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Theo Brandmüller»Die
Zeit ist eine Larve der Ewigkeit« - Spiel
oder Gedanke beim Komponieren im Heute* Doppel-Betitulierungen bergen schon allein von ihrer Vorgabe her sicherlich die Gefahr in sich, zuviel zunächst in das Folgende - qua selbstgestelltem Imperativ - hineinpacken zu müssen, illuminieren aber eben auch Elemente und Fakten - hier: Fundamente der Kompositionsgeschichte -, die sonst eben seltener in einen Verknüpfungszusammenhang einmal hineinkatapultiert werden. In meinem heutigen Vortrag kommt „erschwerend" hinzu, dass zudem diesem Doppeltitel ein Sprachspiel innewohnt, hatten wir doch Mitte 1994 an der Hochschule eine Projektwoche mit dem Titel Stil oder Gedanke?, ein eindrucksvolles Projekt in Wort und Ton, in dem wir den Schönbergschen Thesen und Gedankenspiel nachschöpferisch entsprochen haben. Ich formulierte damals, dass Stil in der Musik eher eine Art Darstellungskomponente besäße, dass dem Phänotyp Stil, wenn man ihn vom Phänotyp Gedanke trennt, lediglich ein Art Novismus innewohne, währenddessen Gedanke die eigentliche Substanzmasse des Komponierens heute sei, eine Substanzmasse, der eine Art „intimer Pluralismus" zu eigen sei, dem eine Art epochenübergreifender Zeit-Losigkeit innewohne, gemäß der Schopenhauerschen Devise: „Nur wer echte Gedanken hat, hat auch Stil", oder gemäß zweier essayistischer Äußerungen des Komponisten Bernd Alois Zimmermann, dass „wir den Mut haben sollten, angesichts unserer musikalischen Wirklichkeit zuzugeben, dass Stil ein Anachronismus ist, dass aber .Komposition' in ihrer dringlichen Beschaffenheit zunächst und vor allem: messbar kontrollierbar, nachprüfbar, der Analyse zugängig, in erster Linie durch das Denken bestimmt ist: so will es jedenfalls scheinen"; und jetzt „moduliere" ich, rückwärts zu meinen konjunktivischen Formulierungen wie vorwärtsschauend - auch dank der Zimmermannschen klaren Worte - in den Indikativ: Stil ist ein äußeres Attribut einer Komponierhaltung, Gedanke ist die eigentliche Substanzmasse, der eine Art intimer Pluralismus innewohnt. Stil ist, wenn man das Begriffspaar etwa vergliche mit Sprachstrukturen, dann vielleicht ein Aspekt von Sprache, Gedanke dann aber möglicherweise ein „kompletter Satz" mit Subjekt, Prädikat, Objekt, mit Nebensätzen, Appositionen etc. - mehr noch, Gedanke ist möglicherweise der allesumfassende Magnet, der Sprachlichkeit, Meta-Sprachlichkeit, Dialekt-Sprachlichkeit, Phonem-Sprachlichkeit usw. mit diesen eher grammatikalischen Elementen verschwistert.2 Was mich nun bewog, eigensprachlich (in des Wortes direktester Bedeutung) Spiel und Gedanke zu verknüpfen, das dann noch mit dem musikalischen Gestaltungsmittel „Die Zeit" zu „verehelichen", dies verdanke ich meinem stets umtriebigen Spieltrieb: mit oder aus Tönen - hier den symbolträchtigen Tönen C-A-G-E - Gedankengebäude - hier aus und mit Glocken- und Orgeltönen - erstellen zu wollen, aus den harmlos-anmutenden Kinderlied-Jargon-Tönen eine in sich geschlossene „Gedanken-Kathedrale" zu errichten, in der - basierend auf meinen für dieses Stück gültigen „Lieblingsnoten" - Spiel und Spaß, Humor und Trauer, Klangmalerei und Kult, aber auch Pathos und Traumvision im Sinne einer Wahrheits - und Ewigkeitssuche Platz finden sollten. Musik ist Zeitkunst, sie entfaltet sich in der Zeit und durch die Zeit. Kein Geringerer als Olivier Messiaen, bei dem ich zwei Jahre studieren konnte, deutete einmal die Zeit wie folgt: „Da das Studium der Musik mit dem Rhythmus, also der Zeitgestaltung, beginnen muss, versuchte ich vor einigen Jahren meinen Schülern am Pariser Conservatoire eine Philosophie der Dauer zu entwerfen. Ich erklärte ihnen all die einander-überlagernden Zeiten, die uns umgeben: die ungeheuer lange ,Zeit der Sterne' (bezeichnenderweise messen wir ja deren Distanzen in Lichtjahren), die ,sehr lange Zeit der Berge', die .mittlere Zeit der Menschen', die , kurze Zeit der Insekten', die ,ganz kurze Zeit der Atome'. Alle diese Zeiten sind insofern ähnlich, als sie für jede Einheit eine normale Lebensdauer definieren, doch bedeuten sie, im Gegensatz dazu, enorme Unterschiede für