkleber „Made in USA“, was mich irgendwie tröstet.
Am Samstag den
4.Dezember arbeite ich mit stiller Wut vor mich hin: ein permanenter
Strom von schlimmster Kaufhaus-Berieselung in der Catedral lähmt mein
jetleg-getrübtes Hirn nun ganz. Auch die elektronische Version von „Freude!“
unseres lieben Ludwig van kann mich nicht beirren. Beim Erschallen
jener Variante gehen gleich ganze Kirchenbänke in die Knie, wohl in der
Auffassung, dass es sich hier um eindeutige Kirchenmusik handeln sollte, was
so nicht von der Hand zu weisen ist. Die Catedral ist wahrlich gut besucht.
In der hintersten Bank sehe ich eine junge Frau, wie sie ihr Kind wickelt.
Weiter in vorderen Bänken beginnt eine andere Frau unvermittelt zu singen,
nach ihrem Lied geht sie hinaus. Im Laufe der Woche wiederholt sich das
mehrmals. Mittags holt mich der Maler Mario Orestes ab, seine Frau
Lorena stößt später dazu und ihre kleine Tochter. Lorena ist
Rechtsanwältin. Auf der total südamerikanischen Fahrt nach
Antigua,
was rund 40km nördlich von Guate liegt, läuft Ravels “Bolero“ im CD-Player,
den Straßen angemessen würde ich bissig kommentieren, aber diese Straße ist
noch wirklich gut. Mit ständigem Gehupe und spanischen Flüchen lässt Mario
seinem südamerikanischen Temperament freien Lauf. Vor uns den
Vulkan Agua,
der dagegen so herrlich ruhig ruht und das sonnige Blau dazu, so die
Menschen und so die Götter, mit einer kleinen Wolke vor dem Gipfel.
Antigua mit ein
paar Worten zu erklären, es ist unmöglich. Eine Stadt die im Jahre 1773
unterging und die ab diesem Zeitpunkt mit allen diesen sakralen Gebäuden so
erhalten blieb, wie sie das Erdbeben vor über 200 Jahren hinterlassen hat.
So etwas hat auf unser deutsch-romantisch gefärbtes Blut eine ungeheure
Wirkung. Da hört man Monteverdi oder Gesualdo in einer verfallenen kleinen
Kirche, hier geistliche New-Age-Musik mit Saxophon in der Cadetral, da und
dort sind Galerien der einheimischen Künstler mit viel Kerzenlicht und viel
unterschiedlichen Rottönen, ein großes Hotel das zwischen den Ruinen
First-Class-Restaurant auf höchstem Niveau anbietet. Ganze Klöster sind in
ihrer ruinösen Abbruchsituation erstarrt, die Zellen der Nonnen, die
Kapellen, die Küche, der Waschsaal, der Kreuzgang. In manchem Keller findet
sich noch eine uralte Maya-Ritual-Stätte. Es ist manchmal, als ob man den
Moment des Untergangs bewahrt hat auf mehrere Jahrhunderte, und wir als
Voyeure uns einschleichen in diese Gebäude und intim werden mit den
Geistern, die noch da sind. Am Ende des Tages gehen wir in die größte
Galerie der Stadt, wo mir Mario seine ausgestellten Bilder zeigt, die mich
begeistern:
Tag und Nacht, rot und schwarz gemalt, Gegensätze neu
formuliert, es erinnert mich etwas an Runge, symbolhaft, offen und zugleich
verschlossen. Caspar David Friedrich habe ich vor meinem innerem Auge,
seinen Friedhof mit Mönchen, hier in Antigua wäre er nimmer satt geworden.
Am Sonntag, den 5.12.
werde ich früh von Eva Rodas abgeholt und wir fahren zur Evang. Luth.
Kirche des Pfarrers Christoph Schweickle, der die Messe in deutsch
liest und in seiner Predigt die Frage stellt:“ Ist Gott pünktlich?“,
„erwarten wir fristgemäßes Handeln, Schalten und Walten Gottes?“, „Glauben
wir, Ursache sein zu dürfen für Wirkungen Gottes?“. Dies hat mich unter den
gegebenen Umständen tatsächlich weiterbeschäftigt, und in manchen Punkten
die Fragestellung weitergeführt, aber auch zur Einsicht geführt, die
Fragestellung gar nicht aufzulösen, sondern als „Reizmittel“ fortbestehen zu
lassen und wieder und wieder aufzugreifen. Damit halten wir es am Leben,
denke ich, und Leben, das ist immer auch begrenzt. Wäre der Mensch Ursache
von Wirkungen Gottes, so wäre er das Schicksal Gottes, was albern erscheint;
aber ohne Wirkung wäre er unfrei, unschuldig und ohne Sünde. Hier macht sich
das Grundproblem aller Religion und Philosophie breit. Die Frage ist nie
aufzulösen, so wenig eine Kerzenflamme, als Idee, ohne die Materie "Docht
und Wachs" leuchten und sich bewegen kann.
