eine Veröffentlichung
von www.walckerorgel.de :
Walcker und die Orgel des 19. Jahrhunderts
Ein Kapitel Stilgeschichte
Von Rudolf Quoika, Freising/Obb.
Von der Orgel
des 19. Jahrhunderts zu sprechen, scheint nicht zeitgemäß zu sein, denn andere
Probleme der Orgelbaukunst rufen nach Lösungen; oftmals sind es auch
naheliegende Ressentiments, die darauf hinzielen, gerade dieses Zeitalter aus
der Orgelbaugeschichte auszuschlie8en und für den Niedergang der Orgelbaukunst
verantwortlich zu machen. Allerdings wird der Historiker zu anderen Urteilen
kommen, wenn er feinfühlig und gerecht der Materie gegenüber tritt und den
Versuch macht, einmal Nachschau zu halten, Gutes und Schlechtes, Fehlerhaftes
und Falsches zu ermitteln und einzuordnen in den gro8en Geistesbau des
Jahrhunderts Überhaupt, dessen Grundlagen wir zu kennen glauben, indes mehr als
Finsternis gerade über diese Zusammenhange gebreitet ist.
Wer es
unternimmt, die Orgelbaugeschichte des 19. Jahrhunderts zu schreiben, wird den
Versuch wagen miissen, eine gewisse, vorbelastete Kritik zu überprüfen und auch
die Zäsuren neu zu setzen; dabei wird es notwendig werden, den künstlerischen
Verlauf des Jahrhunderts erkennbar zu machen: Wie sah das Erbe aus, welche
Triebkräfte machten es zeugungsfähig. wie konnte man sich mit Klassik und
Romantik versöhnen, wie zum technischen Einbruch Stellung nehmen, wie urteilt
man gerecht Ober das, was noch vorhanden, und über jenes, das aufgegeben werden
musste? Man erkennt schon, dass der Fragenkreis sehr weit gezogen werden muß,
um selbst auf einem kleinen Gebiet Allgemeingiiltiges herauszuarbeiten. H. St.
Chamberlain hat für die Niederschrift der Grundlagen des Jahrhunderts zwei starke
Bände gebraucht, für die Niederschrift der Orgelbaugeschichte wäre einer zu
füllen; hier soll aber nur ein Kapitel veranschaulicht werden. Zugleich kann
die Hauptfrage bejaht werden: Kann die Orgelbaugeschichte eines Zeitalters an
einem Hause ermittelt und dargestellt werden, war ein Haus so stark
künstlerisch potenziert, dass es auch in grundlegenden Dingen soweit Einfluss
nehmen konnte, ein Zeitalter zu profilieren? Auch auf die Gegenspieler kommt es
an, auf Künstler des In- und Auslandes, zuletzt wohl, oder gar zuerst, auf den
Verlauf der Musikkultur nicht nur einer Landschaft oder eines politischen
Raumes, sondern auf den europäischen Hintergrund. Hier kann man schnell zu
einer Antwort kommen: Wagner und Liszt, die beiden Dioskuren, bestimmten weithin
das Musikprofil der Zeit. Was und wieviel haben aber die Orgelkomposition und
die Orgelspielkunst beigetragen? Das Jahrhundert begann für diese. Dinge wohl
etwas steril, wenn man den gewaltigen Improvisator J. G. Vogler (1750-1814)
ausnimmt, oder an Anton Bruckner (1824-1896) denkt, der die Ära ähnlich
ausleitete. Dazwischen liegt das Orgelwerk von Franz Liszt (1811-1886) und
C6sar Franck (1822-1890) und die gewaltige Doppelnatur eines Julius Reubke
(1834-1858), der neben Max Reger als der bedeutendste Orgelkomponist des
Jahrhunderts zu gelten hat. Weitere Forderungen an die Orgelbaukunst stellten
dann Josef Rheinberger (1839-1901) und seine Schüler.
Haupterscheinung
der Zeit war der klangliche Umsturz, den Wagner herbeigeführt hatte. Hier tritt
Eberhard Friedrich Walcker (1794-1872) vor uns. Der junge Württemberger, der
mit seinem Vater in der Stuttgarter Klassik wurzelte, erreichte die
Sonderaufgabe der Zeit, eine 5hnliche, die einst Joseph Gabler (1700 bis 1771)
in Weingarten (1750) und Ochsenhausen zu l6sen hatte; eine Aufgabe, die an J.