unsere Wahrnehmung. Ich erkläre meinen Schülern auch die verschiedenen Zeiten, die im Menschen zusammenleben: die physiologische Zeit, die psychologische Zeit." Ich könnte Sie nun in Weiterspinnung dieser Gedanken mit einer Unmenge weiterer philosophischer Zeit-Definitionen überschütten, könnte Ihnen über: unwiederholbare, nicht umkehrbare, zielgerichtete Daseins- und Beharrenszeit, von „Zeit als innerem Erlebnisbewußtsein" (Edmund Husserl) ebenso referieren wie über „innerliche und eigentliche Zeit" (Henri Bergson) oder über das Begriffspaar „Zeitlichkeit-Geschichtlichkeit" (Martin Heidegger), könnte die „Gegenwart von Vergangenem" - in den „Confessiones" des heiligen Augustinus erinnerung genannt - die „Gegenwart des Gegenwärtigen" als: anschauung die „Gegenwart des Zukünftigen" als: erwartung betituliert, zitieren: All diesen sprachlichen Annäherungsversuchen, die „Zeit" zu definieren, sie konkret zu benennen, ist eines gemeinsam: sie bedienen sich Sprach-Bildem, Metaphern, tragen also, wie das Wort besagt, Bedeutungen in „Die Zeit", geben ihr eine durch und durch subjektiv-schillernde, polytempische Komponente, die es genau eben ist, was Komponisten reizt und stets gereizt hat, mit ihr kompositorisch umzugehen, die wohl auch den Anti-Klassiker Jean Paul reizte, um zu seiner „Goldader von Formulierung" zu kommen: „Die Zeit, eine Larve der Ewigkeit". Muß ihn doch - so interpretiere ich - das Transformatorische, Metamorphosenhafte von Zeit so gefesselt haben, um so erhaben eine Zeit zu umschreiben, um so bilderreich - ich interpretiere weiterhin - die Larve sich verpuppen zu lassen, um als Schmetterling, der Blüte, der Vollendung, der Ewigkeit entgegenzufliegen. Und hier sind wir nun genau im Stück, sind wir genau in der Formkonzeption meiner vier Glockenstücke über C-A-G-E: Die Komposition versucht immer konkreter, die Zeit virtuell-still zu setzen; versucht sich immer mehr, aus einem linearen Zeitbegriff zu einem neuen Ziel gerichtet freizuboxen, zu einer Art Ich-Freiheit (statt Ich-Haftigkeit), zu einer Vorurteils- und Absichtslosigkeit zu einer, wie es Samuel Beckett einmal nannte, „Losigkeit" zu kommen, als sei Zeit-Losigkeit: EWIGKEIT, so der „Gedanken-cantus-firmus" meines 3. und 4. Carillons. C-A-G-E, also John Cage nun im Komponistenhimmel? „Die Zeitlichkeit-Geschichtlichkeit" als Chiffre menschlichen Daseins wirkt suspendiert. John Cage wünschte uns einmal „happy new ears", glückliche neue Ohren, sicherlich auch deswegen, weil es uns „Allegro-agitato-Europäem" wohl schwerfiele, dem musikalischen Parameter Zeitdauer auch wirklich einmal DAUER zu geben: Marcel Proust forderte es (am Schluß seines letzten Bandes Le temps retrouve {Die wiedergefundene Zeit): „l Minute, frei von Ordnung der Zeit, hat in uns - um sie zu erfüllen - den Menschen wiedergeschaffen, frei von Ordnung der Zeit.") Um aber genau
dahin final zu gelangen, bedarf es nun einer, auf dem Schreibtisch eines
real-existierenden Komponisten entworfenen Ton- und Dauerordnung, die, in
mehreren Etappenzielen vollzogen, eben dieses Freiboxen aus motivischer
Nur-Durchführungsmusik mit einer eher simplen rhythmischen Struktur — ein
Carillon ist zunächst einmal eher rhythmisch-ostinat als seriell organisiert
- (die dieses Freiboxen) dann auch garantiert. Ausgehend von einer
spieldosenartigen Wiederholungsmusik, werden aus C-A-G-E-Motiven immer mehr
„Einzeltöne", werden aus rhythmischen Mustern immer mehr
Einzelimpulse, die — einmal „gerade noch" - zunehmend mehr dann „gerade
nicht mehr" sich zu einem Motiv zusammenschließen. Die Larve
transformiert sich zu etwas Neuem! Der Komponist selbst verändert sich,
erweitert sich, läßt sich gehen, verläßt Verfestigung und Tabuisierung:
Spekulation und Kalkulation, d.h. Spiel und Gedanke verschwistem sich zu
Inspiration und zeitigen die endgültige Nomination des Materials. Das Spiel
dabei war der Auto-Zündschlüssel, auf dass das Automobil seinem Namen
gerecht wird, nämlich ein selbstbewegliches, sich selbstbewegendes Gefährt
zu sein, das wie ein neugeborener Schmetterling sich auf die Reise begibt
ins Heute, d.h. in die „Anschauung", ins Morgen, d.h. in die „Erwartung".