Vor und nach der Kirche
treffen sich viele der aus den deutschen Landen ausgewanderten Bürger, um
Kontakt zu halten, trinken Kaffe und essen ein Stück Kuchen, man macht
vielleicht ein kleines Geschäft oder nur einen Smalltalk. Rund 4000 Deutsche
wollen betreut werden. Etwa 50-60 waren in der Messe. Peter Graap
fragt mich nach der Orgel, er hat einen Baumarkt in Guatemala City und kann
alle Schrauben und Ersatzteile liefern.
Mit Eva gehe ich noch
zur 3D-Ansicht Guatemalas, die ein Vermessungsingenieur Anfang des 20.Jh.
gebaut hat. Hier sieht man die geologische Formation des Landes plastisch,
hohe Berge 4-5000m, links den Pazifik, rechts die Koralleninseln vor
Livingstone, ein kleines karibisches Nest im Atlantik. Alle Klimatas der
Welt sind hier enthalten: Regen und angelsächsische Nebel auf den Bergen,
subtropische Klima im Regenwald des Nordens, pazifisches Klima für Surfer in
Puerto San José und die Karibik nur zwei Autostunden von der Hauptstadt
entfernt im Nordosten. Gemäßigt ist es in der Tat in Guatemala Ciudad, wo
alle Jahreszeiten wie im alten Europa ihre Feste feiern, mit herrlicher
Blütenpracht im Frühling. Aber auch im Winter riecht man hier Zitronendüfte
und Melonen und schmeckt die roten süsslichen Kaffeebohnen.
Mittagessen war im
Deutschen Klub, wo ich auf die
Familie Soto treffe, die mich zum
Kaffee einladen. Der Mann ist Arzt, seine Frau Margaret arbeitet in der
Deutschen Botschaft. Nachmittags fahren wir um Guatemala City herum. Am
Berliner Platz treffe ich auf drei Stücke der Berliner Mauer, eines davon
liegt flach auf der Erde. Ich frage, wann sie denn die Teile wieder
zurückschicken, wir brauchen sie für den Wiederaufbau?!
Montag Mittag
höre ich plötzlich während der Predigt einen furchtbaren Knall vor der
Kirche, der Pfarrer redet jedoch unbeeindruckt weiter. Guerilla denke ich.
Später erfahre ich, dass es ganz normal für die Guatemalteken ist, ab und zu
ein paar Knaller vor Freude oder anderen Anlässen gerade an sakralen Stätten
loszulassen. Die Guerilla gibt es indessen nicht mehr, mit einem
Friedensvertrag vor zwei Jahren haben sie sich vom Terror losgesagt. Der
Jahrestag dieses Vertrages am 28.Dez. wird als Orgelkonzerttermin genutzt.
Doch am Dienstag,
den 7.Dez. ist alles anders, es ist der Tag, an dem der Teufel verbrannt
wird, der Queme del diablo. An diesem Tag werden Knaller in Hülle und
Fülle losgelassen, denn damit verjagt man die bösen Geister, und dann abends
um 18 Uhr werden alle Dinge, die das Jahr so belastet haben nach draußen
verbracht und dort öffentlich angezündet. Oft hat man dazu noch einige
Autoreifen draufgelegt, um schönen Rauch zu haben, dies soll jetzt aber
verboten worden sein. Für die Flugbehörden jedoch ist klar, am Queme del
diablo kann in Guatemala Ciudad nicht gelandet und gestartet werden,
wegen Rauch und Nebel. Währenddessen genieße ich bei den Kretschmers
„elsässische Spätzle mit Schnitzel und Salat“, was der besten Köchin von
Mexiko City bis nach Santiago de Chile, Agnes Kretschmer so gut
gelingt, dass ich alle Teller abräume. Dabei erzählt mir Siegfried
von den rund 120 Helikopters die hier stationiert sind, und mit denen man
hier gewöhnlich seine Reisen bestreitet. Mit 2-300 Euro per hour und 7
Sitzplätzen ausgestattet, kommt man schnell zu den sagenhaften
Maya-Pyramiden bis hoch nach Tikál, das früher reinster Dschungel war.