Ch. Egedacher in Salzburg heranreichte. Die Franzosen und auch Carl Riepp
hatten es einfacher, denn sie konnten der natürlichen Tradition treu bleiben.
In Deutschland hatte jedoch Abb6 Vogler den Orgelklang revolutioniert,
wenngleich dessen natureigenste Schöpfung, die Orgel in St. Peter in München
(1806/09), ein ungelöstes Problem bleiben mußte. Des geistreichen Mannes Ideen
waren aber wertvoll und deshalb nicht zu umgehen, man mußte alles in der Praxis
zur Geltung bringen. E. F. Walcker tat das; und was bezeichnend ist, er stieß
damit auf keinen besonderen Widerstand bei seinen Auftraggebern. Der Fall hieß
Orgel der Paulskirche in Frankfurt/Main (1829-1833). Dieser große
klassizistische Kuppelbau war endlich fertig geworden. Klassisches Streben und
romantische Sachlichkeit kräftigten diesen Bau. Wichtig in unserem Sinne war
der Orgelbau, der gerade in diesem Raume, einem sehr hohen Kuppelschacht,
Sonderaufgaben stellte, die u. W. nur einmal J.A.Silbermann beim Bau der Orgel
für St. Blasien im Schwarzwald gestellt worden sind. Solche Sonderaufgaben
stellten die akustisch schwierigen Kuppelräume. Damit stand E. F. Walcker vor
den drei Elementarstufen der Stilkunst überhaupt, nämlich der Archaik, der
Klassik und der Romantik (Barock). Diese genetische Reihe des menschlichen
Schaffens, die in jeder Stilphase nach Ausdruck ringt, rechnet meist mit einer
manieristischen Zwischenlösung, die rückwärts- und vorwärtsschauend zugleich
ist. Die schöpferische Potenz wirkt sich dann eben in einer genialen
Zusammenfassung des alten Bestandes ebenso aus wie in der Einflechtung des
neuen Stoffes, der kraft der schöpferischen Potenz eines Meisters eben das neue
Kunstwerk formt. In unserem Falle heißt das: E. F. Walcker konnte die gestellte
Aufgabe lösen und Sieger über 29 Mitbewerber werden. Man hatte eben erkannt,
dass nur in dieser Vorlage das schöpferische Prinzip zur Geltung kommen sollte.
Der Stil dieser Orgel mit III/74 kl. Stimmen ist manieristisch, er steht im
geistigen Zusammenhang mit der barocken Tradition, steigert das Stilprinzip des
Barock Und nimmt zugleich in der Stimmanordnung für das III. Klavier auch neue
Elemente auf, die als Wurzel für das weitere Stilgeschehen des Jahrhunderts
gelten können. Allerdings beginnt das Werksystem zu. wanken und tritt in das
dynamische Zeitalter, ähnlich den Kirchenbauten, die klassizistisch erfühlt,
dann jedoch im Sinne der Moderne weitergeführt werden. Das
Konstruktiv-Technische erhält bereits ein leichtes Uebergewicht gegenüber dem
Ästhetisch-Dekorativen. In der Paulskirche war der dekorationsarme Bau bereits
aus dem heiteren Biedermeier in eine etwas kühle Alt-Frankfurter Atmosphäre
überführt. Hier steht auch die Walcker-Orgel. Die klassische Pathetik ist auf
ein romantisierendes 1. Manual konzentriert, und eine lyrische Zone im. 3.
Manual neu geschaffen; zwei Pedale scheinen Walcker notwendig zu sein, um. die
Ausdrucksskala auch farbmässig mit den Manualen in Einklang zu bringen. Quinten
und Terzen sind keine Mittel der Registersynthese, sondern akustische
Hilfsmittel im Sinne Voglers; die zahlreichen tiefen Stimmen (3 zu 32', 15 zu
16') müssen klanglich gestützt und ausgesteift werden; das bezwecken die
ausgebauten Zwischenstufen (10 2/3, 5 1/3, 2 2/3, 6 2/5, 3 1/5, 1 3/5) und
gemischte Stimmen mit weiträumiger Zusammensetzung (Kornett 10 2/3 - 5 fach). Das 3. Manual und das 2. Pedal
kommen aber schon ohne gemischte Stimmen aus. An unterschiedlichen Stimmen,
neben den ausgebauten Prinzipalen, ist alles vorhanden, was zeitgemäß ist.