Wir hören: der Motor ist angelaufen. Wo soll die Reise hingehen? Nach
Nordfrankreich oder Holland, zu den klassischen Glockenspiel-Ländern? Nein,
die Reise geht nach Amerika zu John Cage, später ins menschenleere „Nirwana".
Die vier Glocktöne huldigen aus allen vier Himmelsrichtungen dem „Kirchenvater
der Anarchie", John Cage. „Carillon"
- „qua regnon" - „quadrino" • „quaterico": also vier Tongruppen, so wäre Carillon wohl zu übersetzen. • Die „vier Grazien meines Dankes" gehen an Dich, John. Danke, dass Du Gott sei Dank sowohl in Deinem Vor- wie Nachnamen nur vier Buchstaben hast... • Danke für Deine vier schönen „Muttertöne", ein klanglich so agreabler „pentatonischer Seelenschnee" ... • Danke an Sie, daß Sie meinen Gedanken spielen in der Zeit jetzt so aufmerksam gefolgt sind und daß Sie sich hoffentlich mit mir in dieProustsche „l Minute frei von Ordnung der Zeit" hineinwagen. Die vier Stücke dauern 20 Minuten. • Danke meinen passionierten Musikern. • Ein fünfter Dank, sorry John - Du bist gedanklich nicht der Erfinder der Pause als Musik -, mein fünfter Dank geht an den europäischen Dichter Ludwig Tieck, der schon 1838, also 74 Jahre vor Deinem Geburtstag, schrieb: „Scheue nicht die liebliche Stille des säuselnden Geistes, welcher in der Mitte der innigsten und höchsten Gedanken wohnt und dessen Stummheit nur dem unverständlich ist, der noch nie an den Ohren ist beschnitten worden." Anmerkungen• Der Text basiert auf einem Vortrag, den Prof. Theo Brandmüller zu Beginn des Wintersemesters 1994/95, am 28.9.1994, an der Hochschule des Saarlandes für Musik und Theater, im Rahmen eines Festkonzertes zum 300. Geburtstag von Friedrich Joachim Stengel in der Saarbrücker Ludwigskirche gehalten hat. In dem Konzert wurde Brandmüllers Komposition Architectura caelestis. 4 Carillons über C-A-G-E für Klarinette, Schlagzeug und Orgel uraufgeführt. Es spielten Theo Brandmüller (Orgel), Eduard Brunner (Klarinette) sowie Andreas Häckel, Birgit Ibelshäuser, Thomas Keemss, Lars Lauer und Armin Sommer (Schlagzeug). 1 Stil oder Gedanke? Die Schönberg-Nachfolge in Europa und Amerika. 4. Projektwoche an der Hochschule des Saarlandes für Musik und Theater vom 28.6.-2.7.1994. Vgl. hierzu Stefan Fricke, Amold Schönberg, in: Saarbrücker Hefte Nr. 73, S. 93-95 sowie Stil oder Gedanke ? Zur Schönberg-Rezeption in Amerika und Europa, hrsg. von Stefan Litwin und Klaus Veiten, Saarbrücken: Pfau 1995 (= Schriftenreihe der Hochschule des Saarlandes für Musik und Theater, Bd. 3). 2 Vgl. Theo Brandmüller, Stile herrschen - Gedanken siegen. Mein kompositorisches Selbstverständnis, in: Stil oder Gedanke?. a.a.O.. S. 258-265. |
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