Möglich ist auch eine Busreise über Cobán oder Livingstone, wobei mir später
mein Reiseführer nach Atitlán Manuel Eduardo die interessanten
Zwischenstationen, die kleineren Pyramiden erläuterte, und sich für diese
Route besonders empfahl.
Auf der Orgelempore
erscheint plötzlich mittags der
Padre Peter Mettenleiter, der nach
meinem Gruß “buenos tardes“, mich misstrauisch musterte, und dann sagte:
„Sie send doch au a Schwob!“ Und beide müssen wir lachen. Er hörte im
Kirchenraum das Stimmen der Orgel und dachte, das kann nur ein Deutscher
sein. Der Padre ist seit über 35 Jahren rund 400km nördlich von Guate in
Nähe der Stadt Quetzaltenango tätig, wo er, wie mir versichert wurde
„Pedro“ sogar Frauen entbindet. Er ist dort der Pfarrer der Armen, und in
Deutschland hält ihn nichts mehr. Ein kurzes aber überaus herzliches
Gespräch verbindet mich mit diesem Menschen. Sein Bruder ist Organist in
Calw, dort, wo Hermann Hesse aufgewachsen ist.
Am Mittwoch, den
8.Dez. fahren wir morgens um 8 Uhr an der mexikanischen Botschaft
vorbei, wo eine Schlange von 600-800 Leuten steht, die sich um Visa
bewerben. Von Mexiko aus wollen sie schwarz in die USA, wo sie aber schnell
wieder ausgeliefert werden. Ein Kuriosum: vom Paradies aus ein Visum nach
Mahagoni. Hier leuchtet ein, dass Guatemala Arbeitslosigkeit von rund 60%
hat und eine ebenso hohe Quote an Analphabeten. Menschen, die nicht lesen
können sind machtlos allen Manipulationen ausgesetzt und damit sind sie
unserer Verantwortung ausgesetzt. Und dies ist der Grund warum wir in der
westlichen Welt Sorge für sie zu tragen haben. Dies leuchtet natürlich
verantwortungslosen Menschen nicht ein. Am Abend erzählt Siegfried, dass er
mit einem Redakteur gesprochen habe, der über Kinderarbeit in Färbereien
recherchiert hat, und dessen Artikel er zu ergänzen wusste. Die Kinderarbeit
wird man hier nicht von heute auf morgen abschaffen können, aber die
Umstände und vor allem die Gifte.
Der Padre stellt mir
den besten Organisten Guatemalas vor,
Raúl Padilla, der mir als
Helfer und Tastenhalter zur Verfügung steht. Wir haben eine schöne
Freundschaft miteinander geschlossen. Raúl gibt am Konservatorium
Unterricht, und hat uns sehr angenehm mit seinem Orgelspiel und als
Gesangsbegleiter überrascht. Besondere Freude waren seine Vorführungen von
guatemaltekischer Orgelmusik, vor 150 Jahren komponiert. Nie konnte ich Raúl
böse sein, wenn er die hora chapina ( guatemaltekische Pünktlichkeit)
zu genau nahm, der sehr freie Toleranz-Rahmen um 1-2 Stunden um die
Vereinbahrung herum.
Donnerstag, 9.Dez.,
Granerias, Mandarinen, Papayas, Birnen, süße, kleine Bananen, Leberkäs vom
deutschen Metzger, Camembert, Hartkäse und Schwarzbrot vom deutsch -
schweizerischen Bäcker, ein gekochtes Ei, Guatemala-Kaffee, das
Ausgangsmaterial für mein Frühstück. Um 11 Uhr kommt das Fernsehteam vom
Kanal 7 hoch zur Orgel, um 14 Uhr gehen wir zu
La Merced, wo die
Walcker-Orgel von 1962 steht. Zuerst einige Heuler, nach 10minütigem Spiel
läuft alles wie geschmiert. Wunderschöner Klang durch viele alte Pfeifen
bedingt, besonders die Trompete klingt brillant. Ein Engländer hat hier
Reparaturarbeiten gemacht. Das Klappern der Mechanik und einige
Auffälligkeiten am Wind und Stimmung sollten bei Gelegenheit erledigt
werden. Die Orgel befindet sich in einem sehr schönen alten spanischen
Gehäuse und wirkt optisch umwerfend in dieser prachtvollen Kirche. Sie wurde
von meinem Vater in einer Hausmitteilung genau beschrieben. Das letzte
Konzert war genau vor einem Jahr. Der Architekt Kazumi Lon, Chinese,
in Guatemala geboren, ist fanatischer Orgelliebhaber und er hat an dieser
Orgel bei der Reparatur mitgeholfen. Er hat den Audsley und Dom Bedos
gelesen und kennt sich hervorragend im Orgelbau aus. Ich bin überrascht hier
solche Detailkenntnisse vorzufinden. Wir vereinbaren Internetverbindung zu
halten, auch deswegen, da er sich eine Hausorgel bauen will und interessiert
ist, wie es mit den hiesigen Orgeln weitergeht. Dann gehen wir nach La
Carmen, wo sich eine Walcker-Orgel, Unitsystem, aus dem Jahre 1936
befindet. Die Orgel stand nach dem Erdbeben in den 1970ern einige Zeit im
Freien. Auch fortgeschrittener Insektenbefall, und noch schlimmer,
„lähmendes Desinteresse“ werden verhindern, dass diese Orgel je wieder
spielbar gemacht wird. Daneben steht ein Elektronen-Pfeiff-Radio, das den
Platz der hervorragend verarbeiteten Orgel aus massiver Eiche eingenommen
hat.