Streicher dagegen stehen nur vereinzelt in dieser Disposition. Nach modernen
Prinzipien steht das ganze Orgelwerk allerdings eine Oktave zu tief, doch
scheint der Fall in der Akustik der Paulskirche zu liegen; man musste den Raum
sogar verkürzen, um die Akustik zu verbessern.
Der
Koppelapparat dieser mechanischen Schleifladenorgel war denkbar einfach: fünf
Sperrventilen standen je zwei Manual- und Pedalkoppeln gegenüber (III/II, II/
I, I/P, II/P), eine Koppel III/I feh1te, denn eine solche erübrigte sich bei
dem Hauptwerke von 23 kl. Stimmen, das die 14 kl. Stimmen des III. Manuals
völlig absorbierte.
Mit der
Paulsorgel hat E. F. Walcker den Stil für die Orgel des 19. Jahrhunderts
festgelegt, jene Werke ausgenommen, die bewusst andere Wege gingen. Bei der
Paulsorgel ist alles gewachsen, die Stimmenzahl, der akustische Aufwand, die
Manualdynamik, das volle Werk im Sinne des Tuttiprinzips. Wer ein derart großes
Hauptwerk wagen durfte, konnte gleichermaßen die anderen Klaviere
vernachlässigen oder ihren Stimmkoppelung zumuten; die Gesetze der Romantik
waren hier erfüllt, das große Farbwerk stand zur Verfügung. Ob E. F. Walcker
bereits hier in all seinen Konsequenzen seinen Intonationsstil fand, dürfen wir
nur vermuten, denn das alte barocke
Intonationsprinzip hatte seine Gültigkeit
noch nicht verloren, und die
Erfindungen der akustischen Umdeutungen des Pfeifenklanges in den des
Orchesters war noch keine generelle Forderung; vielleicht war die Mensurierung
mancher Register bereits gelockert, wenngleich die tiefen Stimmen erst
akustisch überhaupt und dann dem Raume nach erprobt werden mussten
Dass diese Paulorgel gerade in
stilistischer, d. h. akustischer Beziehung ein
Novum war,
erscheint nicht auf den ersten Blick; die romantische Maniera hatte
hier aber ein Hauptwerk geschaffen, und
E. F. Walcker seinen und den Ruhm.
des Hauses begründet. Das Haus Walcker
war Mittelpunkt deutscher Orgelbaukunst geworden. Alles, was daneben stand, war
überflügelt worden, denn dem Meister war es vergönnt, die Brücke zum neuen Stil
ebenso zu schlagen, wie die barocke Tradition immer noch wach war. Die
Paulsorgel war das Muster für den kommenden zweiten Barock, der hier seinen
Anfang nahm und niemals, auch
während der neugotischen Ära,
überwunden werden konnte, vielleicht nur dann,
wenn das
technische Zeitalter vor dem Ausgange des Jahrhunderts Moden hervorzauberte,
denen die traditionelle und zweckgebundene Orgelbaukunst unterlag.
Auch darin
liegt ein Stück künstlerischer Intuition, die wir dem Meister zuerkennen
müssen. Die Paulsorgel erwies sich zudem als zeugungskräftig. In den großen
Orgeln des Hauses konnte gerade dieser neue Stil vervielfacht, fortentwickelt
und ausgebaut werden; so erscheint das folgende Verzeichnis als Beispiel für
diese Entwicklung.
1839
St. Petersburg, Petrikirche
III/65
1855
Agram, Dom III /52
1857
Frankfurt/Main, Dom III /52
1857 Ulm, Münster III/100
1862
Reval, St. Olaikirche III /65
1865 Boston, Musikhalle IV/89
1865
Mühlhausen St. Stefan III /62
1878 Wien, Votivkirche III /61
1883 Riga, Dom IV/124
1884
Leipzig, Gewandhaus III /54
1886
Wien, St. Stefansdom. III /90
1887
Strassburg, ev. Garnisonskirche III /59
1897
Strassburg, St. Wilhelm III /52
Rein äußerlich ist diese Liste eine kühle Zusammenstellung
von Orgelbaudaten, innerlich ist sie aber ein Abbild der Stilentwicklung
während des 19. Jahrhunderts. Man beachte das Gleichgewicht zwischen In- und
Ausland, denn auch außerhalb der deutschen Grenzen wurde die Stilentwicklung
positiv fortgetrieben. Albert Schweitzer hat einmal von den prächtigen
Walcker-Orgeln im Elsass gesprochen, an denen er die deutsche und französische
Orgelkunst erleben durfte; er meinte die St. Stefansorgel in Mühlhausen im
Elsass. Und in der Tat war hier zu erkennen, dass sich Schweitzers Bach-Bild
und seine, Werkinterpretation eng an Walcker'sche Klangepopöen anschloss, die
den Geist des 19. Jahrhunderts so prächtig aufwallen ließen und zugleich der
Bach-Renaissance wertvollste Dienste leisteten. Dabei kann man an die
Bach-Apostel jener Zeit, an Robert Franz oder die Leipziger Thomaskantoren,
denken.