Freitag, 10.Dez.
Bei der Hinfahrt zur Catedral fällt mir immer wieder eine wunderschöne rot
angemalte Eisenbahnbrücke auf. Die Eisenbahn wurde um 1880 in Guatemala
gebaut, später von allen möglichen Spätkolonialisten wie United Fruit
genutzt, das Land auszunutzen, dann aber hat man erhebliche Teile der
Schienen geklaut und damit den Tod der Eisenbahn heraufbeschworen. Nun steht
die Brücke unter Denkmalschutz und übrig gebliebene Schienen warten darauf,
dass ein U-Bahnsystem das verheerende Bussystem der Stadt ablöst. Schön
wäre, wenn einer die Schublade öffnen würde, in der diese Pläne ruhen.
Um 14Uhr kommt
Ingrid Roldan Martinez vom PRENSA LIBRE, der größten Tageszeitung
Guatemalas und macht ein hochinteressantes Interview mit mir. Leider stehen
dann neben einem Riesenbild nur wenig Textwerk in einer bildzeitungähnlichen
Gazette am kommenden Dienstag. Es ist die größte Tageszeitung des Landes und
zumindest ungewohnt.
Am Samstag, den
11.Dez. punkt 7Uhr steht der Reiseführer Manuel Eduardo Barrascout
Meza vor unserem Condominio, und ab geht die Fahrt auf der PANAMERICAN
ins Gebirge nach Panajachel. Diese Reise wurde vom Bürgermeister der
Stadt Guatemala spendiert. Die PANAMERICAN geht vom Süden Chiles bis hinauf
nach Alaska und müsste auf Grund dieser Länge eigentlich die längste
zusammenhängende Straße der Welt sein
Der kleine Abschnitt in
Guatemala zeigt, mit welcher Vielfältigkeit man hier zu rechnen hat. Beim
Start haben wir Sonnenschein, dann tief in die Täler reinhängende
Wolkenpracht, eine Stunde später regnet es, auf einer Höhe von 2200m und das
Thermometer fällt auf 14 Grad Celsius. Eine weitere Stunde danach am
Atitlánsee haben wir Sonnenschein mit Wolken über dem See und
wolkenumschleierte Vulkane
Tolimán und Atitlán vor Augen. Diese Fahrt von
nur knapp zwei Stunden ist für uns Euro-Gringos ein ursprüngliches Erlebnis,
besonders die Busse. Diese farbenprächtigen Kisten,
Blue-Birds aus der
ehemaligen Ford-Werkstatt in Guate, fahren mit einer Wildheit durch die
Landschaft, die uns eher an Pferdezureiter oder wildgewordene Cowboys denn
an Busfahrer erinnern. Während der Fahrt und gleichzeitigem Überholmanöver
bei einer Geschwindigkeit von mindestens 60km/h steigt aus der hinteren Tür
ein Busbegleiter hoch auf das Dach des Busses und bindet dort seelenruhig
das Gepäck fest, so dass mir der Atem stehen bleibt. Zum größten Schreck
dazu noch steigt aus der Beifahrertür eine weitere Person und hält sich am
Gestänge fest, offensichtlich will er der ersten Person auf dem Dach zur
Hilfe kommen. Wohlbemerkt, dies geschieht bei einem Überholmanövern den Berg
hinab, ohne dass der Fahrer die volle Einsicht in die Kurve haben konnte.
Auch mein Reiseführer Manuel liefert sich eine Überholschlacht mit einem
Bus, die nicht völlig überzeugen konnte.
Angekommen in
Panajachel, das schon vor dreißig Jahren von nordamerikanischen Hippies
im fortgeschrittenen Alter von 25 bis 30 Jahren als Ruhe- und Rentenstätte
entdeckt wurde, wo man am Ende nur noch ein paar Kettchen und Anhänger zu
verkaufen hatte um seinen finalen „Tambourineman“ zu rauchen. Hier wird
alles langsamer und ruhiger durch den unheimlichen
Anblick des Atitlánsees
und dessen an Stille gemahnenden heiligen Bergen: Tolimán, Atitlán und die
San Pedro Vulkane im Hintergrund. Ein schöneres Bild, als vom Gipfel
hinunterzusehen auf den See und die Vulkane habe ich nie gesehen. Schon hier
oben sieht man das reine Wasser, in den Farben ultramarin-, türkis- und
preussischblau und das Widerspiegeln im Himmel, der so furchtbar wirkt, weil
der Berg immer die Berührung mit ihm sucht.
Das Hotel Rancho
Grande gehört Melitta Hannstein und stellt eine herrliche Übernachtung
im kolonialen Stil dar. Schaukelstuhl, Bank und Sessel im schönen Garten,
der amerikanisch rasiert ist, aber dazu mit Palmen und Papageiengeschnatter
ausgestattet ist. Das Bett ist urgemütlich. Alles ist grün und braun und
holzig eingerichtet, das Ölbild an der Wand gegen alle Hotels der Welt
gesetzt hat Qualität, naive Karibik, viel grün und gelb. Einige Ameisen
haben sich in der Dusche verirrt. Die dreißig Sender am „Sony“ sind belegt
wie in Guate, viel USA, aber auch Deutschlandfunk ist vertreten, natürlich
kommt dort Sport heute, gleich abschalten. Vom Hotel aus laufen wir zum See,
dabei treffen wir auf unseren Bootslenker, der mich an einen jamaikanischen
Barbesitzer erinnert, mit Hut und Sonnenbrille. Als wir am Anlegehafen
ankommen, sage ich zu Manuel:“ …langsam jetzt, diesen Blick muss ich erst
ganz, ganz langsam in mich aufnehmen“. Aber viel Zeit ist nicht. Denn der
Atitlánsee bekommt mittags seine Winde vom Pazifik, mit denen er sein
unruhiges Spiel treibt. Dann wird er höllisch nervös und die Turbulenzen
nehmen so grass zu, dass kaum noch ein Bootsfahrer sich hinauswagt, um nach
Santiago de Atitlán zu fahren. Das ist nämlich unser nächstes Ziel. Wir
brettern mit 60-80 Sachen über dem See, es spritzt und macht einen
Heidenspaß. In Santiago werden wir von einer Indio-Kinderhorde empfangen,
die alles mögliche, besonders grüne Papageien-Anhänger zu verkaufen weiß.
Ich kaufe mir gleich einen Gringo-Hut, damit ich etwas von der Sonne
geschützt bin. Nun gehen wir auf die Suche nach Maximón. Jener
sagenhaften Gestalt, die sich aus einem Synkretismus des Maya- und
Christenglauben entwickelt hat. Maximón das ist der Teufel, der die Frauen
verführt, oder der Held der Trinker und Süchtigen. Man hat sich eine
Holzpuppe geschaffen mit vielen bunten Tüchern, die von Zeit zu Zeit den
Aufenthalt wechselt, also nie bestimmt hier oder da anzutreffen ist. Nachdem
wir in den unmöglichsten Gassen der Welt dieses Santiagos herumgeirrt sind,
finden wir nach Befragen der einheimischen Indiokinder- und frauen das Haus,
indem Maximón heute angebetet wird. Wir hören schon das klagende Geschrei
eines Betenden, und treten ein in das Haus, dessen Tür mit einem Vorhang
geschlossen ist. Die Holzpuppe sitzt mitten im großen Zimmer, vor ihr eine
Heerschar an roten und weißen brennenden Kerzen, und davor wieder kniet ein
Betender. Das ganze Zimmer ist brütend heiß und mit stickigem Rauch der
Kerzen erfüllt. Hinten in der Ecke sehe ich zwei amerikanische Touris,
rechts und links neben Maximón sitzen zwei Indios im leichten Deli, dahinter
ein Weiterer schon etwas in diesem Zustande fortgeschritten. Maximón muss
immer eine brennende Zigarette im Mund haben, dies soll sicher seine
Lebendigkeit symbolisieren, auch die Opfergaben Schnaps, Geld und Zigarren
scheinen seine Lustlastigkeit anzudeuten. Der Sage nach soll Maximón die
Frauen des Ortes verführt haben, als die Männer von ihm weggeschickt wurden.