Die Orgeln
Walckers wurden aber auch die Instrumente des neudeutschen Orgelstils, man
denke an Franz Liszt und seine großen Orgelwerke (Fantasie und Fuge über BACH;
Fantasie über ,Ad nos ad salutare undam"; Variationen über Bachs ,Weinen
und Klagen") oder an Julius Reubkes ,94. Psalm der als größtes Werk der
Epoche gelten kann. Reubke war selbst Orgelbauer und wußte die Stileinflüsse
aus dem Walcker'schen Hause zu schätzen. Die neuen harmonikalen Seiten und ein weitmaschiges, kontrapunktisches
Gefüge, die spätere Orchesterkontrapunktik der Neudeutschen, die Richard Wagner
in den ,Meistersingern von Nürnberg" ausgebildet hatte, konnten aus
solchen Orgeln ebenso fließen wie der akustisch abgestufte Klang, der al
fresco-artig zum Pendanten der Orchestermusik wurde. Walcker war am richtigen
Wege. Was vielleicht nur A. Cavaille-Coll in Paris und dessen Schüller in den
romanischen Ländern vermochten, das gebar hier Walcker in einer weitaus
großzügigeren und stilbildenden Weise, noch immer auf dem Boden der Tradition
stehend.
Das
technische Gefüge der Walcker-Orgeln hatte sich insofern geändert, als seit
1842 die Kegellade die Schleiflade ersetzte; Walcker glaubte eben, die leichtere
Spielart fördern zu müssen. Aber noch andere Neuerungen wirkten in der
Folgezeit stilbildend (1846 Kastenbälge, seit den 70er Jahren Magazinbälge mit
doppelt wirkenden Falten, 1850 Rollschweller, 1857 Barkerhebel für Ulm, alle
Klaviere und Pedale); technische Neuerungen im. Atelier (Maschinen, Zinnhobel,
Fräsen etc.) sollten der Orgel und damit der Qualität dienen. Verbesserungen im
Regier- und Pfeifenwerk (Stimmschlitze) fielen ebenfalls in die Ulmer Zeit;
teils wurden solche früher zur Anwendung gebracht. 1887/88 machte man Versuche
mit der Membranenlade, doch kehrte man zur Kegellade zurück, die seit 1890
pneumatisch gesteuert wurde; in die gleiche Zeit fallen auch die Versuche mit
der Elektrischen Traktur, doch stehen diese Dinge in keinem Verhältnis zur
Stilbildung des eigentlichen 19. Jahrhunderts, das mit dem Einbruch der Technik
im Orgelbau in ein neues, manieristisches Zeitalter vorstieß.
Was Walcker
bei großen Orgeln entwickelt hatte, führte bei ihm selbst und bei den Epigonen
zur Stilabstraktion und damit zum Zerrbild des Stils selbst, der die Köpfe der
Orgelspieler verwirrte. Solche Orgeln scheiden als Betrachtungsgrundlagen aber
aus. Bedeutsamer war Walckers Schaffen für das Ausland, denn gerade hier
handelte es sich um das deutsche Kunstwerk, das in Ost und West eine
Missionsaufgabe übernommen hatte. In Österreich und Russland kam es zu
Sonderwirkungen. Leider konnte nur die Orgel in der Wiener Votivkirche dem
Schicksal entgehen, und gerade dieses Instrument ist heute ein ,geschichtlicher
Ort" für den vollausgebildeten Walcker-Stil. Nicht nur die einfache
technische Gestaltung, die leichte Spielart mittels Barkerhebel, der ebenfalls
gültige Prospekt im Ferstel-Bau, sondern vor allem die klingende Substanz in
der weiten Halle gerade dieser Gotik ist in einer Brillanz, individualistischen
Intonation, der Prinzipalbehandlung und der Plenumsmittel ein Beispiel für die
Zeitgeschichte im Orgelbau, aber auch ein Zeuge für das Können der Söhne E. F.