Und nun beten sie ihn an.
Danach gehen wir zur
ältesten Kolonialkirche Guatemalas, die mich besonders ihrer
Ursprünglichkeit wegen entzückt. Da brennen Feuer vor der Kirche und es
laufen Frauen mit dampfenden Weihrauchtöpfen herum, als gelte es dem
Leibhaftigen gründlich den Eintritt in die weiß angemalte Kirche zu
vermasseln. Beinahe glaube ich, im „Name der Rose“ aufzutauchen, so alt ist
diese Szenerie, so nahe sind plötzlich die ersten Tage der spanischen
Kolonialzeit herangerückt. In der Kirche findet eine Segnung von
Kleinkindern statt (oder war es eine Teufelsaustreibung?), auf dem Boden
hunderte von Kerzen, alles ist rauchgeschwängert,
der Priester und die
Indiofrauen mit den Bälgen vor ihm, dies könnte man genauso gut ins 15.
Jahrhundert versetzt sehen. Einfach schaurig schön. Vor dem Marienbild kniet
ein junger Indio laut gestikulierend mit der Mutter Gottes redend, kaum
einer nimmt Notiz von ihm. An einem Nebenaltar jammern vier oder fünf
Klageweiber. Draußen wieder zur Bootanlegestelle laufend, kümmern sich
frische Luft und frische Kinder um uns, die uns diesmal mit schönen
Indio-Farben gestickte Decken verkaufen wollen. Ich bleibe eisern bis zum
Boot, dann erwidere ich ein Angebot von fünfzig Quetzales für eine
Tischdecke, was etwa 5 Euro entspricht. Die Quetzales sind übrigens nicht
nur Zahlungsmittel der Guatemalteken sondern auch deren schönste und
empfindlichste Vögel, die aber vom Aussterben bedroht sind. Sie antwortet
55, ich sage 40, sie 52, ich kann nicht mehr wie 30 geben, ich habe nicht
mehr, ich will keine Decke. Wir steigen ins Boot, wir legen ab, wir sind
schon zehn Meter von der Anlegestelle entfernt, im See, da ruft mir das
Mädchen hinterher :“fünfunddreißig!“ – alle drei im Boot lachen laut auf.
Jetzt ist der See schon
viel unruhiger, wir brettern los zunächst macht das Boot hohe Sätze, dann
aber reduziert der Bootsmann die km/h, und jedes Mal wenn ich ein Bildchen
schieße geht er nochmals mit der Geschwindigkeit zurück Das Grünblau des
Sees, die herrlichste Luft der Welt und die reine Sonne, die sich an ein
paar Wolken vor den Vulkanen reibt, all diese Bilder, sie sind tief in mein
Innerstes eingemeißelt, wie Heilbilder.
Wieder in Panajachel
angekommen freue ich mich endlich diese Einkaufsstraße auf- und abzugehen,
was ich an diesem Tage mindestens fünfmal vornehme. Am Ende der Straße im „Casablanca“
werde ich auf Deutsch empfangen und erhalte eine deutsche Karte, es gehört
auch einem deutschen Ehepaar in Berlin. Das Steak und die papas fritas sind
schnell verputzt. Im gegenüberliegenden
„Dina’s Chocolates“ kaufe ich
eine Chilenische Schokolade mit scharfem Pfeffer, die ganz hervorragend
schmeckt. Dina gibt mir eine Visitenkarte und will auch eine von mir, damit
sie die Bilder und Story über Guatemala studieren kann.
Am Sonntag, den 12.
Dezember fahren wir um 9 Uhr los nach Chichicastenango, zum größten
mittelamerikanischen Markt, der besonders Mayawaren aus Ton bietet und
Schmuck und Stoffwaren aller Art. Direkt am Eingang macht mich eine sehr gut
Englisch sprechende Maya-Dame auf ein Mayaritual etwa 30 Minuten vom Markt
entfernt aufmerksam. Da es sicherlich eine Tourishow ist verzichte ich auf
den Fußmarsch. Ein Marktschreier besonderer Art fesselte zwei dutzend Indios
dadurch, indem er eine Klapperschlange an seinen Beinen und Armen
herumkriechen ließ, während er ein Heilmittel gegen Verdauungsbeschwerden in
lauten und höchsten Tönen anpreist. Ein Mayakalender mit 20 Tagen im Monat
erweckt mein Interesse. Später erfahre ich, dass die Mayas einen viel
genaueren Kalender hatten, als die Europäer zur gleichen Zeit, da sie die
Null als Zahl kannten. Erst durch Einführung des gregorianischen Kalenders
kamen die Europäer näher an die endgültige Wahrheit der Zeit heran, oder für
Eingeweihte gesagt, mit Einstein kamen sie sehr nahe an die Wahrheit heran.