Walckers, Eberhard und Carl, die 1872 den Betrieb übernommen hatten, als der
Vater ruhmreich von der Welt schied. Leider können wir heute die Wiener
Konsequenzen (Domorgel) ebensowenig ziehen wie die von Agram.
Anders die
russischen Beispiele, die ihre Krönung in der Domorgel von Riga fanden; dieses
Werk war seinerzeit die größte Orgel der Welt. Auch die Orgel der Musikhalle in
Boston (USA), eine der ersten ausschließlichen Konzertorgeln, zeigte
Individualität und wurde zum Zentrum einer neuen Orgelspielästhetik, die dann
vom amerikanischen Kontinent auf Europa wirkte. Wenn auch im deutschen Sinne
diese Orgelkunst andere Bahnen ging, als wir geschichtlich anzuerkennen gewillt
sind, so bleibt dieses Phänomen dennoch bestehen.
Der
Walcker-Stil war aber nicht konstant im Sinne von Stillstand, er war auch dann,
als das Haus zu Konzessionen gezwungen wurde (Grundtönigkeit, Elektrische
Traktur etc.) so trächtig genug, dass das Haus gerade an seinen eigenen Orgeln
den neuen Stil der Elsäßer annehmen und demonstrieren durfte. Emile Rupp und
Albert Schweitzer wussten um jene Dinge, dass es gerade Walcker sein musste,
der den Orgelstil zur wahren Tradition (Strassburg, Freiburg/Br.
Praetorius-Orgel) zurückführen konnte. Hierher gehört zuletzt die Anwendung der
mechanischen Schleiflade.
Ein
besonderes Kapitel, das dem Orgelbau nicht gerade am Rande begegnet, ist der
Prospektbau. Walcker hatte hier die Stilmoden des 19. Jahrhunderts mit
zumachen; aber gerade hier wird es offenbar, dass das Haus diese schwierigen
Aufgaben bestens löste. Auf die klassizistische Periode war als Stilreaktion
die Neugotik und die Renaissance gefolgt; beide fanden dann später keine
Gefolgschaft mehr, sondern nur strenge Kritik. Heute ist man allerdings
geneigt, auch hier Gerechtigkeit walten zu lassen, weil man erkennt, dass diese
neuen Formen von damals nicht immer rezeptiv waren, sondern auch auf Tradition
fußen konnten, nur fehlte in einzelnen Landschaften meistens die Kontinuitat.
England hatte eine solche (vgl. Hill als typischen Vertreter); die Restauration
der deutschen Dome hatte zudem in England eine frühe Wurzel (z. B. Kö1n/Rhein).
Wie sollten da die Orgelbauer anders denken, denn die ganze Nation? Ein Gang
durch die Stilbeispiele, die Walcker bot, ist mehr als belehrend, hier eröffnet
sich ein Kapitel deutschen Orgelkastenbaues. Die kühle Fassade der Frankfurter
Paulsorgel soll auf klassizistische Art hinter die eigentliche Architektur
zurücktreten und diese zur Geltung bringen. Die Neugotik dagegen kannte solche
Bescheidenheit nicht. Ulm, Münster ist heute noch eine neudeutsche Lösung, die von
der Dombauhütte aus der Architektur der neuen Münster(turm)bauten abgeleitet
wurde.' Allerdings verkennt die Monumentalität der Frankfurter Domorgel das
Wesen der Orgel als Instrument, aber die Attrappe im Hauptschiff, die nur dem
III. Manual und dem Spieltisch dient, will im wesentlich altarlosen Raum einen
Höhepunkt schaffen, der dem Raum eben fehlte. Die späteste Gotik des Kastens
der Frankfurter Peterskirche wirkt nurmehr dekorativ und als Vorstufe zu
prospektlosen Formen, Renaissanceformen bieten Boston, Leipzig, Gewandhaus und
Warschau, Philharmonie. Hier werden die Gehäuseanlagen zu Möbelbauten, die aus
der Raumwirkung erklärt werden können. Anders die freien Pfeifenprospekte. Die
Kaim-Saalorgel in München 1896 frönt dem Jugendstil; hier wird offenbar, dass
dieser ein Spätenkel des Rokoko ist, denn in diesem Beispiele gestaltet die
freistehende, bemalte und dekorierte Pfeife ebenso wie die Vasen,
Schleierbretter und anderes dekoratives Beiwerk. Auch mit dem teilweise
pfeifenlosen Prospekt setzte sich Walcker auseinander. Buenos Aires, Kirche de
la Merced hat einen pfeifenlosen, reich dekorierten Innenturm, der an
italienische Vorbilder gemahnt. Hier fand man eine Lösung im Sinne des Dom
Bedos.