Das Zentrum der Mayas war und ist Guatemala. Denn auch die heutigen Indios
sind Nachfahren der Mayas. Und wie der Europäer so gerne über die Amis
lächelt, die nicht wissen, was eine Kelte, ein Germane oder ein Slawe ist,
so verhält es sich auch umgekehrt. Kaum ein Europäer kennt die Ureinwohner
Amerikas näher. Daher hier in Kurzform eine grobe Erläuterung: die Azteken
sind im oberen Mexiko ansässig gewesen.. Das Gebiet der Mayas war von
Südmexiko bis San Salvador. Ihr Herz aber hatten sie in Guatemala
aufgeschlagen, in Tikál. Etwa 1500 v.Chr. begann die Mayakultur von 300
n.Chr bis 900 n.Chr. war deren klassische Epoche. Während die Azteken
hauptsächlich in Mexiko ansässig waren, von 1100 bis zur spanischen
Eroberung durch Cortéz 1521. Auch die Mayas hatten Kämpfe mit den
kolonialistischen Spaniern sogar bis ins 19.Jh.. Die Inka hingegen waren ein
kleiner kriegerischer Stamm der das Gebiet von Peru bis Süd-Chile
beherrschte, vom 11.Jh. bis zur Auslöschung durch Pizarro im 15.Jh.. Diese
Vernichtung war durch interne Bürgerkriege der Inkas und durch unseliges
Vertrauen in die Spaniern jenen sehr einfach gemacht worden. Allen drei
Kulturen ist gemein, dass sie eine herausragende Zivilisation entwickelt
haben, aber auch blutrünstige Rituale und Opfer ihren gefürchteten und
grausamen Göttern darboten. Über die Behringstraße, die damals noch Asien
mit Amerika verbunden hat, sollen vor rund 25.000 Jahren Asiaten nach
Amerika gewandert sein, welches die Urahnen der Indianer und Indios Amerikas
sind. In Guatemala gibt es rund 24 Maya-Sprachen die so unterschiedlich
sind, dass manche Indios sich nur über die spanische Sprache verständigen
können.
Am Montag, den
13.Dez. fahren wir zum Parkplatz vor der Catedral, wo der Wächter
blitzartig aus seinem Häuschen auf mich zu springt und sagt: „Sie habe ich
gestern im Fernsehen gesehen, sie sind aus Alemania.“ Das wiederholt sich
auch im Pfarrbüro. Wir machen eine letzte Zungenstimmung, ein paar elektr.
Defekte werden behoben, zwei Bälgchen austauschen im III.Manual, und
nochmals Reinigen und reinigen. In der Orgel ist ein solch unmäßiger,
schmieriger Dreckfilm durch Autoabgase, so dass man jedes Mal wie ein
Kaminfeger aus dem Instrument herauskommt. Um 15Uhr30 kommt ein weiteres
Fernsehteam von Guate Vision, eine junge Dame und ein Kameramann.
Sendung ist am 18. und 19.Dezember. Interview und Filmen in der Orgel.
Am Dienstag, den
14.Dez. um 7Uhr30 Versammlung von „Organon“ an der Orgel und
Erläuterung durch mich, welche Maßnahmen sinnvoll erscheinen für weitere
Jahre. Danach werde ich vom Erzbischof und Kardinal Rodolfo Quezada
Toruńo empfangen, Thema:“Orgel der Catedral“. Der Kardinal spricht
perfekt deutsch. Es ist eine große Freude und Ehre sich mit diesem
interessierten Menschen zu unterhalten, und seine ausdrückliche
Wertschätzung dieser Orgel und unserer Familie entgegennehmen zu dürfen.
Danach fahren Agnes und ich erneut nach Antigua, um die letzten Stunden am
schönsten Ort der Welt erleben zu dürfen. Im
Casa Santo Domingo
treffen wir auf Carol Giesemann, die sich bei mir neugierig nach der
Orgel erkundet und auch begeistert mitteilte, mich gestern im Fernsehen
gesehen zu haben. Agnes erzählt ihr, dass heute im Prensa ein Artikel
geschrieben steht. Schließlich empfehlen sich die Damen. Carol Giesemann ist
die Schwester des derzeitigen Präsidenten der Republik Guatemala, Oscar
Berger. Das Casa Santo Domingo war ursprünglich ein Dominikaner-Kloster,
welches durch das Erbeben zerstört wurde, aber in seiner kompletten Struktur
erhalten blieb. Hier ist nun ein Hotel und Restaurant sowie mehrere Museen
untergebracht. Es ist etwas, das man erlebt haben muss, in dieser Form
unauffindbar in Europa. Ein Essen inmitten der Ruinen und auf höchstem
Standart, das muss man erlebt haben. Kartoffelsuppe mit Spinat, später Huhn.