Weitere
Beispiele wären aber nur eine Vermehrung des Stoffes. Wer von den Beschauern
ahnt aber die Auseinandersetzung zwischen Orgelbauer und Architekt, wer weiß
etwas von all dem, das hier als verborgene Kraft nach Konzessionen ruft? Und in
diesem Gegensatz von Wollen und Müssen unterliegt oft der Meister der Pfeifen.
Dieses
Kapitel Orgelbaugeschichte kann nicht beschlossen werden, ohne nochmals auf die
potenzierte Kraft des Hauses Walcker hinzuweisen und nochmals das zu erwähnen,
was an künstlerischer Dynamik an uns herangetragen wurde. Walcker hat im 19.
Jahrhundert die Orgelbaukunst auf dem Boden der Tradition fortentwickelt, das
Haus hat in seinen Großbauten dem Fortschritt gehuldigt, die Spielmanier trotz
der Erweiterung der Registerzahl leicht zu halten vermocht und vor allem den
Orgelklang dahin kultiviert, dass man heute von einem echten Walcker-Stil im
geschichtlichen Sinne sprechen kann. Neben die Registerkultur tritt vor allem
die neue Intonationskunst, die eigene Hausmensuren entwickelte (Walckers
Prinzipal E-Mensur), wie es Walcker auch verstanden hat, den Orgelklang im
Sinne der neudeutschen Schule entstehen zu lassen und zu kultivieren sowie
ständig auszubauen. Auf Grund dieser Entwicklung hat Walcker diesen Stil
überhaupt erst deutbar gemacht - Umwandlung der prinzipalen Klänge zu
Hauptfaktoren ohne Zuhilfenahme der Klangsynthese mittels Aliquoten - und nicht
zuletzt diesen Klangkörpern auch ein entsprechendes Kleid gegeben. Diese Worte
wollen keine Apotheose zu Gunsten der Mitglieder des Hauses sein, sie geben
aber die Summe alles dessen, was bei Walcker alt und neu als Grundlage oder
Stilsynthese auftritt und sich dahin bewahrheitet, dass die Orgeln Walckers aus
dieser Zeit geeignet sind, die Werke Bachs und Regers zu interpretieren. Viel
leicht gerät Bach hiebei ein bisschen romantisch, vielleicht ist es die
Spielkultur des 19. Jahrhunderts, die aus diesen Orgeln hörbar an uns
herantritt. Regers Werke werden aber die vollkommene Klangimpression (z. B. M.
Reger, op. 73 Variationen und Fuge über ein Originalthema). Leider sind die
meisten der vorgenannten Orgeln umgebaut oder gar vernichtet; klangliche
Veränderungen festzustellen macht es schwer, das Geschichtsbild abzurunden und
zu vervollkommnen. Wer hätte jemals ein Grossgemälde aus dem 19. Jahrhundert,
von Cornelius oder Overbeck etwa, übermalen lassen, wer Witte bei den Meistern
des zweiten Barock im 19. Jahrhundert neue Farben aufgelegt, wer die Zeichnung
verändert? Nur der originale Orgelklang wurde hier ein Tummelplatz für den
Zeitgeschmack oder das Verkennen der Wesenheit einer Orgel überhaupt.
Der Stil
Walckers ist ein Originalstil. Wenn gerade das 19. Jahrhundert an echten
Stilevolutionen arm ist und sich in vielen Künsten rezipierend verhielt, dann
ist gerade dieser Orgelklangstil eines der echtesten Anliegen dieser Zeit, die
auch die unsere in ihren Schoße hatte.
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Oktober 2002