Kerzen, Fackeln, Brunnen, Palmen, und waschechte Ara-Papageien in buntesten
Farben. Auf einem uralten Altar wurde die Rezeption des Hotels aufgebaut,
alles stilsicher bis ins Mark. Hier eine Gemäldeausstellung, dort einige
Keramikstücke der Mayas, einige Masken aus Jade. Meine besten Fotos gelangen
mir an den alten, eingebrochenen Kirchen. Jenes gefrorene Ritual, dieser
erstarrte Weihrauch der in diesem Tal vor den Füssen des Agua verharrt und
wartet auf Erlösung, auf das befreiende Wort.
Gegen Antigua ist Rom,
Florenz, Venedig noch zu setzen, mehr nicht. Antigua ist so unheimlich
schön, dass man den Blick rasch wenden muss, um sich des Vorwurfs ins
Morbide verliebt zu sein, verwehren muss. Wäre hier Orpheus gewandelt, hätte
hier Homer seine Leier ertönen lassen, Antigua hätte sie alle, alle diese
Städte um Längen geschlagen. Aber noch zur Zeit ihrer Zerstörung durch die
Mayagötter, so könnte man es interpretieren, war Antigua eine
kolonialistische Stadt, eine spanische Stadt. Dies gibt ihr eine ganz
außergewöhnliche Farbe, ein Colorit aus Mayas und spanischem Katholizismus,
und diese wenige Stunden im Jahre 1773 nun konserviert auf alle Tage, das
ist das Unheimliche was diese Stadt ausstrahlt, eine Sekunde Ewigkeit.
Am Abend fahren wir
noch in der Kirche Divinar Provedenciar in Guate vorbei, wo uns der Padre
empfängt und zur Walcker-Orgel von 1958 führt. Die Kirche ist das
imposanteste und sauberste Gebäude in der ganzen Gegend. Mit großen,
mächtigen dorischen vier Säulen ist die äußere Westwand geschmückt. Das
Instrument, in meinen Augen unspielbar, wird jeden Samstag benutzt. Große
Insekten scheinen Geschmack an den Spieltischseiten gefunden zu haben. Beim
Einschalten Heuler, riesige Spinnennetze hinter den Prospektpfeifen haben
die Funktion von Gazetüchern übernommen den Staubeinlass zu hintertreiben.
Eine gründliche Überprüfung wird auf nächstes Jahr vorgeschlagen, auch ein
Kostenvorschlag in Aussicht gestellt. Auf dem Mittelstreifen der Straße, wo
noch Schienen der alten Eisenbahn liegen, werden große offene Feuer
entfacht. Leuchtfeuer zum Abflug am nahe liegenden Flughafen, denke ich.
Nach dem Mittagessen
fahren wir am nächsten Tag, Mittwoch, den 15.Dez. um 14 Uhr zu
Flughafen, Siegfried bringt mich hin, ein Katzensprung von seiner Wohnung
aus. Pünktlich um 15 Uhr geht es ab nach Miami, am Donnerstag, den
16.Dez. um 9Uhr landet meine British-Airways in London. Hier wieder
Abflug um 15 Uhr. Um 19 Uhr stehe ich noch am Schalter der Britisch Airways
in Stuttgart, um Formalitäten wegen einer fehlenden Reisetasche abzuwickeln,
schon gewohnt durch Spanien und andere Südamerika-Reisen. Gegen 22Uhr30 liege ich im Bett, den Kopf voll mit Mayas,
Antiguas, Indios, Aguas und anderen Heimlichkeiten. Am Freitag, den 17.Dez.
gegen 22Uhr30 geht der Report ins Netz. Am Samstag, den 18.12. fünf vor 12
erhalte ich mein letztes Gepäckstück, extra aus Stuttgart herbeigebracht.
(Gerhard
Walcker-Mayer)
Gerhard Walcker in PRENSA LIBRE
Ev.-Luth. Epiphanias.-Gemeindebrief
Dez.2004, Guatemala,
die Orgel und Konzerte betreffend